spree:geflüster

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Archive for Januar, 2009

Ein Tag im Prenzlauer Berg

Januar 13, 2009 von Sebastian abgelegt in: Gesehen.

Entschleunigung heißt in dieser Zeit, sich offline zu bewegen. Das Mobiltelefon wurde also zu Hause gelassen. Der Junior und ich machten uns nach Tagen des Siechtums auf, dem vielgeschmähten Bezirk einen Besuch abzustatten. Bezeichnend ist, dass ich diesen Text auf der Rückseite eines „Überrasch Dich selbst Gutscheins – Die Grindberg Methode“ schreibe.

Wir steigen Eberswalder Straße aus und laufen an Bäumen vorbei, die alle wie ihre armen Brandenburger Alleeverwandten bis hinauf zur kümmerlichen Krone weiß angemalt sind. Auf dass auch jeder versteht, trägt ein jeder Baum die Botschaft „Bitte fahr mich nicht um!“ um den Hals. Es ist nur ein Detail, aber jedes Papier ist laminiert und wird noch Generationen erfreuen. Auch wenn wir bis dahin vollständig biologisch abgebaut wurden.

Ehe ein Baum von einem Auto beim Einparken gerammt wird, würde diese von der sturen unverhältnismäßig hohen Altberliner Bordsteinkante untenherum rasiert werden. Aber es ist ja ………, was zählt. (Leserbeteiligung: Füllt ein, was Ihr wollt!)

An diesem Schildbürgerstreich vorbei schlitterten wir zum Helmholtzplatz und suchten das Spielzimmer auf. Sehr charmant für Eltern und Kind. Und darum geht es ja. Und wenn man den ganzen Tag drinbleiben muss, weil der Spielplatz zugefroren ist, bietet sich die Möglichkeit der Beobachtung des Neuprenzlauerbergers in seiner angestammten Umgebung. Zuerst hatte ich den in einem evangelischem Kindergarten gestählten Junior auf ein Paar, Anfang vierzig mit Kleinkind losgelassen. Mit der Power-Rangers-Kack-mich-zu-Pistole wurde der Vater der wohlbehüteten Raupe mehrmals eliminiert, während er seinen Tropfenformkörper durch für Kinder konzipierte Gänge quälte. Wieder draußen wurden sämtliche Kindergartenoptionen durchdekliniert und sich abfällig über Power Rangers und Pokémon geäußert. Zeit, um meinerseits dem vom vom Junior zermürbten Paar den Todesstoß zu versetzen. „Die Power Rangers hat der Rüpel im evangelischen Kindergarten kennengelernt, in dem absolutes Waffenverbot herrscht. Die Jungs haben dort als erstes alle Besenstiele in den Türrahmen abgebrochen und benutzen sie seitdem als Gewehre oder Schwerter.“ Wieder zwei Menschen auf den Berliner Boden zurückgeholt.

Während vorne im Café vor dem Panoramafenster ein Stillkreis die Brüste vor den Passanten entblößte, kam uns ein munterer Junior besuchen. Die beiden versuchten sich im Turmbau und das überraschenderweise gemeinsam und friedlich. Der andere sprach Englisch, was den Rüpel zu der Frage verleitete, ob er aus England käme. Irgendwie denken alle Kinder bei anderen Sprachen nur an Englisch, da macht meines keine Ausnahme. Von der Mutter bekam er die Antwort: „Aus Australien!“ Und jetzt kam ein kleiner Monolog, der meinem Junior die lebenslange Mitgliedschaft in latent leitkulturanfälligen Vereinen gesichert hat: „Ich komme aus Deutschland. Und ich spreche nur Deutsch! Wir sprechen alle nur Deutsch!“ – Tiefe Stille und Betroffenheit breitete sich aus. – Die Neoprenzlauerberger sind besonders leicht zu beeindrucken. Es gibt da diesen Konsens, der sich vielleicht mit so etwas wie dem Gegenteil des Ariernachweises ausdrücken lässt. Oder anders gesagt: Wenn schon national, dann sind wir Bi.

Nachdem uns der junge Australier verließ kam der Höhepunkt des Tages. Mittlerweile war die Stillgruppe weitergezogen und von irgendwoher kam ein Schwall der Ursula-von-der-Leyen-Zielgruppe. Die Ein- bis Dreijährigen. Allesamt verschwanden sie im Kletterlabyrinth. Der Junior hatte mittlerweile ein Spidermancape um, obwohl ich ihm mehrmals sagte, dass nur dumme Superhelden Capes tragen würden (Mehr Informationen dazu bei den Unglaublichen). Dazu kam noch eine Augenlarve, die aus der Haut von Kermit Frosch gemacht schien. Es vergingen einige Minuten, dann rannten die ersten Kinder weinend zu ihren Müttern. Hinter ihnen her rannte Spiderkermit und brüllte.

Was mich an diesem Tag wunderte: Wo waren die neuen Väter, von denen sonst soviel zu lesen ist? Jedenfalls nicht im Kindercafé. Dort hatte ich Artenschutz.

Was mich nervte: Besonders locker sind die Eltern hier ja nicht. Kaum glimmt ein kleiner Konflikt auf, springen schon die Eltern wie Blauhelme mit robustem Mandat dazwischen und trennen die noch gar nicht zerstrittenen Parteien. Damit nicht genug, folgt gleich noch eine Belehrung erster Güte: Die Kinder sollten doch miteinander reden (auch wenn sie es offensichtlich noch nicht können) und das Spielzeug abwechselnd nutzen (und nicht gemeinsam). Was werden diese überversorgten Kinder später eigentlich machen, wenn Mama und Papa nicht da sind?

Nichtsdestotrotz ist das Spielzimmer ein äußerst angenehmer Ort. Der Besuch nach 16 Uhr, wenn sich nur abgekämpfte Eltern und Kinder darin aufhalten, bleibt allerdings Geschmackssache. Der getrennte Kleinkindbereich ist prima und das, was ich mir manchmal früher gewünscht hätte, allerdings wird er in der Mehrzahl von Eltern bevölkert. Diese müssen ihren Nachwuchs selbst noch durch diese Gated Community begleiten. Aber das kennt man ja auch aus Schwimmbädern, wo Eltern sich in 40 cm tiefen Nichtschwimmerbecken wie gestrandete Wale wälzen.