spree:geflüster

Gesehen. Gehört. Gelesen. Gefunden. Geschrieben.
Subscribe

Archive for the ‘Gehört.’

Neues aus der Yuma Bar

Januar 19, 2010 von Bunki abgelegt in: Gehört., Gelesen.

Alte Stelle, neue Welle. “Read on my dear – die Lesebühne mit Spreeblick” hatte letzten Mittwoch (sorry für die etwas späte Kritik) sich mal wieder nette Gäste ins Haus geholt. Und anders als in der Vorwoche musste @Freval aka  Frederic Valin in der „Yuma Bar“ diesmal keine Magazine Frischluft von Außen zuführen, weil sich die Anzahl der Besucher in Grenzen hielt.

Dafür war es aber wesentlich gemütlicher, so dass Fred später keine Probleme hatte, mit seinem als „sorting hat“ verkleidetem Klingelbeutel spielend durch die Reihen zu kommen.

Zurück zur Gemütlichkeit. Die strahlte dann auch gleich Frederics erster Gast aus, Thilo Bock.  Thilo las unter anderem aus seinem Roman “Die geladene Knarre von Andreas Baader” und hatte auch sonst noch so einiges mitgebracht. Beispielsweise in “Indirekt ins Gesicht gespuckt” eine durchaus brauchbare Anleitung, um für perfekte Verwirrung und liebvolles Chaos zu sorgen. Glauben Sie nicht? Dann folgen Sie einfach mal seinem Rat und laden den bestellten Pizza-Bring-Boten spontan zu einem Dreigänge-Menü ein und schauen Sie, wie er reagiert! Oder nehmen Sie den erstbesten, vollbeladenen Einkaufswagen im Supermarkt, zahlen und brauchen die Vorräte dann bei sich zu Hause auf. Es verrät Ihnen einiges über ihre Mitmenschen. Selbst wenn das ein bisschen mehr Information sein mag, als sie sich vielleicht gewünscht hätten …

In solchen skurrilen Momenten spielt Thilo Bock seine starke Seite aus.  Auch in seinen Alltagsbeobachtungen. Wenn er  wie in Neuköllner Hinterhofgesprächen recht junger Heranwachsender (“Kinder, Keks & Clamydien) den ewigen Geschlechterkampf  schon einer Prä-Teenager-Zeit als systemimmanent entdeckt und entlarvt.  Etwas bemüht wird es, aber wenn er in Heinz-Erhard’scher Manier  sich schlicht durch die Gegend kalauert. Das sollte man dann doch lieber dem Altmeister überlassen. Auch seine abschließende Sanges-Litanei war tonal gewöhnungsbedürftig. Dafür aber inhaltlich lustig.

Matthias Oborski als zweiter Gast des Abends, früher mal eine gefürchtete Internet-Rampensau, fing die Zuhörer gleich einmal mit der bahnbrechenden Erkentnnis, dass für Astronauten eine Erektion in der Schwerelosigkeit ein schwerwiegendes Problem ist. Solchermaßen eingestimmt, ging es dann locker weiter. Natürlich durfte auch die Mutter aller Neu-Berliner-Geschichten, das bis auf in einem hier nicht näher zu nennenden Kiez (Bezirk der Spreegeflüster-Redaktion bekannt) allseits beliebte  Schwaben-Bashing, nicht fehlen. Eben jenem allzu jugendlich daherkommenden Stadtteil, in dem erwachsene Menschen sich nicht dazu entblöden,  an ihren “Strickmützen auch noch Bommeln” zu tragen, wie Oborski genüsslich feststellte. Der Szenebezirk halt, in dem all “die Erwachsenen in ihren Zwanzigern stehen geblieben sind, weil sie das Jetzt nicht verstehen. So wie sie auch bald die Musik ihrer Kinder nicht mehr verstehen werden”.

Dass das P-Bashing auf Dauer etwas ermüdet, lassen wir jetzt einmal dahingestellt. Woche für Woche das gleiche! Matthias kann ja nix dafür, dass aus einer avantgardistischen Bewegung mit Augenzwinkern und Ironie langweilender  Mainstream geworden ist. Wenigstens an andere Stelle zeigte sich Oborski aber als voll im Trend. Wie wichtig es ist, zu Twittern, wenn man sich den großen Stars auf du und du nähern will (“Ich würde da sein, wie ich noch die da gewesen war”), wurde einem anschaulich vor Augen geführt.

Großartigst aber sein minutiöse Schilderung des Arbeitsalltages eines modernen Kreativarbeiters (“6.15 Uhr: Im Stockwerk über mir ist eine Eishockeymannschaft zu Gast die ihre kompletten Spielzüge übt. Spart Strom des Radioweckers.”  9:00 “Höre Stimmen. Hatte den Radiowecker vergessen.” usw.)  und einem wieder mal richtig viel Freude auf einen gelungenen Prokrastinationsalltag macht.

