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Archive for Januar, 2011

Kaum zu glauben

Januar 19, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Wir saßen so fröhlich beisammen und tranken.

Gewiss, man kann Grippebazillen auch mit Tee bekämpfen. Aber stellt euch doch mal ein knappes Dutzend Männer vor, erwachsene, kräftige Männer, die richtige Männergespräche führen, sich lachend auf die Schenkel schlagen und dazu Fliedertee trinken! Das ist einfach ein Stilbruch.

Wir tranken einen schönen Grog, und glaubt mir, Freunde, das ist eine gute Sache! Schädlich daran ist nur das viele Wasser, das die meisten Leute hinein schütten.

Ich war der Außenseiter in diesem Kreise, die anderen – Innenseiter, gibt’s so was? – waren alles Sportler. Ja, ich weiß, Sportler trinken keinen Alkohol, es war ja auch nur wegen der Bazillen.

Seit Jahren warte ich auf die Gelegenheit, ein Erlebnis zu erzählen, das etwas unwahrscheinlich klingt, eine einmalige, bisher noch von keinem Menschen vernommene Angelegenheit. (Oder kennt ihr die Geschichte schon?) Hier war der richtige Ort dafür, die richtige Zeit, die fachkundige Zuhörerschaft…

„Im vorigen Winter“, begann ich, „ging ich eines Nachmittags…“

„Darf ich mal unterbrechen?“ unterbrach mich Fred. „Aber wenn ich Winter höre, fällt mir so eine Sache, hahaha, die muss ich unbedingt…“

Weil er unbedingt musste, verzieh ich ihm. Er hustete kurz und fragte uns, was wir vom Eisbaden hielten.

„Sehr erfrischend“, sagte ich. „Vor allem im Sommer.“

Sie fanden den Witz nicht gut, es wäre ein lauer Witz der Kategorie K, also ein K-Lauer. Fred räusperte sich wieder präludierend. „Ein Freund von mir ist ein leidenschaftlicher Bader.“

„Friseur“, übersetzte ich in die moderne Umgangssprache.

„Eisbader“, verbesserte Fred freundlich-verärgert. „Wir haben manches Loch gehackt, unerschrocken tauchten wir in das eisige Wasser, mutig…“

– „und kaltblütig“, ergänzte ich.

„Ihr wisst, ich schrecke vor nichts zurück“, sagte Fred bescheiden, „aber an dem Tag … an dem Tag …“, er seufzte und trank, „an dem Tag war es so kalt – achtunddreißig Grad! Hättet ihr da…?“

Wir tranken erschrocken und sagten, wir hätten auch nicht. Fred schien etwas getrösteter. „Aber mein Freund wollte unbedingt ins Eiswasser. Wir brauchten zwei Stunden und vierundzwanzig Minuten, um das Loch ins Eis zu hacken, vier Mann arbeiteten daran. Mein Freund stieg hinunter, wir liefen umher, gingen nach zehn Minuten zu dem Eisloch zurück, und stellte euch vor…“, (Spannung, Spannung!) „es war weg!“

Ich tat einen schnellen Zug aus meinem Glas, einen Eilzug. „Weg?“

„Ja. Zugefroren. Nichts mehr zu sehen, die glatte Eisfläche.“

Wir schauten schweigend in unsere Gläser. Traurig, denn sie waren leer. „Und wie“, fragte einer vorsichtig, „habt ihr – ich meine, hat man später … im Sommer…?“

„Wir fanden ihn zehn Minuten später“, sagte Fred ruhig. „Lebend. Wir suchten einfach die Stelle, an der er gerade unter dem Eis herum schwamm.“

„Aha“, nickten wir zweifelnd.

„Mit einem Geigerzähler“, ergänzte Fred.

So, Geigerzähler. Na, dann war ja alles klar. So ein Eisbadener nimmt seine Violine mit und man selbst hat selbstverständlich immer einen Geigerzähler dabei.

