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Archive for Januar, 2010

Schreiben wir eine Pornogeschichte!

Januar 29, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken getragen, eine Pornogeschichte hinzulegen? Nichts schwieriger als das. Voraussetzung ist, dass Sie über ein höchstens durchschnittliches Schreibtalent verfügen, nicht zu  viel Phantasie haben und sich strikt an gewisse  Grundgesetze halten. Das Folgende ist als erste Grundanleitung gedacht.

„Ich habe alles erlebt, was ein Weib im Bett, auf Tischen, Stühlen, Bänken, an kahle Mauerecken gelehnt, im Grase liegend, im Winkel dunkler Haustore, in Chambres séparées, im Eisenbahnzug, in  der Kaserne, im Bordell und im Gefängnis nur erleben kann.“

Dem Bekenntnis der Josephine Mutzenbacher entnehmen Sie, dass dem Pornoroman keine Örtlichkeit zu unpassend ist, um ins Geschehen einbezogen zu werden; bespritzen Sie die Welt mit klebrigem Nass aus ihrer Pornofeder! Allerdings muss die Umgebung durchaus zweitrangig bleiben; wie alle Details, die die nicht zur Hauptaktion gehören, soll sie bloß Realität vortäuschen. Das gestalterische Problem besteht für Sie darin, dass Sie wollüstige Szenen nicht aneinander reihen können, sondern dass Sie sie vorbereiten, die Lücken zwischen ihnen mit Bruchstücken aus der Realität aufschütten müssen. Frisst Ihnen dieser Teil zuviel Raum, droht Ihre Geschichte entpornoisiert zu werden und in eine andere Gattung der Trivialliteratur überzugehen.

Misslungen, aus der Ästhetik des Porno betrachtet, ist etwa die Geschichte jenes anonymen Kollegen, der volle acht Seiten braucht, bis er das Fräulein Else in der gewünschten finanziellen Abhängigkeit des Lüstlings hat und sie diesem als Hörige vorführen kann, während er den Leser mit nur knappen zwei Seiten Sado-Maso um die Erwartung betrügt; das Füllmaterial drängt den zarten Hintern des Fräulein Else an den Rand des Geschehens.

Die Kommerzienrätin flüsterte: “Komm, küsse mich!” Die Beiden umarmten sich innig, die sonderbare Liebe machte aus Herrin und Dienerin zwei gleichgestellte Geschöpfe.

Unsere wichtigste Devise: “ran-an-den-Speck” ist für das Figurenarsenal von entscheidender Bedeutung. Beschränken Sie sich auf die zwei Hauptpersonen und führen Sie weitere Mitspieler nur ein, wenn sie notwendig sind, um die beiden zu kuppeln. Wenn jedoch ein Freund oder eine Dienerin die Szene betreten muss, lassen Sie die Gelegenheit nicht vorübergehen, um mit ihnen rasch ein, zwei Nummern durchzuprobieren; das erhöht den Reiz der Abwechslung und ergibt einen tieferen Sinn. Da die Mitspieler allein durch das Wesentliche, die Sinnlichkeit, miteinander verbunden sind, ohne dass sie durch emotionale, berufliche, klassenspezifische Eingrenzungen behindert würden, finden sie den Weg rasch zueinander und nehmen Paarungen leicht auch zu dritt oder zu viert vor.

Hüten Sie sich davor, Persönlichkeiten darzustellen, das lenkt ab auf Nebensächliches und nimmt Ihnen die Möglichkeit, den Menschen zu seiner Ungebundenheit, zu seiner Freiheit zu gestalten. Zudem würden Sie sich fixieren, blieben Sie an ihren Figuren hängen.

Nichts Langweiligeres für den Leser als dies! Insbesondere für den Romanschriftsteller gilt die Regel: Wechsle die Personen für alle Passionen! Die verschiedenen Stellungen sind rasch erschöpft, zu ihrer Wiederholung braucht es neue Leute, eine neue Umgebung.

