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Abschied von einer leeren Hülle

August 06, 2009 von Bunki Abgelegt in Gelebtes.

Nun fragt mal schön!

Nun fragt mal schön!

Irgendwie scheint es mir an der Zeit, einmal über ein Wort genauer nachzudenken, dass in der heutigen Zeit seinen Sinn eigentlich verloren hat. Oder zumindest dem Namen, den es trägt, nicht mehr gerecht wird. Ich meine die gute, alte Pressekonferenz.

Ursprünglich war einmal darunter zu verstehen, dass sich Vertreter eines Vereins, Firma, Behörde etc. dort hinsetzen, etwas erklären und den fragenden Journalisten Antworten geben, die diese dann wiederum in ihren Artikeln weiter verarbeiten. (Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden und, weil es mir am nächsten ist, nur noch von dem Sonderfall der Sportjournalisten ausgehen).

Wer schon einmal live dabei war, hat sich bestimmt über ein Ritual gewundert. Sowie das offizielle Schlusswort verkündet wurde, stürmen einige der zuvor oft stummen Schreiberlinge von ihren Sitzen so vehement nach vorn, als gelte es in allerletzter Sekunde den Rückstand irgendwie noch zu egalisieren. Oft genug stellen sich die geneigten Beobachter die Frage, warum denn erst jetzt die zuvor verschlossenen Lippen der Herren Reporter aufgehen.

Wofür es einige mehr oder weniger einleuchtende Gründe gibt. Zum einen ist da eher die Möglichkeit des direkteren Gespräches gegeben. Es stehen weniger Reporter um das Objekt der Begierde herum. Das ermöglicht eine gezieltere, weil nicht von anderen Fragestellern unterbrochene, Gesprächsführung. Da kann man manchmal den Coach eines Klubs zu deutlicheren Aussagen bewegen, kann wirklich nachhaken, ihn nötigenfalls, falls er sich in Allgemeinplätze zu flüchten gedenkt, in die Enge treiben und vertretbare Aussagen von ihm bekommen.

Des rasenden Reporters Traum

Des rasenden Reporters Traum

Zum andern gibt es die nicht gerade seltenen Fälle, wo ein Reporter etwas besonders entdeckt zu haben glaubt und höchst ungern all seine Mitbewerber durch die Art und Weise der Fragestellung auf die Sprünge helfen möchte.

Und zum dritten Punkt komme ich jetzt. Inzwischen sind nicht mehr nur einige wenige Personen „live“ dabei. Es werden immer mehr. Tausendfach, ja Millionen. Dank TV-Kameras und Internetübertragungen. Beim DFB werden die PKs  via N24 (oder so) ja sogar bundesweit auf die immer größer werdende Zahl der Flachbildschirme der Republik gezaubert. Der DFB  profitiert da recht munter und die Journaille darf schön den Komparsen abgeben, sprich Fragen stellen. Es gibt ja bekannterweise das  recht am eigenen Bild. Wie aber steht es um das recht am eigenen Wort? Davon profitieren nun anderen wie auch eyeP.tv Doch warum muss ich in einem Spiel mitspielen, von dem nur die anderen profitieren? Denn ohne diese Fragen, ohne das Auskunft-Erheischen wäre das ganze ein mehr als kurzes Spektakel. Es wäre eher ein ewiger Monolog der Protagonisten. Aber noch ist es ja nicht so weit, noch wird munter nachgebohrt, nachgehakt und gefragt.

Und nicht immer ist das schön. Antworten des Trainers, mit denen er Journalisten abbügelt (ein Paradebeispiel dafür ist sicherlich Hans Meyer) werden mit Gegröhle, Gejauchze und Gejohle aus dem VIP-Bereich quittiert. Hat er es ihm aber munter gegeben, dem blöden Schreiberling… Geschieht ihm ganz recht, was stellt er so dumme Fragen. Unser Trainer ist sakrosankt (Zumindest so lange, bis der Klub ihn entlässt und einen andern an seine Stelle setzt.).

Und es gibt durchaus noch einige Stadien, so auch im Südosten unserer geliebten Stadt, wo der so Vorgeführte dies hautnah miterlebt, weil er nur durch eine dünne Zeltplane von den besser betuchten Fans entfernt oft genug schwitzenderweis und nicht bei einem kühlen Blonden seinem Tagwerk nachgeht.

Dort wird nun neuerdings auch noch die komplette PK via Stadion-TV ins große weite Rund übertragen. Womit einem eigentlich die Arbeitsgrundlage sukzessive entzogen wird. Warum sollen Fans als Konsumenten der Nachrichten über ihren Verein nun noch ein oder zwei Tage später eine Zeitung kaufen, wenn sie all die Antworten auf ihre eigene Fragen schon vorher vernommen haben? Warum sollen Journalisten auf diesen PKs Fragen stellen und sich damit auf Dauer selbst obsolet machen? Als launiges Beiwerk für das nach Unterhaltung dürstende Publikum sind sie eigentlich nicht gedacht. Bezahlt werden sie von ihren Arbeitgebern und nicht von den Fans, egal ob VIP oder Normalo, durch den Erwerb einer Eintrittskarte. Auch nicht von den Vereinen, auf dass sie verpflichtet sind, das zahlende Publikum zu unterhalten. Wer mehr wissen will, muss eben selber fragen. Oder aber tags darauf  in den Medien nach weiteren Informationen suchen.

Halten wir also fest, die Presskonferenz ist heutzutage nicht mehr ein Ort des Informationsaustausches, sondern zu einer Bühne verkommen. Sie degeneriert zu einem Bestandteil des Events Fußball, gehört fast nur noch zum Bereich Unterhaltungszirkus.

Wer seinen Anhang munter und über die 90 Spielminuten hinaus unterhalten will, muss seine Angestellten oder Schutzbefohlenen eben dazu bewegen, sich nach absolviertem Fußwerk auf ein Podium in deren Mitte zu begeben.

Pressekonferenzen sollten denen vorbehalten sein, für die sie ursprünglich mal gedacht waren. Nur dann können sie wirklich sinnvoll sein.

Dass es auch anders gehen kann, sieht man bei den Eisbären. Dort werden die zugeschalteten Gäste nach einem Statement der beiden Trainer verabschiedet. Es beginnt die eigentliche Fragerunde. Die Journalisten erhalten das, was sie zum Arbeiten brauchen. Und wenn einer aus dem Publikum mehr wissen will, dann muss er eben am nächsten Tag ein paar Groschen investieren.

2 Kommentare zu “Abschied von einer leeren Hülle”


  1. Das ist ja auch nicht gewünscht, oder?

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  2. Ich stimme Dir zu, dass diese PKs eher Verlautbarungen denn noch Konferenzen sind. Wenn ein Verein sich entscheidet, Stimmen nach dem Spiel zu zeigen, dann sollen sie es gerne tun. Aber diese Stimmen leiden eben auch unter dem gleichen Manko, wie die diversen Vereinssender: sie sind nicht kritisch-objektiv.

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