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Archive for Februar, 2010

The Lovely Bones: Kitsch für Kids

Februar 19, 2010 von Geraldine Arndt abgelegt in: Gesehen.

the-lovely-bones-p Man sollte Dinge ja immer in ihrem Kontext sehen.

„The lovely bones“, jüngste Regiearbeit von Peter Jackson, hat dabei viele Zusammenhänge, keiner, welcher den Film per se vor einem Schöffengericht verteidigen könnte.

Wenn man mit gesunden Menschenverstand betrachtet, was nach der Motion Picture Association America für dreizehnjährige bestimmt ist, muss man entweder anzweifeln, dass dem Zuschauern eben jener zugesprochen wird oder man muss konsequent Gefühlspropaganda vermuten.

In kurze Worte gefasst: Dieser Film ist reinster Kitschepos, der versucht die von Alice Sebold 2002 in ihrem Debütroman aufgegriffene Thematik der Vergewaltigung durch bunte CGI-Animationen kindergerecht zu verpacken.

Das Werk erfolgte als Auseinandersetzung Sebolds mit dem eigenem Missbrauch und zentriert die 14jährige Susie Salmon, die 1973 in einer amerikanischen Kleinstadt vergewaltigt und ermordet wird. Erzählt wird die Geschichte dabei von Susie selbst, die in einer Art Zwischenwelt das Fortleben ihrer Familie, ihrer Freunde und ihres Mörders verfolgt.

Bestechend durch diese besondere Erzählperspektive einer nicht agierenden Person fand „The lovely bones“ großen Anklang in der Presse und wurde so zum nächsten großen Ziel für Peter Jackson, der sich erneut das Drehbuch von Fran Walsh und Philippa Boyens zurecht schneidern ließ, um es dann glorious in den Sand zu setzen.

THE LOVELY BONES THE LOVELY BONES Was an Dramatik in der Vorlage steckt, was an Ernsthaftigkeit an die jungen Zuschauer gebracht werden könnte – dies alles wird durch bunte Farben, Oberflächlichkeit und einer zwanghaft simplen Bildsprache verhöhnt. Da springt Saoirse Ronan – perfekt in die siebziger gecastet – über grüne Wiesen, wird von Schmetterlingen umschwirrt und darf an Sandstränden spielen; und will letztendlich nichts mehr, als von ihrem Schwarm geküsst zu werden. Zwar vermag sie es herrlich, uns ihren Schmerz über Mimik und Gestik zu vermitteln, doch die Inszenierungen um sie herum wirken unwirklich und leer. Die Tragik der Situation – die Vergewaltigung eines jungen Mädchens, das Zerbrechen der Familie darüber – verliert sich in der feigen Darstellung der Prämisse. Obgleich im Buch eindeutig als Vergewaltigung beschrieben, wird der Gewaltakt an Susie nicht gezeigt, nicht angedeutet, vielmehr ausgeblendet. Das Wort Mord wird dabei in allen 135 Minuten kein einiges Mal in den Mund genommen.

THE LOVELY BONES Mark Wahlberg und Rachel Weisz können Susies verzweifelte Eltern noch so gut darstellen, Peter Jackson scheint nicht gewillt, ihre Charaktere ernst zu nehmen, scheint sie fast wie den Zuschauer mit langsam heilenden Wunden trösten zu wollen. Wo man also gespannt auf eine Auflösung des Mordfalles wartet, wird das kriminalistische Element zwar spannungstragend, aber knapp gestaltet. Überzeugen kann in diesen Momenten überraschender Weise Rose McIver als Susies kleine Schwester, welche, dem Mörder auf die Spur gekommen, in dessen Haus einbricht, um endlich einen Antrieb zu zeigen, der sich in realistischen Gefilden befindet.

Susie selbst ist antriebslos und wird einem damit als Hauptfigur schnell überflüssig; ein Punkt, an dem die Verfilmung direkt am Buch vorbei rennt, denn als „The lovely bones“ bezeichnet der Teenager das Konstrukt an Beziehungen, die sich um ihre Abwesenheit gebildet haben. Es sind jedoch nicht Knochen, die Susies Tod umschließen, sondern klebriger Zuckerguss, mit dem der Film schlussendlich vorheuchelt, dass in solch einer Situtation Akzeptanz zum Glück führt.

Mal weg sein

Februar 09, 2010 von Sebastian abgelegt in: Geschrieben.