Füllen Sie also die frei werdenden Plätze mit Material auf, das noch erotischer, noch pikanter, noch ausgefallener im Geschmack ist. Die Grenzen des Möglichen sind schnell erreicht, zugegeben. Ihr einziger Ausweg ist also der rasche Wechsel. Er verhindert, dass der Leser sich einmischt; lassen Sie einen  Film abrollen, Ihre Leser sind anonyme Voyeurs, die sich in keiner Weise exponieren wollen, weder durch Identifikation mit einem Helden noch durch Reflexion des Geschehens. Halten Sie deshalb Ihre Figuren aus ernsthaften Problemen oder gar gegenseitigen Konflikten heraus, stellen Sie echt Zwischenmenschliches dar, lassen Sie die Partner sich stets vollkommen ergänzen wie in einer Musterehe. Erinnern Sie sich der Puppe, mit der Sie in Ihrer Kindheit spielten und die Ihr treuester Freund war? Nehmen Sie die als Vorbild.

Erst riss ich sie nochmals in meine Arme, nahm sie dann und trug sie auf ein mit vielen Kissen belegtes Bett. Ich ließ sie aufrecht sitzen und kniete mich zu ihren Füßen. Bedächtig löste ich die Strümpfe, zog ihr dann  das Höschen aus und stellte Helena auf den Teppich. Nun verhielt ich einen Augenblick, um ihren nackten Busen, der so voll aus diesem zarten Mädchenkörper heraus quoll, zu betrachten. Da sah ich auch schon die ersten tiefschwarzen Haare. Nun lag Helena nackt vor mir.

Aber, werden Sie einwenden, ganz ohne Schatten ist das Leben nun einmal nicht! Einverstanden, malen wir die Schatten – nur nicht zu dick auftragen. Wir sind schließlich keine Pessimisten (weil: Optimisten sind zufriedene Leute). Josephine Mutzenbacher bringt es fertig, ihn ihren  Bekenntnissen zwischen zwei Ficks in einem einzigen Satz den Tod ihrer Mutter einzublenden:

So standen die Dinge, als meine Mutter plötzlich starb.

Wäre der Verfasser – nach einer Behauptung von Karl Krauss – nicht Felix Salton, der als “Bambi”-Autor von einer gewissen Sentimentalität nicht losgekommen ist, er hätte geschrieben: “So standen die Dinger, als meine Mutter plötzlich starb”, womit er selbst diese artfremde Aussage noch den Pornogesetzlichkeiten untergeordnet hätte; es wäre wahrlich der größte Satz in der Geschichte der Pornoliteratur geworden.

Es gibt keine Situation in der Literatur, wo die Erwähnung des Geschlechtsaktes nicht angebracht wäre. Dieser gehört zum  Leben wie Niesen und Verdauen und genau deswegen können  Sie ihn mit allerhand Tätigkeiten kombinieren, eine Methode, welche das rein Mechanische daran plastisch zum Ausdruck bringt. Während die lüsterne Gouvernante im gleichnamigen Roman eines Anonymos sich mit dem Kitzler der Dienerin  abgibt, bekennt diese – nein! nicht ihre Liebe, nicht so abgeschmackt! – ihre Beobachtung an einem Mord. Hier kommt der flache Beischlaf prächtig heraus, Gedanken und Gefühle beider Beteiligten sind anderswo, dem Leser präsentiert sich ein sterilisierter Akt: gereinigt von allem, was an Zufällig-Menschlichem noch mitschwingen könnte.

Für Ann war die Liebe so selbstverständlich wie Essen, Trinken oder Atmen. Wenn ihr ein Mann gefiel, zierte sie sich nicht lange. Und es machte ihr Spaß. Viel Spaß sogar. Für sie war das Lieben eine Kunst, und sie hatte sich stets bemüht, es zur höchsten Meisterschaft zu bringen. Sie hasste alles Mittelmäßige. Sie hatte ihr Examen mit Erfolg bestanden, und sie wollte es auch im Leben – und in der Liebe – zu etwas bringen.

Der Schluss? Es bieten sich zwei Lösungen an, der repetierende und der endgültige Schluss. Die Kurzgeschichte und das einzelne Romankapitel lassen Sie mit Vorteil nach dem Höhepunkt rasch verenden, dies animiert den Leser zum Weiterlesen. Beim Finish des Romans wirkt dies dagegen unbefriedigend. Hier rasch ein ideales Paar konstruieren und Liebe hinein pumpen. Liebe! Zärtlichkeit! Glück! Ehe! in Aussicht stellen.