Alles in allem, wieder mal ein vergnüglicher Abend, der einem mindestens mal wieder ein zwei Leseanregungen gegeben hat. Und  Freude auf Wiederholungen  mit neuen Gäste in der Yuma Bar aufkommen lässt.

Wer jetzt übrigens glaubt, das er hier nun  jede Woche “Neues aus der Yuma Bar” vernimmt, dem muss ich gleich den Wind aus den Segeln nehmen. Die Winterpause ist ja vorbei. Bald rollt auch unter der Woche wieder der Ball. Und ich bereite mich für meinen – bei manchen meiner Mitmenschen nicht ganz unbekannten – Arbeitgeber nächsten Mittwoch in südlichen Gefilden Deutschlands auf die WM vor. Und danach? Nun ja, da ist Champions League, oder so. Da müsst  ihr dann mal wieder alleine lesen. Oder Lesen lassen. Und ich, gehe vielleicht mal zur Abwechslung den @Vergraemer bei seinem „4. Jour Fiztz“ besuchen.

Flieg, kleiner Zauber-Uli, flieg!

Januar 08, 2010 von Bunki abgelegt in: Gehört., Gelesen.

Ein Satz! Um Himmels Willen, gib mir einen ersten Satz. Oder wenigstens ein Wort, dass ich weiß, wie ich einsteigen kann mit dieser von keinem geforderten, mir aber selbst auferlegten Kritik. Warum? Weil es mir ein Bedürfnis ist. Und weil ich es kann. Ist ja schließlich auch mein Blog hier ;-). Aber lassen wir das.

Kommen wir lieber zu wichtigen Dingen. Zu Frederic Valin, beispielsweise, vielen auch bekannt als @Freval und Mit-Autor des unnachahmlichen Blogs Spreeblick, dem wir trotz zufälliger Anlautähnlichkeit im Blognamen weder das Wasser reichen wollen noch können. Wo war ich? Ach ja, dass Fred es einfacher hatte am Mittwoch Abend als ich jetzt, dem partout gerade kein Beginn einfallen will. Denn der konnte in seiner neuen Lesereihe "Read on my dear – Die Lesebühne mit Spreeblick" zunächst einmal routiniert auf gewohnte Eröffnungswortritualhülsen zurückgreifen, die er nach gekonnt abgespultem Pensum angesichts der Massen, die sich da in der Yuma-Bar drängelten, doch leicht süffisant – Freval halt – variierte. Seine Anmoderation des Abendgastes ("Habt ihr alle einen Platz gefunden") konterkarierte er in gleichem Atemzug mit einem munteren "Hö,hö", denn es war unübersehbar, dass  Uli Hannemann den "Saal" erwartungsgemäß aus allen Nähten platzen ließ.

Da störte es auch nicht, dass  die in Neukölln beheimatete  Lesebühne entgegen des Untertitels keinerlei Spreeblick zuließ, schließlich war der Vortragende Anblick genug und seine Worte Genuss pur. Um es kurz zu machen, wer nicht da war, war selber schuld. Uli Hannemann produzierte nämlich nicht nur eine Werkschau seiner zurecht beliebten, aber nicht ganz unbekannten Kiez-Beobachtungen aus  "Neulich in Neukölln" und Droschkenkutscher-Erlebnissen  "Neulich im Taxi", sondern ließ dem Publikum zahlreiche unabgedruckte Manuskripte zu Ohren kommen, dass es nur so eine Freude war. Dass er dies auch noch in umgekehrt chronologischer Reihenfolge als  dem klassischen Jahreszeitenrhythmus offerierte, sich vom jüngsten Werk zum Ältesten quasi zurückzauberte, steigerte das Vergnügen nur.

Köstliche abstruse Quervergleiche riefen immer wieder Lachsalven hervor. Beispielsweise die trockene Feststellung in "Champagner Laune", dem Opener des Abends, dass dieser edle Perlwein doch auch nur "das Sternburg der Krise der digitalen Penner und der Generation Praktikum" sei. Solchermaßen eingestimmt,  bat Hannemann in "Deutscher Herbst" in verquerer und dennoch einleuchtender Logik um Mitleid für einen Exhibitionisten, der extrem darunter leidet, dass er "seinen Beruf" verfehlt hat. Gezielt nahm er auch die zugereiste Prenzl-Berger Schickeria aufs Korn, die in ihrer gutbürgerlichen Überheblichkeit und mit reichlich Standesdünkel und wildgewordenem Mütterstolz versehen, vehement für eine "Freilandhaltung asozialer Gestalten eintreten", die es wagen, bei Rot über die Ampel zu gehen und damit der nachzuzüchtenden Brut einen irreparablen geistigen Schaden zufügen.

