spree:geflüster

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Archive for Oktober, 2009

Mein Freund Herbert

Oktober 22, 2009 von Bunki abgelegt in: Gesehen.

Ey, Herbert! Musste doch jetzt echt nicht sein, oder? Ich meine, es ist dunkel, ich bin  müde. Regen hat es auch. Und zwar kräftig. Ich sitze in einem mir recht fremden Gefährt italienischer Herkunft, dessen vier Buchstaben im Allgemeinen mit "Fehler In Allen Teilen" übersetzt wird. Das ist schon anstrengend genug. Hatte ich schon erwähnt, dass die Scheibenwischer quietschen? Hey, alles, was ich will, ist flinken Fußes südwärts dem Domizil meines Cousins zu zu streben. Und dann kommst du.

Ich mein ja nur. Du kennst doch den Tom, oder? Nicht? Na gut, sagen wir mal so, der Herr TomTom ist ja recht stur in seinen Ansichten. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, will er es auch umgesetzt sehen. Dass meiner zudem mit der Stimme des Herrn Schröder spricht, seine Anweisungen also markant und schneidig vorträgt, kommt erschwerend noch hinzu. Und der ordert mich nun, das große Alsterwasser zu meiner Rechten rechts liegen zu lassen und einfach südwärts die letzten 800 m geradeaus zu fahren. Alles easy also, möchte man meinen. Technik, die begeistert.

So weit, so gut. Ne, eher so schlecht. Es kann der beste nicht in Frieden fahren, wenn es der lieben StVO nicht gefällt. Menno, merkst du denn gar nix mehr, um es auf hamburgisch zu sagen! Ist der gute alte Gerhard nicht ein Parteikollege von dir? Also was soll der Scheiß? So kann man nicht miteinander umgehen. Auf keinen Fall. Diese Wankelmütigkeit von dir geht mir jetzt echt auf den Keks. Alle paar Stunden wechselst du die Richtung. Ohne dabei Rot zu werden. Mal lässt du einen nur nach Süden, dann wieder nur nach Norden. City einwärts, City auswärts. Schön im Wechsel. Und wehe man schwimmt gegen den Strom. Aber jetzt echt mal ehrlich. Du und ich haben verstanden. Aber mach das mal dem Navi klar. So viel Opportunismus ist echt nicht gut. Nicht mal für einen altgedienten Bürgermeister wie dich!

HH1 HH2

Wie bitte? Erster Bürgermeister? Na gut, weil du es bist, so viel Zeit haben wir gerade noch. Ändert aber nix an deiner Wankelmütigkeit gegen die die heutige SPD mit ihrer steten Umfallerei gen rechts ein aufrechter Fels in der Brandung ist.

Ich hatte es ja nach dem dritten fehl gelenkten Versuch von Tom seinem Tom begriffen, dass ich auf dir zu nachtdauernder Stunde nicht südwärts durfte. Aber dein Ex-Kanzler mochte das partout nicht einsehen. Immer und immer wieder orderte er mich zurück auf deine widerstrebenden Bahnen. So beharrlich, wie er 2005  an der Kanzlerschaft festhielt. So viel Realitätsverlust, das kann schon etwas anstrengen.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich müde war?

Ne, Herbert. So werden wir echt keine Freunde mehr.

Wider den tierischen Ernst.

Oktober 18, 2009 von Gastautor abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Ihr werdet es nicht glauben! Naja, doch, werdet Ihr, gleich.
Die hochgeschätzte Frau Gräfin Alexandra hat gereimt und genehmigt, dieses literarische Kleinod hier zum Besten zu geben. Und so übergeben wir den Reim an @silenttiffy:

 

Klein Wombat verschluckte ein Tütü,
ist das nicht grenzdebil?
Debiler noch als Bullerbü
und Vororte von Kiel.

Senf macht Ponies schwerlich satt,
die Wurst muss schon dabei.
Sonst liegt die Mähne unschön platt,
beleidigt nur Karl May.

Dem Biber sein Kopiergeschäft
ist mächtig am florieren dranne,
doch der Erfolg steigt ihm zu Kopf,
und er verblutet in der Wanne.

Es greint und lamentiert der Barsch:
"Ich hab so einen fetten Arsch!"
Meint darauf Omas Apfelplunder:
"Meiner ist platt wie eine Flunder."

Ein Euter hat im Grunde zwei,
vielleicht auch drei, vier Pimmel.
So hieß es schon bei Sokrates,
schrieb Soziologe Simmel.

Der Igel hat es ziemlich schwer
in zärtlichem Geschlechtsverkehr.
Als Fetisch dient ihm’s Stachelkleid,
die Lust erlebt er nur im Leid.

Der Uhu friert ohne Pullover,
das Ärschlein fällt ihm gleich vom Leib.
Now it’s with poetry slow over,
welch hirnrissiger Zeitvertreib!

Der Hirsch hat jetzt ein Arschgeweih,
der Specht erblasst vor Neid.
Sein Iro ist so 2003,
ach, was vergeht die Zeit!



Danke, Silenttiffy!

