spree:geflüster

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Archive for Februar, 2011

Ode an den Frühling

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Kauft euch eine Frühlingsrolle“, empfahl ich ihnen.

Eine Humorredaktion lässt sich weder durch Lesereinsendungen noch durch vermeintlich komische Bemerkungen aus der Reserve locken.

„Eine frühlingshafte Reportage“, sprachen sie unbeirrt weiter, „der Frühling …“

„Welcher Frühling?“ fragte ich höflich. „Der Prager Frühling? Der Frühling von Berlin? Frühling in Paris? Der, der mit Brause naht, oder der, dem’s vor Banden flattert?“

„Finden Sie komisch, wie?“ fragten sie gelangweilt. „Wir brauchen den Frühling, dem Geist unseres Verlages entsprechend seriös und von einer höheren Warte aus betrachtet.“

„Aha“, nickte ich ins Telefon. „Wetterwarte also.“

Sie legten auf, bevor ich das Wort „Vorschuss“ zu Ende sprechen konnte.

 

Frühling!

Ich könnte ja so viel über den Frühling, von besseren Poeten auch Lenz genannt, schreiben, wenn es nicht schon andere getan hätten. Ich könnte natürlich auch ein Gedicht erstellen. Lautengesang und Minnespiel, Tanderadei – Ich greife zum Pegasus. Lauf, Muse, lauf!

 

Zehn erfolgreiche Anfänge, kein Gedicht zu machen

Es ist schwer, im Frühling nicht zu dichten.

Die Bäume hängen voll unbeschriebener Blätter.

Die Bäckergesellen singen dem Brot vor: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein.“

Die jungen Mädchen verführen die jungen Männer, sie zu verführen.

In den Bäumen steigt der Saft, in den Städten die Mieten.

Die Natur macht sich für Farbaufnahmen zurecht.

Die Mädchen bekommen Formen, die Knaben Pickel.

Die Menschen sind so lieb zueinander.

Frühling ist wie Weihnachten im Sommer.

Für jeden wächst ein grüner Zweig, auf den er kommen kann.

 

Ein Dichter müsste man sein.

Es gibt ja auch Dichter, auf deren Reime sich keiner einen Vers machen kann. Ich kannte mal einen, der bezeichnete zerhackte Prosa als Gedicht und hatte auch sonst einen abstrakten Charakter.

„Ihr Gedicht“, sagte ich zu dem, „ist kein Gedicht, sondern gedruckter Salat. Sind das eigentlich noch Verse?“

Er sah mich so an, wie ich von ihm dachte. „Erlauben Sie mal!“ sagte er, „ich bin ein Dichter! Ich mache alles per Vers.“

Im Frühling sollen die Bäume aus- und die Mode einschlagen. Zumindest auf die Bäume kann man sich verlassen: Es sprießt in Wald und Flur, außer in unserem; wir sind eine hygienisch einwandfreie Familie ohne Kinder oder andere Haustiere.

 

Frühlingserwachen mit Hindernissen

Deswegen lass den Lenz uns grüßen, hinaus in die Natur und hinein…

Ich mache die Tür wieder zu. Draußen regnete es. Kalter Nieselregen. Regen! Jetzt! Im Frühling!

Zweiter Versuch. Ich blickte den Himmel so böse an, dass er heftiger zu weinen begann. „Das hättest du nicht tun dürfen“, sagte meine Freundin vorwurfsvoll.

Ein Pärchen umsteuerte vorsichtig die Pfützen und nieste sich liebevoll an. Die Vögel in den Ästen piepsten heiser und melancholisch vor sich hin.

Im Frühling gerät die Natur aus dem Wetterhäuschen. Drei Monate hat der Frühling, aber meist ist es April. Im Frühling geben die Meteorologen die Ankunft eines kräftigen Hochs oder eines ausgedehnten Tiefs bekannt. Beide sind meist nass.

Der Nachbar von nebenan klingelte und fragte, ob bei uns auch so schlechtes Wetter wäre und was man dagegen tun könne. Ich brach lautlos zusammen.

Böse Leute behaupten, die Luft in unserer Straße sei so gut, weil unser Nachbar meist die Fenster geschlossen halte.