En passant erfuhr man in "Für immer und ich", warum man schon durch ein einfaches Hallo sein Leben aufs Höchste gefährden konnte. Man musste innerlich mitaufstöhnen, wenn in "Früher Vogel schmeißt den Wecker an die Wand" der Protagonist zu so nachtschlafender Stunde aus Morpheus Armen gerissen wird, dass der "Blick aus dem Fenster körperlich schmerzt". Hörte von ungewollter, mehr aus Höflichkeit den stolzen Spendern gegenüber – man kann sie ja schlecht durch Ablehnung ihrer Großherzigkeit beleidigen – gemachter Bewusstseinsveränderung, die den "kleinen Zauber-Uli" in seinem Taxi zum Fliegen brachten

Sex kam auch nicht zu kurz. Von den Vorzügen der Penetration durch eine Wespe wurden wir in "Tierliebe" unterrichtet und zugleich einer Korrektur unseres Wertesystems angemahnt, weil echte Tierliebhaber sehr wohl mit dem geflügelten gelb-schwarzen Stichling Strecke zu legen wüssten, nicht aber mit kleinen Katzen. Zudem – wenn auch schonend – konfrontierte uns des autobiographischen hochgradig verdächtige Autor mit der äußerst schmerzhaften Erkenntnis,   dass er für die Antologie schlimme Erfahrungen im Bereich der körperlichen Liebe leider eine Geschichte erfinden musste, weil er mangels eigener Negativ-Erfahrung sonst zu dem epochalen "Sex – von Spaß war nie Rede" nichts hätte beitragen können.

Es war wieder eine mit  rauem Charme, teils deftigem Vokabular und ironischem Augenzwinkern von sonorer Stimme vorgetragene Liebeserklärung an das Leben im Allgemeinen und an Berlin  im Speziellen. Davon könnte man viel, viel  mehr brauchen.

Fotos: Sebastian Saumselig

Tittentanz

November 23, 2009 von Bunki abgelegt in: Gehört., Gesehen.

Kreuzberg, Sonntagnacht. „Tittentanz im Spitzenschlüpfer – Berlins erste Lesung zum Ankieken.“ Lassen wir die obligatorische Verspätung mal außen vor, cum tempore, die ist ja noch zu ertragen. Zumal mancher es am Eingang auch mitgeteilt bekam. Und ich will mich jetzt auch nicht groß darüber aufregen, dass Verspätungen kein Ausdruck von Individualität sind, sondern mittlerweile ein Massenphänomen selbsterklärter Avantgarde oder digitaler Boheme oder was sich dafür hält. Kommen wir gleich zum Kern: Ein wenig mehr Spitzen, etwas weniger nur Schlüpfriges hätten dem Abend auch nicht schlecht getan. Es fehlt die leichte Note, die dem ein oder anderen ein kopfnickendes Schmunzeln, eine ironische Selbstreflexion hervorgelockt hätte. Hätte hervorlocken können. Brachiale Schenkelklopfer sollten die schönste Sache der Welt von ihrer komischen Seite beleuchten. Und brachten doch nur ein mehr oder weniger von oben herab durchscheinendes Weltbild, dass Männer als dumpfe, schwanzfixierte Toren betrachtet.

Über die Auswahl der Texte lässt sich auch streiten. Bisschen viel Pennälerhumor gepaart mit Fäkalerotik. Erinnerte doch stark an eine Schulabschlussfeier nach bestandenem Abitur. Ob Philip Roths Phantasien über die Masturbationsprobleme eines 13jährigen wirklich witzig sind beispielsweise. Über den Mangel an weiblicher Note aber nun nicht. Einseitig auf Ejakulationsgelüste fixiert sprach ein Großteil der Texte über die Häfte der Zuhör-Seherschaft wenig an. Zudem waren beispielsweise Pointen wie bei Altmeister Charles Bukowski so vorhersehbar, als hätte man als Freshman einen Kurs für die Kunst  des Schreibens am College belegt. Unterhaltend war das also weniger.

matratzen 003

Angelika

Ein überraschender Höhepunkt war allerdings die Geschichte eines BWLer-Pärchens, dessen dahinsiechende Beziehung betriebswirtschftlich einleuchtend analysiert wird. Da kam auch der weibliche Teil des Publikums im Festsaal Kreuzberg auf seine Kosten.

