spree:geflüster

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Archive for Juli, 2010

Drama in Sekt. Eine Sommergeschichte.

Juli 12, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

„Meine Zunge“, sagte mein Freund Anton, „ist so trocken, dass es staubt, wenn ich schnell spreche.“

So heiß war es. Die Meteorologen behaupteten, seit gestern wäre heute der heißeste Tag. Speiseeis gab es nur noch in flüssiger Form. Die Kühe lieferten saure Milch. Die Fußgänger tanzten im Black-Bottom-Schritt die Straße entlang, so heiß war es. Die Sonne knallte auf die Gehirne. Die Menschen träumten perverse Träume von alkoholfreien Getränken in ausreichender Menge und so.

So heiß war es.

Und wir mittendrin. Bei 38 Grad nördlicher Breite… nicht doch! Bei 38 Grad Celsius brütender Hitze, also bei 38 Grad Brutus im Schatten in der Sonne. Wir.

Anton peilte sorgenvoll die Wetter- und sonstige Lage. „Ich sehe eine lange Dürre kommen.“

„Die geht vorüber“, beruhigte ich ihn, „die wohnt hier gleich um die Ecke.“

Wir wollten Bekannte besuchen, aus denen wir uns nicht viel machten, aber jetzt hatten sie sich einen Tiefkühlschrank mit Eiswürfelbereiter gekauft.

Anton trug die Flasche. Ich die Rosen. Schöne Rosen. Weiß. Für die Dame des Hauses. Langstielig waren sie, die Rosen. Fünf Stück. Anton trug die Flasche Sekt. Sekt, das Getränk der Freude und Verführung.

Wir schweißten zum Bahnhof.

Mannomann, war die Bahn warm. Den Fahrgästen dampfte das Wasser aus den Ohren. Eine Frau bemerkte, auf der Glatze ihres Mannes könne man Weißbrot rösten.

Anton hielt die Flasche im Arm. Er hielt sie sicher, er hielt sie warm. Der Wagen war eine fahrende Sauna, ein Schweißapparat. Die Menschen wurden gedünstet. Ich glaube, einige waren schon gar. Uns gegenüber saß eine Zeitung mit jemand dahinter. Er überschlief gerade den Leitartikel. Ich las die Rückseite.

„Explodierende Seltersflasche als Folge der Hitze. Ein Haus stürzte zusammen.“

Selterswasser. Donnerwetter. Ich dachte mir erst gar nichts dabei. Die Hitze…

Selterswasser… Selterswasser… Kohlensäure…

„Anton!“ Ich zeigte auf die Überschrift. „Ob eine Flasche Sekt auch… ich meine, wegen der Kohlensäure?“

Anton besah mit kohlensaurer Miene seine Flasche. Bahnschaukeln. Hitze. Der Sekt gluckerte boshaft.

„Wenn Seltersflaschen – stell dir vor, du machst eine Wasserflasche auf und plötzlich fällt das Haus ein!“ Anton entrollte misstrauisch das Einwickelpapier. Er polkte die Stanniolkappe ab.

„Die Flasche ist dicht“, stellte er erleichtert fest.

Die Mitreisenden sahen mit durstigen Augen und sehnsüchtigen Kehlen zu.

„Aber der Draht!“ überlegte ich. „Der Draht kann beschädigt sein.“ Ich prüfte ihn. Ich zog nach links und drehte nach rechts. Der Draht riss. Anton wurde blass, als hätte er Bleichsoda gefrühstückt. Er drückte seine Hand auf den Korken.

Es zischte. Der Alkohol war stärker, wie meistens. Der Korken kroch tückisch in die Höhe.

Ich klemmte die Rosen unter den Arm. „Ich verknote die Drahtenden wieder.“ Anton stemmte sich gegen das Schicksal in Form eines aufsteigenden Korkens.

„Die Fahrkarten bitte“, sagte der Kontrolleur.

„Moment. Sofort.“ Ich knotete weiter.