„Machen Sie doch auch einmal eine Knoblauchkur“, empfahl er mir, als ich aus der Narkose erwachte. „Das macht munter. Blutreinigung, Entschlackung, das bringt den Kreislauf in Schwung.“

Ich war einer zweiten Ohnmacht nahe, aber der Nachbar öffnete eine Flasche selbstverdünntem Apfelwein den Hals.

„Die Liebe!“ Er nahm den Gesichtsausdruck an, den manche Leute für geistvoll halten. „Die Liebe ist die eigentliche Frühjahrskrankheit. Und dagegen gibt es keine Kur.“

Wir beschlossen, die Liebe zu suchen. An der Tür blieben wir stehen. Es regnete immer noch.

 

Der Frühling verläuft im Wasser

„Es regnet immer noch“, sagte meine Freundin und hielt mir anklagend die nasse Hand unter die Nase.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was Liebespärchen im Regen machen. Wahrscheinlich werden sie nass.

Ich kann mich noch dunkel an einen Frühling erinnern, der so war, wie er hieß. Vielleicht habe ich’s aber auch nur irgendwo gelesen. Da kamen die Mai- und andere nette Käfer vor. Da wurden die Schneeglöckchen auch ohne Schnee groß.

Da übten sich die Liebespärchen in einer Sprache, in der sie später mit ihren zweijährigen Kindern sprechen werden.

Telefon. „Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Gewiss“, knurrte ich. „Ich schreibe  gerade eine ulkige Geschichte, wie ein schüchterner junger Mann bei strömendem Regen …“

„Den Wetterbericht können wir in der Zeitung lesen“, meinten sie. „Optimismus! Lebensfreude! Frohe Zukunft! Lerchengesang“ Liebe! Waldesduft! Das sanfte Säuseln der …“

Ich legte traurig den Hörer auf..

„Was kann trauriger sein als dieses Frühlingswetter“, weinte ich. Eines weiß ich bestimmt: Wenn ich einmal eine Geschichte über den Herbst brauche, nehme ich die vom Frühling.

Meine Freundin stieß einen schrillen Freudenschrei aus.

„Das glaubst du nicht! Es hat aufgehört zu regnen!“

Ich sprang auf, kämmte mir die Haare und band mir eine Ausgehkrawatte um.

„Großartig! Tatsächlich? Im Ernst?“

„Bestimmt“, sagte sie. „es regnet nicht mehr. Es schneit.“

Der Schneefluch

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Eine Reportage?“ fragte ich nochmals.

„Ja!“

„Über den Winter?“

„Ja!“

„Jetzt? Bei der Kälte?“

„Ja!“

„Nun denn“, seufzte ich mutig. „Des Reporters Los ist hart. Nur, ich kann – also um es mal sozusagen so zu sagen: Ich habe mir mal sechs Zehen erfroren, und nun…“

„Na und?“ fragte der Redakteur unbeeindruckt. „Schreiben Sie mit den Füßen?“

Die Meteorologen bezeichneten es vornehm als das tiefste Tief, dass es jemals an einem 10. Dezember gegeben habe. Sie sagten es so stolz, als hätten sie es selbst gemacht.

Ganz uralte Leute erzählen gern noch, wie schön kalt die Winter früher waren, damals, vorm Krieg. Sie klappern heute noch mit den Zähnen, wenn sie daran denken, wenn es auch nicht mehr die gleichen Zähne sind.

Ich kenne eine Menge Leute, die schwärmen für einen richtigen Winter. Kohlen- und Stromhändler, Gastwirte und Schlittschuhschleifer.

Der Winter kann ja so schön sein.

Schnee! Nasser, überstiefelrandhoher Schnee. Und Frost, so ein knackender Nachtfrost, Bodenfrost, Feinfrost oder Schüttelfrost!

Und dann nicht ‘raus müssen, sondern am Ofen sitzen und Grog trinken.

Mit den Heizungskosten geht es aufwärts und mit den Skiläufern abwärts. Die Menschen verhüllen ihre Reize und sehen trotzdem gut aus, viele sogar besser.

Ein Eisbärjunges verwünscht zitternd seine Eltern.

Im Winter haben Schnapstrinker eine glänzende Ausrede, und auch eine rote Nase fällt nicht mehr auf.