Ein weiterer Pluspunkt: die ruhige, sanfte Stimme des vorlesenden Trini Trimpop. Optisch an Hugen Egon Balder erinnernd, wie er dort in seinem Ohrensessel thronte und als Alt-Punkstar mit einer gewissen weltläufigen Gelassenheit vortrug. Moderatorin Anna Lege hatte ihre Anfangsnervosität zum Glück auch schnell abgelegt. Wenn sie sich künftig noch in der Kunst des freien Vortrages übt und nicht vom A4-Blatt abliest, und so viele Sachen musste sie nicht ansagen, könnte das noch besser gefallen.

Die burlesken Tanzeinlagen der “The Teaserettes” hatten den Charme einer Selbstfindungsgruppe beim frisch einstudierten Ausdruckstanz. Immerhin: Überall Figur, genau an der richtigen Stelle. Wenn man es mag. Ihrem selbsternannten Anspruch, weg von oberflächlichem Klischeedenken zu agieren, wurden sie aber weniger gerecht. Und das alles noch für 15 Euro. Hätte man sich sparen können.

Shakespeare. Sonett 66. Nachdichtung.

Oktober 12, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Gehört., Gelesen., Geschrieben.

Genug davon. vor Ekel schrei ich auf

Davor. wie Jugend heimatlos verkommt

Wie aufgeblähtes Nichts mit Wohlstand protzt

Korrupte Selbstsucht Privilegien rafft

Wie eitle Missgunst Sachlichkeit zernagt

Wie Ungeduld verbittert resigniert

Wie dumpfe Feigheit freie Willen lähmt

Verhöhnt und wie Vereinigung versiegt

Wie Kunst bildschöne Illusionen geigt

Wie dreister Stumpfsinn Heiterkeit erstickt

Wie Wissenschaft geknebelt Wasser lässt

Wie tätige Vernunft ohnmächtig stöhnt…

.

Genug davon. längst wäre ich weit fort

Ließ ich nicht dich allein an diesem Ort.

______________________

78 rpm

Diese Nachdichtung, gesprochen von Marlene Marlow, als mp3:

Here is the Music Player. You need to installl flash player to show this cool thing!

(entnommen aus: “Grenzgänger”, Hörstück von P. Dessin)

Bitte gib mir nur ein Wort

August 13, 2009 von Bunki abgelegt in: Gefunden., Gehört., Gelesen., Geschrieben., Gesehen.

Es sind immer wieder die selben Dinge, die einen bewegen. Wie komme ich in dieser Welt zurecht? Warum zahle ich zu viel Steuern. Und wo um Gottes Willen bekommt man um diese verfluchte Uhrzeit noch ein letztes Bier her?

Mit letzterem Satz disqualifiziere ich mich als in Berlin Lebender natürlich. Ich glaube keine andere Stadt in dieser Welt nennt so viele Nachbarschaftsläden, so viele Spätis (Spätkaufs) ihr Eigen wie unser schöne Metropole.

Natürlich gibt es da noch etwas ganz anderes in unserem Leben. Der Wunsch nach Zuneigung, Nähe und Wärme. Doch ach, alles nicht so einfach. Was tut die Einsamkeit der Großstadt uns an? ist sie überwindbar? Wo finde ich in all den Häuserschluchten den rechten Partner? Wie vor allem überwinde ich nur meine verflixte Scheu ihn dann auch anzusprechen? Werde ich die Zeichen richtig lesen und deuten können?

Ja, das ist ein Problem. Sprache ist wichtig. Unverzichtbar. Doch nicht immer will sich das rechte Wort dann einstellen. Manchmal ist man sprichwörtlich stumm vor Aufregung. Nicht von ungefähr kommt mir da ein Song von “Wir sind Helden” in den Sinn. Doch manchmal ist weniger eben viel, viel mehr. Nicht immer muss alles ausgesprochen oder gesagt werden.

Ein ganz bezauberndes Beispiel dafür liefert uns ein junger Filmemacher Namens Patrick Hughes. Ein kleines etwas mehr als 10 Minuten dauerndes Märchen, angesiedelt in den namenlosen Arbeitswaben einer nie ruhenden, ewig umtriebigen City. In seinem Kurzfilm “Signs”, lässt Hughes uns mitfiebern mit dem einsamen Helden, dessen urbane Leere mitempfinden. Sein wortloser Schmerz über den plötzlichen Verlust wird zu unserem eigenen, so sehr zittert man mit dem namenlosen jungen Mann der heutigen, einen ewig fordernden Dienstleistungsgesellschaft mit.

Leider in zwei Teilen. Hier Teil 1:

Und nun das große Finale:

.

Gefunden habe ich das absolut schöne Teil, das fast ohne gesprochenes Wort auskommt (zumindest nicht bei den beiden Hauptdarstellern) bei Madame @kumullus. Und zwar hier: http://mevme.com/lizblog/absolutely/ .

Es spielt zwar alles nicht in Berlin. Aber könnte sich hier in der anonymen Großstadt nicht ganz genauso abgespielt haben?