Und dann rasch weg – zum nächsten (Groschen-)Roman.

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Und in der nächsten Lektion: “Wie werde ich ein Pornostar”.

Briefe an unsere Follower #8

Januar 21, 2010 von Bunki abgelegt in: Gebrieftes., Geschrieben., Getwittertes.

Traditionen und Regeln sind ja dazu da, durchbrochen zu werden. Macht erstens Spaß. Wer wiegelt nicht gern gegen die Obrigkeit. Und sei es auf! Und zweitens haben wir die Regeln auf Spreegeflüster ja selber aufgestellt. Also nichts leichter, als sie bei Bedarf zu brechen. Oder sagen wir mal, den notwendigen Realitäten anzupassen. Lebende Regeln also, nicht dumpfe Vorschriften. Ergo geht dieser Brief nicht an einen unserer Verfolger. Sondern gleich an mehrere. Und wem der Schuh passt, der ziehe ihn sich an. ;-) Denn ich erhebe dabei beileibe keinen Anspruch auf Vollständigkeit in irgendeiner Art.

Worum es geht? Darum: Alles @saschalobo, oder was! Dieses Eindrucks konnte man sich gestern kaum erwehren, wenn man den Fehler gemacht haben sollte, seiner Timeline ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als vielleicht Körper, Geist und Sehorganen zuträglich war.  Wo man auch schaute, was man auch tat, auf Tritt und Schritt verfolgte einen ein allseits bekannter Iro. Doch eben nicht da, wo er hingehört,  sondern da, wo man ihn nie vermutet hätte. So wie hier:

Oder dort:

Manch einer hat ja dann auch noch versucht, ganz dreist seine Spur zu verwischen. Aber Papier ist geduldig und das Netz unerbittlich. Es vergisst nichts (für Freunde der Berliner Zunge: nüscht)!  Kuckst du hier! Ja, erwischt. Auch du mein Sohn, Brutus, äh meine Tochter @Lana74! Ja, auch du! ;-) Tu quoqoe, mea filia!

Am Anfang stand heute nicht also mal nicht das feingeschliffene Wort, die Macht desselbigen im Twitterlande oder gar ein allseits beliebtes Meme, sondern schlicht der Jux an der Tollerei. Aus einem unschuldig daher kommenden Avatartausch mehrerer Twitterer und Twitteratis wurde es dann phasenweise voll loboesk. Einfachste Netz-Plultimikation eben!

Begonnnen hatte es in der Kanzlei von @andreasposer, der… Ach was, lassen wir es ihn doch selber sagen:

„Begonnen hatte es damit, dass mich @jumac12 in meiner Kanzlei besucht hatte und wir mit ihr mein Profilbild nachstellten. Das Bild von ihr hatte ich heute einfach in meinem Account als Profilbild genommen. Das führte zu einer witzigen Verwirrung. @wimbauer hat dann ein, Bild von @saschalobo genommen und gemeint, er finde Avatarwechsel albern. Das haben dann andere übernommen! :-).“

Ein sich verselbständigender Witz also.  Nicht unüblich im Königreiche Twitter.

Man mag ja stehen zu ihm, wie man will. Ne, nicht @andreasposer. Lobo natürlich! Der ist ein äußerst geschickter Vermarkter seiner selbst. Was absolut legitim ist, auch wenn bei manch einem da manchmal etwas Neid aufzukommen scheint. Nicht umsonst wurde in feiner Ironie angesichts einer jüngeren Kampagne eines Mobilfunkunternehmens mit unserem Vorzeigeblogger darüber gewitzelt, jetzt mache Vodafone ja auch schon Werbung für @saschalobo!

Und es war beileibe nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass das Konterfei uns im Spree-Athen mannigfaltig entgegenblitzte. Das Stadtmagazin Tip hatte nicht besseres zu tun, als sein alljährliches Subjektiv-Ranking der 100 peinlichsten Berliner eben mit Lobos stadtbekanntem Antlitz  als kaufwürdig  anzupreisen.