“Die Kuh macht muh, der Ochse auch,
sind schwer zu unterscheiden.
Erst wenn man melken will,
merkt man den Unterschied der beiden.”
(Heinz Erhardt)

Traumlesung.

Oktober 16, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Klaus, fünfunddreißig Jahre, von Pegasus beflügelt, besitzt den Drang, als Autor berühmt zu werden. Aber aller Anfang ist schwer. Verlage pflegen wohl, und auch das nur in begrenztem Umfange und, dies sehr ausgiebig, anerkannte Klassiker zu drucken – nicht aber den ROMAN von Klaus.

Seine Manuskripte kommen, wenn überhaupt, nach sechsmonatiger Anstandszeit dank Rückporto an den Absender.

“Ein beachtliches Werk, sehr unterhaltsam, informativ…” lauten hektographierte Begleitschreiben. Unterschrift: Annimi Klein, Lektorat.

Insider kennen Annimi, bis vor zwei Wochen stets mittäglich anzutreffen in den einschlägigen Cafés der “scene”, einst am Band einer landesweit unbedeutenden Fotofabrik, später Garderobiere am Theater, jedem bekannt Aussehenden vertraut-freundlich zunickend. Von Kunst keine Ahnung, wozu auch? Irgend jemand muss ja zurück adressieren.

Was tun? Klaus befragt sich und andere, vernimmt den Rat, im Feierabendheim zu lesen und dort bekannt zu werden. Die Heimleitung freut sich, dass der Autor weder Anleitungen zum Basteln volkstümelnder Untersetzer und Topflappen noch Kaffeeservices für fünfzig Personen den geistig leicht abgebauten Mitbürgern aufschwatzt. Der ROMAN, da noch ungedruckt, ist ebenso unverkäuflich. So verbleibt das Taschengeld der Heimkantine.

Begeistert liest Klaus, sein Gesicht rötet sich vor Freude. –
Nach dem ersten Kapitel blickt er gespannt ins Auditorium, erschrickt. Oma in vorderster Reihe ist soeben sanft entschlafen, wird, einem alten Möbel gleich, fortgeräumt.
Nächstes Kapitel. Das Spiel wiederholt sich: Stühle ohne Menschen, Schwestern mit Bahren. Drittes Kapitel: Sein literarischer Hit-Saal ist entleert.

Hatten ergreifende Dichterworte die Heiminsassen getötet? Trägt der Autor Schuld am Desaster? Schreckliche Gedanken, deprimierend. – Fluchtartig verlässt Klaus den Raum.

Die Türe des Nebenhauses ist offen. Ob sich hier Zuhörer finden? Klaus sieht sich im Schlachthaus, Fleischerhaken an den Wänden, an denen Bücher hängen. Blut tropft. Sein ROMAN – Wurst soll daraus werden. Er kann sich nicht beherrschen, fasst die Bücher an und wird sofort verhaftet. Fingerabdrücke beweisen Terrorismus und Schuld. Harmlose versteckte Anspielungen werden gerügt, Klaus ROMAN, noch ungedruckt, schon verwurstet, auf den Index gesetzt. Schreib-, und ergo Berufsverbot als mildeste Strafe. Autoren leben gefährlich, schon immer.

Ein Polizist erscheint, führt Klaus auf die Straße. Dort eilen Passanten, tragen Bücher unter den Armen, seinen ROMAN. Doch als Autor zeichnet ein bekannter Kritiker. Niemand glaubt KLaus. Alle beschimpfen ihn als Abschreiber.

PLAGIAT heißt die Anklage.
”Hohes Gericht,” ruft der wirkliche Romanverfasser, “Ich bin unschuldig!”
”Das behaupten alle.” lautet die lakonische Antwort.
Richter und Beisitzer sind weiblich, lachen höhnisch. Sie beginnen sich zu entkleiden. Ein Novum in der Justiz.
Die Richterin in roter Robe, darunter nur bloße Haut, ergreift die Protokollantin, verschwindet mit dieser im Nebenraum. Die Hauptbeisitzerin, eine Wirtin, verliest die Anklageschrift: “Der ROMAN hat die Belange emanzipierter Frauen nicht berücksichtigt, wer sich als Autor ausgibt, steht demzufolge die Schuld ein und muss bestraft werden.”

“Was ist Emanzipation?” will Klaus wissen.
Die Frauen im Saal lachen. “Emanzipation bedeutet ständigen Wechsel. Männer gleichen Pappbechern mit schalem Bier auf dem Rummelplatz. Devise: Ex und Hopp! Wer die moderne Zeit verschläft, ist zum Schreiben nicht befugt.”
Die Zuhörerinnen stimmen ein Lied an: “Sein Ding zu klein / rutscht nirgendwo rein / bumsbums ganz keck / wir schneidens ihm weg.”

Klaus weiß nicht, was der Text bedeuten soll, empfindet ihn nur als peinlich. Er schließt die Augen. Der Gesang verstummt, es ist totenstill. Langsam öffnet er die Augen wieder.

Er findet sich in einem Gewächshaus, voller Grünranken, anstelle Blumen gedeihen kleine, mittlere, große Bücher. Sein ROMAN. Wissenschaft, auch grandios, wird nicht mehr gedruckt, besagt ein Schild. Stattdessen werden Texte in Pflanzen genetisch verankert, wachsen unablässig. Ökologische Methode.