„Sie haben wohl kein Ticket?“ Seine Stimme wurde dienstlich. Anton hielt die Flasche. Ich suchte mit meiner Linken unsere Taschen ab.

Stimmen aus dem Publikum: „Das sind die Richtigen. Sekt saufen, aber kein Geld für die Fahrkarten! Sicher Künstler.“

„Mit Nachlösegebühr 14 Euro pro Person“, forderte der Kontrolleur mit müder Stimme.

„Wir müssen die Hände wechseln“, flüsterte ich Anton zu. „Wie soll ich denn mit meiner linken Hand in meine rechte Gesäßtasche kommen!“

Wir wechselten die Hände, der Kontrolleur die Farbe. Der Korken schoss an seiner Nase vorbei und riss ihm die Dienstmütze vom Kopf.

„Den Korken können Sie behalten“, sagte Anton großzügig, „Sektkorken bringen Glück.“

Im Gang stand ein Mädchen mit einer schulterfreien Bluse. Architektonisches Wunderwerk der frei tragenden Bauweise. Der entfesselte Sekt hüllte die schönsten Teile Teile der Bluse in ein Schaumbad.

Das Mädchen kreischte einmal kräftig und schielte auf seinen schäumenden Busen. Anton steckte erschrocken den Finger in den Hals. In den Flaschenhals.

Nicht nur Menschen sind leicht zu durchschauen, wenn man sie unter Alkohol setzt. Auch Blusen. Sie wurde durchsichtig. Es ist kaum zu glauben, wie wenig ein Mädchen anziehen kann.

Der Mann mit der Zeitung wachte interessiert auf.

Einige Frauen unterhielten sich laut über sektspritzende Lüstlinge in der Regionalbahn.

„Die Fahrkarten bitte!“ drohte der Kontrolleur, aber da er keine Mütze mehr trug, imponierte er uns kaum noch.

Anton stellte die Flasche neben sich auf den Sitz und ersetzte den Korken durch seinen Mittelfinger. Er hielt dicht, bis der Herr im grauen Anzug einstieg. Ohne hinzusehen, setzte der sich auf den Platz neben Anton, der gerade noch seine Hand wegziehen konnte. Die Flasche beharrte hartnäckig auf ihren Platz.

So hätte der Graue ja nun auch nicht zu zetern brauchen. Andere wären froh über eine Abkühlung gewesen.

„Wer kann sich schon ein Sektsitzbad leisten!“ Anton sah ihn vorwurfsvoll an. Wir gaben dem Mann die Reinigungskosten für die Hose. Auch das Mädchen verlangte, wir sollten die Bluse reinigen lassen.

„Na klar“, stimmte ich zu, „ziehen Sie sie gleich aus, sonst holen sie sich noch einen Blusenkatarrh.“

Der Kontrolleur verlangte Geld für eine neue Mütze. Und die Fahrkarten.

Inzwischen soff ein Dackel den auf den Boden vergossenen Sekt. Nach dem fünften Schluckt bellte er frivole Lieder und biss einer unverheirateten Dame ins Bein. Die gab ein empörtes „Huch!“ von sich.

„Nun hamse sich mal nich so“, sagte der Mann mit der Zeitung, „sein Se doch froh, dasset nich der Storch war.“ Vielleicht war er ja Barth-Double – er lachte laut über seinen Witz, den er gut fand. Dann lehnte er sich zurück und blätterte seine Zeitung auseinander.

Anton starrte auf die Rückseite, holte tief Luft und – „Mensch“, stöhnte er, „du blöder Heini!“

„Nimm sofort den Heini zurück“, verlangte ich. „Und überhaupt – warum eigentlich?“

Anton zeigte wortlos auf die Zeitung. Dabei warf er mir einen Blick zu, dass der besoffene Dackel jammerte.

In der Zeitung standen, nach voller Entfaltung, zwei Überschriften:

„Explodierende Seltersflaschen als Folge der Hitze kommen äußerst selten vor“ und „Haus stürzte zusammen. Schwere Folgen eines Erdrutsches“.

Ich nahm die Flasche und goss den Rest über die schwitzenden Rosen.