Was neben dem altbekannten Spruch „Viel Feind, viel Ehr“ in erster Linie für den Geschmähten spricht und, quasi nebenbei, die für den Tip etwas peinliche Frage aufwirft, ob er seiner gar getreuen Leserschaft  (und  die gehört ja eher nicht zu der werbeunrelevanten Zielgruppe der Ü50-Jährigen) seine gekürte Nr. 1, Thilo Sarazzin, nicht zumuten mochte. Hallo, kein Poltikverständis vorhanden? Zu unbekannt der Mann, oder was?

Mit anderen Worten, man traute seiner eigenen Einstufung nicht wirklich über den Weg! Hätte wohl eher kaufabschreckende Wirkung gehabt als einen Erwerbsanreiz geboten. Nein,  sie warben mit ihrer Nr. 7, der den nun eher weniger beliebten Blog-Vorzeiger Nr. 1, Kai Diekmann, deutlichst auf die Plätze verwies. Warum auch immer.  Die Blogwurst hätten sie sich dabei aber sparen könne. Plump! Mehr nicht. Wobei man den Herren Schreiberlingen dort als Tipp nur noch die alten chinesische Weisheit vorhalten möchte: Beleidigungen entehren nur den, der sie ausspricht.

Die generelle Fragestellung des Tages kam dann auch von  Heidi K. aka @__k____:

Könnte vergebliche Liebesmüh sein, denke ich.  Denn dass @saschalobo selber einen sehr feinen Sinn für Ironie besitzt, hatte er ja schon oft genug bewiesen. Was sein Markenzeichen angeht, für mich am schönsten bei nachfolgendem Beispiel.

Schließen wir uns also den wohlfeilen Worten mit einer Frage an: Sind wir nicht alle ein bisschen @saschalobo?

Auf Arbeit

Januar 20, 2010 von Sebastian abgelegt in: Geschrieben.

„Mathias, zieh Dich endlich an! Du bist alt genug. Schließlich wirst Du bald sechs.“ ruft Dorit in das Zimmer ihres jüngeren Bruders. Es ist morgens. Die Eltern sind längst auf Arbeit gefahren. Franziska bereitet in der Küche das Frühstück vor. Aus dem Radio dringt Phil Collins mit „Another day in Paradise“.

„Heute ist wieder Training“, sagt Franziska kauend zu ihrer Schwester. Die nickt und sagt zu Mathias: „Heute machst Du nicht solch ein Theater auf dem Weg zum Kindergarten. Am Freitag sind wir deinetwegen zu spät zur Schule gekommen und haben einen Eintrag erhalten.“ Sorgfältig schmiert sie ihm das Frühstücksbrot für den Kindergarten. Im Radio werden die Nachrichten vorgelesen: „… ruft das Neue Forum am Nachmittag zu einer Demonstration vor der Zentrale des Amtes für Nationale Sicherheit in der Normannenstraße auf.“ Franziska schaut auf die Uhr und schreckt hoch: „Schon fünf nach sieben! Wir müssen noch abwaschen und dann losgehen.“

Während Dorit die Tür abschließt, geht Franziska mit Mathias an der Hand schon die Treppen hinunter. Der Kindergarten ist ungefähr fünf Minuten vom Haus entfernt. Doch da eine größere Straße auf dem Weg liegt, muss Mathias jeden Tag von seinen Schwestern dorthin gebracht werden. Die beiden Mädchen laufen schnell und machen große Schritte. Mathias kommt kaum hinterher und muss bereits rennen, um Schritt zu halten. Am Kindergarten angekommen schubsen sie ihn zur Tür hinein und gehen los zur Schule. Franziska muss dafür noch drei Stationen mit der U-Bahn bis zur Endstation Vinetastraße fahren und dann noch in die Straßenbahn umsteigen. Dorits Schule ist gleich in der Nähe. „Wir treffen uns dann beim Training!“ verabschieden sie sich.

