spree:geflüster

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Archive for März, 2009

Eine kurze Einführung über die Zeit (II)

März 07, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Gelesen., Geschrieben.

Und so liest du immer weiter. Und weiter. Die Zeit verfliegt, die Traurigkeit über die geliebte, aber verpasste Literatur auch. Und schließlich: Du kannst alles sofort kommentieren, bewerten, verwerfen, bestätigen oder auch ignorieren. Du kannst Pausen machen, wenn ein Tor fällt oder das Lieblingsmodel heult wie ein in oben genannten Regen gekommener Pudel. Oder wenn deine Mutter anruft, auch dreimal am Tag. Du lernst, deine Formulierungen kurz zu halten, damit deinen Texten nicht das gleiche passierst wie dem aus den Fugen geratenen Teil I . Gut, manchmal wird alles ein bißchen viel,

Zeit

aber irgendwann bist du auch da durch, und alles geht von vorne los.
Und sollte dir einmal ein gar schrecklicher Fehler begegnen: Stell die Klingel ab, schalte die Telefone aus, öffne eine gute Flasche Wein, schnapp dir ein gutes Buch und lies mal wieder.

Vielleicht sogar den neuen Roman deines Lieblingsautors, der da seit vier Monaten im Regal auf dich wartet.

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Eine kurze Einführung über die Zeit (Teil I)

März 07, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Gelesen., Geschrieben.

Es ist fast wie ein ganz normaler Abend. Du kommst nach Hause, möglicherweise von der Arbeit, vom Einkaufen, vom nachmittäglichen Kaffeekränzchen. Das Abendessen, heißer Abklatsch der gestern noch so hochgelobten Speise, ist auf dem Weg in die gastritischen Abgründe fast schon einen Schritt zu weit vorangetrieben. Der liebe Gott dimmt die Außenbeleuchtung und die Sonne hatte sowieso keine Lust, dir eine Extrawurst zu braten und auf dem Wettlauf Richtung Westen einen Schlenker über deinen Nordbalkon zu machen. Zu allem Überfluss und zu deiner Freude, denn jetzt musst du das Haus wirklich nicht mehr verlassen, fängt es auch noch an, Hunde und Katzen zu regnen. Im Fernsehen werden nur Wiederholungen gezeigt – zumindest wirkt jede neue Folge jeder neuen Serie so wie dein heutiges Abendbrot -, im Kühlschrank liegt noch ein Bier vom Wochenende, die Couch ist frei, weil deine Freundin (oder, wenn wir die Geschlechter anders verteilen: dein Freund) gerade bei den Eltern, bei Freunden, im Kino… ach, denk dir doch selber etwas aus.

Dann holst du ES aus dem Regal.

Seit zwei Wochen versucht ES, seinen Artgenossen gleich, Rost anzusetzen, zu schimmeln, oder – wir wollen ja nicht übertreiben – wenigstens der Zeit angemessen einzustauben. Du pustest ES leicht ab, streichelst seinen Bauch und seinen Rücken, den noch unberührten, noch ungeknickten. Du entführst ES auf deine Couch, legst ES auf deinen Schoß, während du deine Brille zurecht rückst. Jetzt ist ES nur für dich da: Das neue Buch deines Lieblingsromanciers. Vorsichtig blätterst du die ersten Seiten um, als fürchtetest du, die Druckerschwärze verliefe vor deinen Augen zu kleinen Tintenseen oder die Zellulose der Seiten verdichteten sich wieder zu ihrem Ursprung, junge Triebe, die den Schatz hehrer Literatur in sich für immer verschlössen. Als keine deiner Befürchtungen (die du niemals zugeben würdest) eintritt, als du voller Ehrfurcht deine Augen über die ersten Zeilen gleiten lässt wie ein Messer über ein frisches Stück irische Butter, da …

Vielleicht hattest du vergessen, dass in deinem Leben noch ein Kind existiert, das einen Gute-Nacht-Kuss einfordert. Vielleicht hattest du vergessen, dass punkt zwanzig Uhr die „besten“ „Freunde“ zur Sportschau kommen wollten (oder – siehe oben – deine Freundinnen zu GNTM), weil du den größeren Fernseher hast und sie zu solchen Anlässen deine Leselust eh nicht verstünden. Vielleicht klingelt auch nur das Telefon und deine Mutter ist dran. Vielleicht passiert auch nichts dergleichen, aber in Befürchtung all dieser Eventualitäten kannst du dich nicht konzentrieren, du legst mürrisch das Buch zur Seite und bewohnst in Gedanken schon einen einsamen, agavenschattigen Felsen in der Sierra Madre, umgeben von verständnisvollen Geckos und lauschigen Kakteen.

Was aber tust du wirklich? Du machst den Rechner an, öffnest ein Programm und liest. Und liest und liest und liest und vergisst, wenigstens für einen Moment, den nur leicht berührten, fast nicht geknickten, so lange ersehnten neuen Roman.

(Fortsetzung folgt)