Menschen ohne Zentralheizung waschen sich morgens nicht mehr gern.

Die Hunde frieren an den Bäumen fest.

„Man müsste mal dahin fahren, wo der Winter am winterlichsten ist“, sagte meine Freundin.

„Alaska oder Sibirien?“ fragte ich ängstlich.

Wir einigten uns auf den Fichtelberg. Deswegen, weil da immer Schnee liegen soll, und aus sentimentalen Gründen, weil der Fichtelberg das Höchste war, was man in der DDR erreichen konnte.

Schicksal auf der Landstraße. Erst auf Glatteis, dann mit Grundeis. An der Ostsee, wo kein Mensch Auto fährt, lassen sie den Sand dünenweise herumliegen, aber hier…

Als wir uns vom letzten Baum erholt hatten, trat ich auf die Bremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich zerrte an der Handbremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich gab Gas. Die Räder wühlten sich ein bequemes Bett in den Schnee. Der Wagen stand.

„Jetzt müssen wir schieben“, weissagte meine Freundin. „Versuchen wir’s mal. Ein bisschen frische Luft wird dir gut tun.“

Die frische Luft bewegte sich mit hundert Stundenkilometern die Straße entlang und schoss mit kleinen Eisnadeln. Ich schob, sie dirigierte.

Wind, Schnee, Schnee, Schnee. Der Winter steckte mitten in den Wehen. Mein Ischiasnerv erwachte aus dem Sommerschlaf.

Ich knirschte mit den Zähnen, der Schnee mit meinen Schuhen. Der Wagen sprang an.

An der Seilbahn hing ein Schild: „Auf- und Abspringen während der Fahrt verboten!“

„Hat das schon mal einer versucht?“ wollte meine Freundin wissen.

„Immer nur einmal“, sagte der Schaffner traurig. „Aber sehen Sie da drüben die zersplitterte Fichte?“ Er nahm die Mütze ab und legte sein Gesicht in kondolierende Falten.

Unter solch fröhlichen Erzählungen schwebte die Bahn in die Höhe. Bei jedem Windstoß schwankte sie aufregend.

Wir waren eintausendzweihundert Meter über dem Meeresspiegel. Im Tal wehte ein leichtes Lüftchen. Hier oben tobte der Wind in freier Wildbahn. Irgendwo habe ich mal Bilder gesehen, da liefen die Menschen in Badebekleidung oder mit noch weniger Ski. Am Fichtelberg müssten sie wenigstens Socken anziehen.

Ein dickes Ehepaar rutschte auf den Hintern den Berg hinunter. Vielleicht sah man auch bloß den Schlitten nicht.

Ich setzte mich auf einen verschneiten Baumstumpf. Er kippte um. Die Skiläufer waren später im Tal als ich.

Ein einsamer Grippebazillus trampelt in meiner Nase herum.

Eine Baude versöhnt einen mit dem härtesten Winter. Die Leute waren mir alle gleich sympathischer, wenn sie keinen Wintersport mehr trieben.

„Zwanzig Grad Kälte sind draußen“, sagte ein Herr am Nebentisch und trank pro Grad einen Doppelten.

Dann unterhielten sie sich über die Möglichkeiten, den absoluten Nullpunkt zu erreichen. Entweder waren es Politiker oder Ökonomen.

Der Wind heult um die meteorologische Station. Hier fühlt er sich, hier wird er gemessen, registriert und als Vorhersage nach Berlin geschickt.

Meine Freundin ist im Nebel von der Sprungschanze gefallen.

Mein einsamer Bazillus hat neue Freunde gefunden. Jetzt habe ich Husten, ein paar erfrorene Zehen und eine angehende Mittelohrentzündung.

Ich mache mir eben nichts aus dem Winter.

Das Ferngespräch aus Berlin habe ich ignoriert. Soll der doch mal von seinem Schreibtisch aufstehen und seine Reportagen allein schreiben. Bei zwanzig Grad!

Vorhin kam eine Karte.  Von ihm.

„Habe Sie leider nicht erreicht. Musste daher Reportage in Kairo selbst übernehmen. Angenehme zwanzig Grad hier.

Frost Neujahr!“