Es ist bereits dunkel, als Franziska und Dorit mit ihren Sportbeuteln und Schulmappen die Straße nach Hause gehen. Das gelbe Licht der Laternen bescheint den schiefen Gehweg. Als sie die Wohnung aufschließen, schlägt ihnen Wärme in das Gesicht. Sie werfen die Taschen in ihr Zimmer und gehen in die Küche. „Hallo Mutti, wir haben Hunger!“ – „Geht Euch bitte waschen und kommt dann in die Küche zum Abendessen.“ – „Wo ist denn Vati?“ – „Der muss heute länger arbeiten.“

Kurze Zeit später sitzen alle vier am Tisch. „Wie war es heute früh mit Mathias? Gab es wieder solch ein Theater wie letzten Freitag?“ fragt die Mutter die Mädchen. „War okay“, nuschelt Franziska. „Und das Training?“ Dorit rollt mit den Augen: „Kraftkreis. Mit Medizinball, Bankhüpfen und Klimmzügen und so. In vier Wochen ist übrigens Wettkampf in der Halle im Sportforum.“ Während die Mädchen weiteressen wird die Musik im Radio unterbrochen: „… verschafften sich Demonstranten während der Kundgebung vor der Zentrale des Amtes für Nationale Sicherheit Zutritt zu den Gebäuden. Momentan ist die Lage völlig unübersichtlich und nicht klar, wieviele Personen sich in den Gebäuden befinden. Gerüchten zufolge soll es auch zu Kämpfen gekommen sein.“ Die Kinder schneiden einen Apfel in kleine Stücke, während die Mutter den Nachrichten zuhört. „Dorit, Franziska. Könnt ihr bitte Mathias ins Bett bringen? Ich muss noch einmal raus zur Telefonzelle und Oma anrufen.“

Richard Dean Anderson rettet im Fernehen als MacGyver sich und eine schöne Frau, als die Mutter wiederkommt. „Schaltet bitte mal auf die ‚Aktuelle Kamera‘ um!“. Mißmutig steht Dorit auf, geht zum Fernseher und fragt vor dem Umschalten: „Muss das sein?“ – „Ihr könnt Euch sowieso mal bettfertig machen.“ Dorit und Franziska schlurfen in das Bad, lassen aber die Tür offen, damit sie den Fernseher hören können. „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“ Die Mutter hat wohl umgeschaltet. „… kam es zur Besetzung der Zentrale des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit. Erste Meldungen über Kämpfe bestätigten sich nicht. Über die Lage innerhalb des Gebäudes herrscht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch Unklarheit.“ – „Mutti, dürfen wir noch ein bißchen lesen?“ – „Ja, dürft ihr. Ich komme dann nachher das Licht ausmachen.“

Neues aus der Yuma Bar

Januar 19, 2010 von Bunki abgelegt in: Gehört., Gelesen.

Alte Stelle, neue Welle. „Read on my dear – die Lesebühne mit Spreeblick“ hatte letzten Mittwoch (sorry für die etwas späte Kritik) sich mal wieder nette Gäste ins Haus geholt. Und anders als in der Vorwoche musste @Freval aka  Frederic Valin in der „Yuma Bar“ diesmal keine Magazine Frischluft von Außen zuführen, weil sich die Anzahl der Besucher in Grenzen hielt.

Dafür war es aber wesentlich gemütlicher, so dass Fred später keine Probleme hatte, mit seinem als „sorting hat“ verkleidetem Klingelbeutel spielend durch die Reihen zu kommen.

Zurück zur Gemütlichkeit. Die strahlte dann auch gleich Frederics erster Gast aus, Thilo Bock.  Thilo las unter anderem aus seinem Roman „Die geladene Knarre von Andreas Baader“ und hatte auch sonst noch so einiges mitgebracht. Beispielsweise in „Indirekt ins Gesicht gespuckt“ eine durchaus brauchbare Anleitung, um für perfekte Verwirrung und liebvolles Chaos zu sorgen. Glauben Sie nicht? Dann folgen Sie einfach mal seinem Rat und laden den bestellten Pizza-Bring-Boten spontan zu einem Dreigänge-Menü ein und schauen Sie, wie er reagiert! Oder nehmen Sie den erstbesten, vollbeladenen Einkaufswagen im Supermarkt, zahlen und brauchen die Vorräte dann bei sich zu Hause auf. Es verrät Ihnen einiges über ihre Mitmenschen. Selbst wenn das ein bisschen mehr Information sein mag, als sie sich vielleicht gewünscht hätten …

In solchen skurrilen Momenten spielt Thilo Bock seine starke Seite aus.  Auch in seinen Alltagsbeobachtungen. Wenn er  wie in Neuköllner Hinterhofgesprächen recht junger Heranwachsender („Kinder, Keks & Clamydien) den ewigen Geschlechterkampf  schon einer Prä-Teenager-Zeit als systemimmanent entdeckt und entlarvt.  Etwas bemüht wird es, aber wenn er in Heinz-Erhard’scher Manier  sich schlicht durch die Gegend kalauert. Das sollte man dann doch lieber dem Altmeister überlassen. Auch seine abschließende Sanges-Litanei war tonal gewöhnungsbedürftig. Dafür aber inhaltlich lustig.