Die Freude währt nicht lange. Gärtnerburschen erscheinen, reißen die Bücher unreif ab, reißen die Pflanzen aus der Erde. “Halt, Freunde, mein ROMAN, er muss noch ausreifen!” ruft der Autor, doch die Burschen schütteln den Kopf.

“Es war ein Flopp, Herr Klaus, nur Tomaten braucht der Mensch, keine Literatur.”
”Aber Bücher enthalten den Fortschritt! Ohne Bücher keine Bildung, ohne Bildung kein Wissen, ohne Wissen kein Fortschritt!”
”Unsinn, lieber Freund. Die Welt hungert nach Tomaten, die allein sind gefragt. Was das Lesen betrifft, haben sogar Abiturienten davon keine Ahnung ––– aber ALLE LIEBEN TOMATEN!”

In diesem Augenblicke wachsen Klaus diese Nachtschattengewächse aus dem Körper, tragen sofort rote, dicke Früchte, die die Gärtner gierig ernten. Dabei reißen sie dem Literaten stückweise Arme und Beine vom Leib. Es schmerzt, er schreit um Hilfe.

Der berühmte Kulturpolitiker – bekannt aus Fernsehen und Zeitung – erscheint und gratuliert dem Torso. “Wir verleihen Ihnen hiermit enen Pris für die gute Leistung,” ertönt es, dann hängt Klaus ein goldenes Blech um den Hals.
“Ohne Hände, ohne Füße… was nützt mir da der Kunstpreis?” jammert der so Dekorierte. Anwesende lachen schallend, so dass die Scheiben des Glashauses zerspringen. ”Wer nicht schreibt, erhält Auszeichnungen. Moderne Literatur ist Nicht-Literatur. Schreiben muss verhindert werden!”

Eine total desolate Welt, denkt Klaus. Traum oder Realität? Er wird es nie erfahren, hat doch diese schöne Welt soeben verlassen.

“Unser verehrter Gast scheint nicht mehr zu leben”, ruft Oma aus der ersten Reihe. Schwestern eilen herbei. “Verhungert”, stellt der Heimarzt fest.
Die Zuhörer verlassen den Raum, die Abendsuppe ist aufgetragen. Mehlklößchen in Sauerampferbrühe. Delikat für jene, die Lust verspüren. Schade, die Portion des Dichters bleibt übrig, wird verteilt. Ein nicht mehr benötigtes ROMANmanuskript heizt den Küchenherd.

Autoren leben gefährlich.

Shakespeare. Sonett 66. Nachdichtung.

Oktober 12, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Gehört., Gelesen., Geschrieben., GLitterarisches.

Genug davon. vor Ekel schrei ich auf

Davor. wie Jugend heimatlos verkommt

Wie aufgeblähtes Nichts mit Wohlstand protzt

Korrupte Selbstsucht Privilegien rafft

Wie eitle Missgunst Sachlichkeit zernagt

Wie Ungeduld verbittert resigniert

Wie dumpfe Feigheit freie Willen lähmt

Verhöhnt und wie Vereinigung versiegt

Wie Kunst bildschöne Illusionen geigt

Wie dreister Stumpfsinn Heiterkeit erstickt

Wie Wissenschaft geknebelt Wasser lässt

Wie tätige Vernunft ohnmächtig stöhnt…

.

Genug davon. längst wäre ich weit fort

Ließ ich nicht dich allein an diesem Ort.

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78 rpm

Diese Nachdichtung, gesprochen von Marlene Marlow, als mp3:

Here is the Music Player. You need to installl flash player to show this cool thing!

(entnommen aus: „Grenzgänger“, Hörstück von P. Dessin)

Die Melancholie der Kastanie

Oktober 12, 2009 von Bunki abgelegt in: Gefunden., Gelebtes.

Es herbstet. Die dritte Jahreszeit pfeift durch die Lande. Die Menschen umgürten sich mit Schals, hüllen sich in feste Gewänder. Und all die herabfallenden Früchte, die Vorboten des kommenden Winters, kullern munter auf den  Straßen entlang. Blätter, Eicheln, Kastanien. Ja, auch Kastanien.

Kastanien Kastanienmaennchen

Sie stehen für Kinderlachen, fröhliches Basteln, lustige Figuren. Für unbeschwerte, sorgenfreie Lebenszeit. In Kastanienfässern reifte einst der berühmte Vin Santo, der Hochgenuss aus der Toskana, ehe er dem schnöden Eichengewächs weichen musste.

Doch ist die Kastanie nicht mehr als das? Ist sie nicht auch ein perfektes Sinnbild für das Auf und Ab der Liebe? Am Anfang glänzend, vollmundig und rund. Vielversprechend. Verlockend.Wer könnte ihrem Liebreiz ernsthaft widerstehen? Sie spricht alle an. Weckt Erinnerungen.

Doch mit der Zeit  wird sie schrumpelig. Der Glanz verblasst. Sie wird matt und müde. Und keine Kraft der Welt kann sie zurückholen.