Eine lange Schlange an der Passkontrolle des Frankfurter Flughafens. Die Passagiere des gerade aus Brasilien gelandeten Flugzeuges warten ungeduldig. Kein Beamter nimmt die Abfertigung vor. Zwei Bundespolizisten stehen am Ausgang und warten gelangweilt. Erste Männer werden ungeduldig. „Servicewüste Deutschland!“, ruft jemand von hinten. Dann geht es los. Langsam bewegt sich die Schlange. Der Beamte am Schalter spricht jeden Namen aus: „Löning, Christoph. Bitte schön. Der nächste. Lohr, Gregor. Bitte schön. Der nächste.“ Monoton ohne jede Gefühlsregung nimmt er die Pässe entgegen, scannt sie ein und prüft sie. „Der nächste. Gerster, Andreas. Einen Moment bitte.“ Er dreht sich zu einem Polizisten am Ausgang und nickt ihm zu. Der kommt auf den als Urlauber erkennbaren blonden Mann zu: „Sind sie Andreas Gerster?“ Nicken. „Kommen Sie bitte mit.“ – „Wo ist mein Gepäck? Das muss bei der Zwischenlandung vergessen worden sein.“ – „Ihr Gepäck ist bei uns.“ Unmerklich sackt der Mann zusammen. Und plötzlich sieht man ihm an, dass er trotz seiner drahtigen Figur bereits die 50 Jahre erreicht hat.

„23 Monate habe ich bekommen. Ohne Bewährung. Wenn ich mich gut benehme und arbeite, ist nach zwei Dritteln mit Begnadigung zu rechnen. Und nach einem Jahr bekomme ich vielleicht schon Wochenendurlaub. Georg, mach mir bitte noch ein Bier!“ Andreas Gerstner sitzt am Tresen. Es ging alles ganz schnell. Überführung vom Flughafen Frankfurt nach Sachsen. Und dann Prozess am Kriminalgericht Moabit. Leugnen hatte keinen Zweck. Bei solch einer Menge gibt es keine Ausreden. Nun hat er noch einen Tag. Morgen soll er in der Justizvollzugsanstalt Tegel seine Haft antreten. „Darauf wären wir doch zu Friedenszeiten nie gekommen, freiwillig zur Haft zu erscheinen. Wenn die uns verknacken wollten, haben sie das einfach gemacht. Aber ich werde da morgen hingehen. Was bleibt mir schon anderes übrig. Vater hat versprochen, Geld zu schicken und Tabak. Nur was wird aus dem Jungen?“

Kurz vor seiner letzten Reise hat ihn Andrea aus der Wohnung geworfen. Ein anderer Kerl. Nicht besonders überraschend. Sie war weit weg gewesen. Andreas blieb oft mit dem Kind. In den Kindergarten bringen. Aus dem Kindergarten abholen. Eine Schule aussuchen. Das ging so seit er Andrea vor sieben Jahren kennengelernt hatte. Sie musste wegen ihrer Ausbildung häufig weg. Max war bereits da, als Andreas eingezogen ist. Vater nicht bekannt. Den stellte nun Andreas dar.

„Eine andere Perspektive hat mir Max gegeben. Plötzlich denkt man an die Schule, da ist der Junge erst drei. Das ist ein ganz anderer Rahmen. Da ist man drin, ob man das möchte oder nicht. Zuerst haben wir überlegt, für ein paar Jahre wegzuziehen. Wir hatten ja hier nichts, was uns hält. Runter in die Türkei. Aber dann fiel mir ein, dass Max in drei Jahren in die Schule kommt. Da kann man so etwas nicht einfach entscheiden. Brauchst Du Feuer?“ Andreas schiebt sein Feuerzeug seinem Nachbarn am Tresen rüber. Während er dem Mann dabei zusieht, wie der seine Zigarette anzündet, tasten seine Finger im Tabakbeutel. Er wühlt. Heraus zieht er eine fertig gedrehte Zigarette. „Habe ich damals bei der Fahne gelernt. In der Kälte draußen. Einhändig in der Hosentasche.“ Die Flamme flackert auf und leuchtet in seinem im Dunkeln reinen Gesicht sekundenschnell alle Narben und Bartstoppeln aus. „Georg, noch ein Bier bitte. Werde ja ab morgen sehr lange keins mehr trinken dürfen.“ Er hält den leeren Seidel in der Hand und schüttelt die Neige. Von oben schaut er dem letzten Schluck beim Hin- und Herschaukeln zu. Das volle Glas steht bereits auf dem Bierdeckel, da kippt Andreas den letzten Schluck hinunter. Den Kopf wirft er dazu weit ins Genick, so dass der Mund nach oben zeigt. „Wenn ich wüsste, wie es Max geht. Bei der Einschulung vor einem Jahr durfte ich nicht dabei sein. Der kann jetzt bestimmt schon lesen und schreiben. Und beim Fußball würde ich ihn gerne mal sehen. Gott, das ist doch auch mein Sohn. Scheißegal, wer ihn gezeugt hat. Aber als verknackter Drogenkurier hat man als Nichtvater ganz schlechte Karten. Nee, gar keine hat man da. Ist sie jetzt mit ihrem kleinen Drogendealer zusammen. Das wäre mir egal. Aber Max wächst darin auf. Verdammt. Und ich werde ihn jetzt mindestens noch ein Jahr nicht sehen dürfen. Die 23 Monate. Darauf geschissen. Aber ich bin weggesperrt und komme so erst recht nicht an Max ran. Kann ihn doch nicht einfach aus meinem Gedächtnis streichen.“ Andreas stiert über sein Glas hinweg. Sein Blick bleibt an einem Wandkalender hängen. „Georg, mach mal den Zettel. Ich muss noch Sachen packen.“