Matthias Oborski als zweiter Gast des Abends, früher mal eine gefürchtete Internet-Rampensau, fing die Zuhörer gleich einmal mit der bahnbrechenden Erkentnnis, dass für Astronauten eine Erektion in der Schwerelosigkeit ein schwerwiegendes Problem ist. Solchermaßen eingestimmt, ging es dann locker weiter. Natürlich durfte auch die Mutter aller Neu-Berliner-Geschichten, das bis auf in einem hier nicht näher zu nennenden Kiez (Bezirk der Spreegeflüster-Redaktion bekannt) allseits beliebte  Schwaben-Bashing, nicht fehlen. Eben jenem allzu jugendlich daherkommenden Stadtteil, in dem erwachsene Menschen sich nicht dazu entblöden,  an ihren „Strickmützen auch noch Bommeln“ zu tragen, wie Oborski genüsslich feststellte. Der Szenebezirk halt, in dem all „die Erwachsenen in ihren Zwanzigern stehen geblieben sind, weil sie das Jetzt nicht verstehen. So wie sie auch bald die Musik ihrer Kinder nicht mehr verstehen werden“.

Dass das P-Bashing auf Dauer etwas ermüdet, lassen wir jetzt einmal dahingestellt. Woche für Woche das gleiche! Matthias kann ja nix dafür, dass aus einer avantgardistischen Bewegung mit Augenzwinkern und Ironie langweilender  Mainstream geworden ist. Wenigstens an andere Stelle zeigte sich Oborski aber als voll im Trend. Wie wichtig es ist, zu Twittern, wenn man sich den großen Stars auf du und du nähern will („Ich würde da sein, wie ich noch die da gewesen war“), wurde einem anschaulich vor Augen geführt.

Großartigst aber sein minutiöse Schilderung des Arbeitsalltages eines modernen Kreativarbeiters („6.15 Uhr: Im Stockwerk über mir ist eine Eishockeymannschaft zu Gast die ihre kompletten Spielzüge übt. Spart Strom des Radioweckers.“  9:00 „Höre Stimmen. Hatte den Radiowecker vergessen.“ usw.)  und einem wieder mal richtig viel Freude auf einen gelungenen Prokrastinationsalltag macht.

Alles in allem, wieder mal ein vergnüglicher Abend, der einem mindestens mal wieder ein zwei Leseanregungen gegeben hat. Und  Freude auf Wiederholungen  mit neuen Gäste in der Yuma Bar aufkommen lässt.

Wer jetzt übrigens glaubt, das er hier nun  jede Woche „Neues aus der Yuma Bar“ vernimmt, dem muss ich gleich den Wind aus den Segeln nehmen. Die Winterpause ist ja vorbei. Bald rollt auch unter der Woche wieder der Ball. Und ich bereite mich für meinen – bei manchen meiner Mitmenschen nicht ganz unbekannten – Arbeitgeber nächsten Mittwoch in südlichen Gefilden Deutschlands auf die WM vor. Und danach? Nun ja, da ist Champions League, oder so. Da müsst  ihr dann mal wieder alleine lesen. Oder Lesen lassen. Und ich, gehe vielleicht mal zur Abwechslung den @Vergraemer bei seinem „4. Jour Fiztz“ besuchen.

Eigentlich!

Januar 13, 2010 von Bunki abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Eigentlich will ich es auch nicht.“

Der leise, sanfte Wiener Klang ihrer Stimme, die ihn sanft umsäuselte und ihm sonst schon mal die Sinne vernebelte, machte die Sache nicht viel besser. Nicht im geringsten. Hatte er nicht gerade gesagt, was er auf keinen Fall wollte? Und ziemlich deutlich sogar.