„Mein Freund“, erklärte Fred geduldig, „hatte vorher eine Tablette gegessen, die Isotope enthielt, und ihr wisst ja, die Strahlungen…“

Natürlich, damit war die Sache geklärt. Damit mussten sie ihn ja finden. Wir tranken beruhigt weiter, und ich begann: „An jenem Nachmittag also, im Winter…“

Karl stieß mich freundlich an. „Wenn ich Nachmittag höre, muss ich immer an einen Nachmittag denken – darf ich das rasch mal erzählen?“

Bevor ich sagen konnte, dass er eigentlich nicht durfte, fing er schon an: „Wenn ich sagte, an einem Nachmittag im Winter, so stimmt das nicht ganz, es war eigentlich ein Vormittag im Sommer und wir trainierten auf dem Tennisplatz und der Oskar – ihr kennt doch Oskar?“

Wir nickten alle, wie man es bei einer solchen Frage immer macht, wenn man von dem Betroffenen noch nie gehört hat.

„Der Oskar…“, Karl stockte, überlegte, „sagt mal, wisst ihr eigentlich, wo der Habicht herkommt, der in unserem Klubhaus hängt?“

Wir tranken und sagten, wir hätten nicht die geringste Ahnung.

„Dachte ich mir“, sagte Karl zufrieden. „Der kommt daher, weil Oskar an dem Tag, an dem Vormittag…“

„…im Sommer“, vervollständigte ich.

„…weil Oskar da einen Rückhandschlag schmetterte… Ihr wisst, ich erwische jeden Ball, doch diesen, nein, der kam wie ein Überschallturbopropraketendüsenjäger angeschossen, prallte auf die Grundlinie, sauste senkrecht hoch und …“

Kunstpause. Wir hingen an seinen Lippen.

„…und herunter kam der Habicht“, berichtete Karl ruhig. „Tot.“

„Sehr gut“, grinste ich. „Da mache ich eine Geschichte draus.“

Ich hätte nie geglaubt, dass sich erwachsene Männer so aufregen können. Ob ich auch nur im Geringsten daran zweifelte, dass alles stimme, was hier erzählt werde, bis auf’s Komma…“

Sie waren zehn, ich war einer. Ich glaubte.

„An jenem Nachmittag“, erzählte ich, um sie zu beruhigen, „im  Winter, ging ich…“

Bei dem „ging ich“ erinnerte sich Emil an eine ganz tolle Geschichte, die er unbedingt loswerden musste.

Das war bei einem Langstreckenlauf, über ich weiß nicht mehr wie viele Kilometer, ich glaube zweimal um den Äquator, und da fiel es Emil plötzlich auf, dass seine Schuhe so drückten, er spürte jeden Stein durch die Schuhsohlen hindurch, aber er hatte natürlich keine Zeit, die Schuhe auszuziehen. Die Verfolger waren ihm auf der Achillesferse, und erst am Ziel…

„Stellt euch das mal vor, da hatte ich mir doch die Schuhsohlen total durchgelaufen und den ganzen Weg barfuß zurückgelegt.“

Ich schluckte das herunter und spülte mit Grog nach.

„Es war, wie gesagt, im Winter“, startete ich einen erneuten Versuch, „an einem Nachmittag, der Schnee lag…“

„Schnee“ war das Stichwort für Dieter, den Alpinisten. Der war beim Skispringen in einen Aufwind geraten…

„…ich breitete die Arme aus und stieg immer höher, wie ein Vogel, und bestimmt wäre ich abgestürzt, zerschmettert…“

Wir tranken erschrocken.

„…wenn mich nicht ein des Weges kommendes Flugzeug aufgenommen hätte.“

Ich hörte mir noch sieben gleichwertige Sporterlebnisse an.

Dann kam ich endlich an die Reihe.

„An jenem Nachmittag also, im vorigen Winter, wollte ich mal an die frische Luft gehen. Vor meiner Tür lag eine Schneewehe von zwei Metern Höhe…“

Die Blicke. Verachtung. Kopfschütteln. Enttäuschung.

„Dass diese Anfänger“, sagte einer, „doch immer so maßlos übertreiben müssen.“