spree:geflüster

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Archive for Februar, 2009

Altes neu aufgewärmt

Februar 23, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Gehört., Geschrieben.

Berlin im Winter. Es gibt nichts Schöneres als einen verschneiten Wintertag in dieser weitläufigen Stadt. Die Autos fahren so langsam, als wollten die Fahrer nichts anderes als sich satt sehen an dieser ruhigen Weiße, Omas schlittern kichernd die Straßen entlang auf dem Weg zum Orthopäden, den sie sicher­heitshalber schon mal eingeschlagen haben, weil sie ja ohnehin gleich hin­fallen werden. Und endlich einmal von radikalen Radfahrern befreite Straßen. Es gibt nichts Schöneres. Wenn… Ja, wenn da nicht all die Menschen wären, die beim Betreten gut geheizter Bars, Wartezimmer und Arbeitsämter alle Regeln der Konversation vergessen und, ungeachtet ihres Bildungs- und sozialen Standes, alle nur einen Satz hervorbringen:

„Es ist kalt draußen.“

Was für eine Wahrnehmung! Was für eine Erkenntnis! Hallo, ist euch das Hirn eingefroren? Natürlich ist es kalt draußen, es ist schließlich Februar, es ist Winter! Trotz globaler Erwärmung bleibt der Winter in Deutschland immer noch ein Winter, der nun mal mit mehr oder weniger Minusgraden auf sich aufmerksam macht. Überrascht? Wahrscheinlich nicht, denn euer Reptilienhirn hatte euch ja längst signalisiert, dass ihr nicht in Shorts und kurzem Röckchen rausgehen solltet. Also doch einfach nur verblödet.

Es ist deutsch in Kaltland. Das hat nun weniger mit der gerade vorherr­schenden Jahreszeit zu tun als mit der offenkundigen Abgestumpftheit gegen­über schreienden Ungerechtfertigkeiten in der Welt. Rundum auf dem ge­samten Globus wird aufgerüstet wie seit den besten Siebzigern nicht mehr, und unsere Regierungsparteien kuscheln miteinander, als ginge es um den Steiff-Teddy-Preis. Da wird seit Jahren über „familienorien­tierte“ Politik geredet – über Elterngeld, Kinderbetreuungsgeld, Kindergeld, Erziehungsgeld, Kita-Kosten – es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die SPD-Parlamentarier die Rechts-Außen-Ecke erreichen und ganz im christ­sozialen Sinne die Verhütungsmittel verbieten wollen, während die CDU-Mitglieder geschlossen in die SPD eintreten. Beide großen Parteien bewegen sich aufeinander zu und werden dadurch kaum mehr unterscheidbar. Ist also doch alles eine Soße, gut erkennbar gerade beim Thema Familienförderung. Flagge hoch und ficken fürs Vaterland!

Doch halt, ist das neu? Altkanzler Kohl (das war der Dicke mit den Gedächt­nislücken) sonderte bereits vor Jahren lustige Plattitüden zum Thema ab: „Wer ja sagt zur Familie, muss auch ja sagen zur Frau.“ Klasse, Herr Dr. Kohl. Doch es spricht noch weiter: „Wer ja sagt zur Familie, muss auch ja sagen zur Frau. Wer ja sagt zur Frau, muss auch ja sagen zum Mann. Wer ja sagt zum Mann, muss auch ja sagen zur Gemeinschaft. Wer ja sagt zur Gemeinschaft, muss auch ja sagen zum Staat. Wer ja sagt zum Staat, muss auch ja sagen zur Verteidigung. Wer ja sagt zur Verteidigung, muss auch ja sagen zur Bundeswehr. Wer ja sagt zur Bundeswehr, muss auch ja sagen zum Ernstfall. Wer ja sagt zum Ernstfall, muss auch ja sagen zum Erstschlag.“
War da nicht gerade was? Hat nicht gerade unsere Kuschelkoalition beschlossen, noch mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken, sicherheitshalber gleich ganz ohne Zeitbegrenzung? Na dann weiter im Text:

„Wer ja sagt zum Erstschlag, muss auch ja sagen zum Untergang. Wer ja sagt zum Untergang, muss auch ja sagen zum Neubeginn. Wer ja sagt zum Neu­beginn, muss auch ja sagen zur Familie. Und wer ja sagt zur Familie, muss auch ja sagen zur Frau.“
Und so weiter. Danke, Herr Kohl. Jetzt erinnern wir uns wieder. Die Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft gründet den Untergang ebendieser und den Neuaufbau genau solch einer. Wunderbar. Karl Marx wäre angesichts dieser Dialektik begeistert und würde vielleicht von seiner fixen Idee lassen, wenn er noch könnte.

Aber auch ohne Marx und Co. wird langsam begreifbar, warum, anstatt mal wirklich mit den manikürten Fäustchen auf den Tisch der internationalen Politik zu hauen, in unserem Parlament nur noch über die Bezahlbarkeit des Kinderkriegens (und die Finanzierung komplett familienuntauglicher Kleinwagen) ge­stritten wird. Irgendjemand muss ja schließlich irgendwann den ganzen deutschen, europäischen und globalamerikanischen Scherbenhaufen zusam­menfegen und damit noch einmal von vorn anfangen. Sandburgfrieden auf Mallorca und in Kühlungsborn und in Miami, immer und immer wieder von vorne anfangen mit dem lustigen Geschrei beleidigter Bürgerkinder. Könnten wir uns als Gegenentwurf nicht als neo-revolutionäre Einheiten zu­sammentun und zur Erhaltung des Weltfriedens von unserem Zeugungs­verweigerungsrecht Gebrauch machen – und damit die deutsche demo­graphische Vorreiterrolle unterstreichen? Kondom und Pille als patriotisches Instrument – das ist die friedliche Variante eines nationalen Suizids, als Gegenstück für den ewig um einen kleinen Erstschlag bettelnden Iran, zum Beispiel.
Noch bleibt uns ja ein wenig Zeit, bis die Gefühle für Familie und Kinder und die geplagten Armen in den Dritte-Welt-Ländern wieder aufkeimen. Noch haben wir Schonzeit, bis es wieder frühlingt, sich unsere Libido wieder chronisch entzündet und sich der Winter mit vermehrten Regengüssen verabschiedet.

Und dann heißt es garantiert sinnfrei Allenortens: Es regnet. Draußen.