Und dann das.

Eigentlich!!

Ihr konnte das doch auch nicht in ihre Lebensplanung passen. Man kannte sich doch gar nicht, oder? Jedenfalls nicht wirklich.

Man war  kurz aufeinandergetroffen wie zwei Planeten, die auf ihren einsamen Bahnen durchs All sehenden Auges unkontrollierbar miteinander kollidieren. Gab dann zwar jedes Mal ein paar heftige Turbulenzen. Aber nach dem Aufprall sollte doch jeder wieder seine eigenen Bahnen ziehen.

Eigentlich! Das war alles, was er denken konnte. Eigentlich!

Ein Wort, dass sich wie Donnerhall in sein Gedächtnis grub. Panik stieg in ihm auf. Die Gedanken spielten in seinem Kopf Tennis. Nur dass  er keinen einzigen Ball erwischte. Keinen einzigen verdammten, verfluchten Ball. Strike!

Eigentlich!

Wie war er bloß hier reingeraten? Er fühlte, wie eine Schweißperle seinen Rücken runterlief. Mitten das Rückgrat entlang. Er spürte sie nicht nur, er sah sie förmlich vor seinem geistigen Auge. War das hier eigentlich schon immer so heiß gewesen, oder ist es ihm nur nicht aufgefallen? Ein zweiter Tropfen folgte dem ersten gleich hinter, spielte munter Ringelreihen mit seinem Vorgänger und versuchte dann am Hosenbund vorbei in eine behagliche Zwischenwelt zu tauchen.

Nicht noch eins! Wie soll das gehen? Er hatte für das Erste schon genug zu zahlen. Und was viel schlimmer wäre, er könnte sich doch nicht zerreißen. Wo sollte er denn bloß die ganze verdammte Zeit hernehmen? Er sah doch eh schon zu wenig von seiner Kleinen.

Eigentlich. Verflucht. Selber schuld. Er musste  sie ja unbedingt anquatschen. Verflixte Hormone. Alles nur Primaten. Ewig gesteuert durch die eigenen Triebe. Dabei hätte die Bierflasche, die ihm im Club aus der Hand rutschte, eine Warnung sein sollen. Genug für heute, wisperte der Engel. Nimm sie Dir, tönte der Gegenpart und obsiegte.

Sie hatte irgendetwas mit Reihenhäusern zu tun! Verkaufen, Entwicklung, Projektplanung. So was halt. Ihm fiel nichts besseres ein, als zu sagen, das er von ihr sogar unbesehen eine Doppelhaushälfte erstehen würde. Gefiel ihr. Ganz entgegen seinem Kumpel, der sich in dem Moment aus dem Staub gemacht hatte, als ihm die Flasche aus der Hand fiel. Das Desaster wollte er nicht mit ansehen, so seine spätere Erklärung. Eigentlich.

„Du bist doch selber schuld. Wie wäre es mal mit vorher fragen?“, rechthabte der Engel von der linken Schulter auf der er – wegen der Schweißperlen – einige Mühe hatte, sich zu halten.

War ja klar! Sie, Ende Zwanzig, Anfang dreißig. Biologische Uhr und so. Kennt man ja. Liest, hört und erlebt man überall mit. Dieser kollektiv Zwang. Wenn jetzt nicht mehr, wann bitte dann? Kaum hat die eine Freundin begonnen, folgten all die anderen nach. Wie die Lemminge. Widerlich!

Und eigentlich hatte er kein Recht, ihr das auszureden. Mein Bauch gehört mir, erschien ein unablässig neongelb-blinkender Schriftzug vor seinem geistigen Auge und wollte sich partout nicht verscheuchen lassen. „Dies ist ihr Preis gewesen.“ Super! Da hatte ich in der Lotterie des Lebens mal wieder einen absoluten Volltreffer  gelandet. Was mache ich denn jetzt nur?

„Warum sagst du denn nichts?“, schreckte sie ihn aus seinen Grübeleien.  Ihre Augen sahen ihn in der wohl endlos gewordenen Stille erwartungsvoll an. Er kuckte nur verständnislos zurück. Es war doch schon alles gesagt worden.

Eigentlich …