spree:geflüster

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Archive for the ‘Geschrieben.’

Drama in Sekt. Eine Sommergeschichte.

Juli 12, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

„Meine Zunge“, sagte mein Freund Anton, „ist so trocken, dass es staubt, wenn ich schnell spreche.“

So heiß war es. Die Meteorologen behaupteten, seit gestern wäre heute der heißeste Tag. Speiseeis gab es nur noch in flüssiger Form. Die Kühe lieferten saure Milch. Die Fußgänger tanzten im Black-Bottom-Schritt die Straße entlang, so heiß war es. Die Sonne knallte auf die Gehirne. Die Menschen träumten perverse Träume von alkoholfreien Getränken in ausreichender Menge und so.

So heiß war es.

Und wir mittendrin. Bei 38 Grad nördlicher Breite… nicht doch! Bei 38 Grad Celsius brütender Hitze, also bei 38 Grad Brutus im Schatten in der Sonne. Wir.

Anton peilte sorgenvoll die Wetter- und sonstige Lage. „Ich sehe eine lange Dürre kommen.“

„Die geht vorüber“, beruhigte ich ihn, „die wohnt hier gleich um die Ecke.“

Wir wollten Bekannte besuchen, aus denen wir uns nicht viel machten, aber jetzt hatten sie sich einen Tiefkühlschrank mit Eiswürfelbereiter gekauft.

Anton trug die Flasche. Ich die Rosen. Schöne Rosen. Weiß. Für die Dame des Hauses. Langstielig waren sie, die Rosen. Fünf Stück. Anton trug die Flasche Sekt. Sekt, das Getränk der Freude und Verführung.

Wir schweißten zum Bahnhof.

Mannomann, war die Bahn warm. Den Fahrgästen dampfte das Wasser aus den Ohren. Eine Frau bemerkte, auf der Glatze ihres Mannes könne man Weißbrot rösten.

Anton hielt die Flasche im Arm. Er hielt sie sicher, er hielt sie warm. Der Wagen war eine fahrende Sauna, ein Schweißapparat. Die Menschen wurden gedünstet. Ich glaube, einige waren schon gar. Uns gegenüber saß eine Zeitung mit jemand dahinter. Er überschlief gerade den Leitartikel. Ich las die Rückseite.

„Explodierende Seltersflasche als Folge der Hitze. Ein Haus stürzte zusammen.“

Selterswasser. Donnerwetter. Ich dachte mir erst gar nichts dabei. Die Hitze…

Selterswasser… Selterswasser… Kohlensäure…

„Anton!“ Ich zeigte auf die Überschrift. „Ob eine Flasche Sekt auch… ich meine, wegen der Kohlensäure?“

Anton besah mit kohlensaurer Miene seine Flasche. Bahnschaukeln. Hitze. Der Sekt gluckerte boshaft.

„Wenn Seltersflaschen – stell dir vor, du machst eine Wasserflasche auf und plötzlich fällt das Haus ein!“ Anton entrollte misstrauisch das Einwickelpapier. Er polkte die Stanniolkappe ab.

„Die Flasche ist dicht“, stellte er erleichtert fest.

Die Mitreisenden sahen mit durstigen Augen und sehnsüchtigen Kehlen zu.

„Aber der Draht!“ überlegte ich. „Der Draht kann beschädigt sein.“ Ich prüfte ihn. Ich zog nach links und drehte nach rechts. Der Draht riss. Anton wurde blass, als hätte er Bleichsoda gefrühstückt. Er drückte seine Hand auf den Korken.

Es zischte. Der Alkohol war stärker, wie meistens. Der Korken kroch tückisch in die Höhe.

Ich klemmte die Rosen unter den Arm. „Ich verknote die Drahtenden wieder.“ Anton stemmte sich gegen das Schicksal in Form eines aufsteigenden Korkens.

„Die Fahrkarten bitte“, sagte der Kontrolleur.

„Moment. Sofort.“ Ich knotete weiter.

„Sie haben wohl kein Ticket?“ Seine Stimme wurde dienstlich. Anton hielt die Flasche. Ich suchte mit meiner Linken unsere Taschen ab.

Stimmen aus dem Publikum: „Das sind die Richtigen. Sekt saufen, aber kein Geld für die Fahrkarten! Sicher Künstler.“

„Mit Nachlösegebühr 14 Euro pro Person“, forderte der Kontrolleur mit müder Stimme.

„Wir müssen die Hände wechseln“, flüsterte ich Anton zu. „Wie soll ich denn mit meiner linken Hand in meine rechte Gesäßtasche kommen!“

Wir wechselten die Hände, der Kontrolleur die Farbe. Der Korken schoss an seiner Nase vorbei und riss ihm die Dienstmütze vom Kopf.

„Den Korken können Sie behalten“, sagte Anton großzügig, „Sektkorken bringen Glück.“

Im Gang stand ein Mädchen mit einer schulterfreien Bluse. Architektonisches Wunderwerk der frei tragenden Bauweise. Der entfesselte Sekt hüllte die schönsten Teile Teile der Bluse in ein Schaumbad.

Das Mädchen kreischte einmal kräftig und schielte auf seinen schäumenden Busen. Anton steckte erschrocken den Finger in den Hals. In den Flaschenhals.

Nicht nur Menschen sind leicht zu durchschauen, wenn man sie unter Alkohol setzt. Auch Blusen. Sie wurde durchsichtig. Es ist kaum zu glauben, wie wenig ein Mädchen anziehen kann.

Der Mann mit der Zeitung wachte interessiert auf.

Einige Frauen unterhielten sich laut über sektspritzende Lüstlinge in der Regionalbahn.

„Die Fahrkarten bitte!“ drohte der Kontrolleur, aber da er keine Mütze mehr trug, imponierte er uns kaum noch.

Anton stellte die Flasche neben sich auf den Sitz und ersetzte den Korken durch seinen Mittelfinger. Er hielt dicht, bis der Herr im grauen Anzug einstieg. Ohne hinzusehen, setzte der sich auf den Platz neben Anton, der gerade noch seine Hand wegziehen konnte. Die Flasche beharrte hartnäckig auf ihren Platz.

So hätte der Graue ja nun auch nicht zu zetern brauchen. Andere wären froh über eine Abkühlung gewesen.

„Wer kann sich schon ein Sektsitzbad leisten!“ Anton sah ihn vorwurfsvoll an. Wir gaben dem Mann die Reinigungskosten für die Hose. Auch das Mädchen verlangte, wir sollten die Bluse reinigen lassen.

„Na klar“, stimmte ich zu, „ziehen Sie sie gleich aus, sonst holen sie sich noch einen Blusenkatarrh.“

Der Kontrolleur verlangte Geld für eine neue Mütze. Und die Fahrkarten.

Inzwischen soff ein Dackel den auf den Boden vergossenen Sekt. Nach dem fünften Schluckt bellte er frivole Lieder und biss einer unverheirateten Dame ins Bein. Die gab ein empörtes „Huch!“ von sich.

„Nun hamse sich mal nich so“, sagte der Mann mit der Zeitung, „sein Se doch froh, dasset nich der Storch war.“ Vielleicht war er ja Barth-Double – er lachte laut über seinen Witz, den er gut fand. Dann lehnte er sich zurück und blätterte seine Zeitung auseinander.

Anton starrte auf die Rückseite, holte tief Luft und – „Mensch“, stöhnte er, „du blöder Heini!“

„Nimm sofort den Heini zurück“, verlangte ich. „Und überhaupt – warum eigentlich?“

Anton zeigte wortlos auf die Zeitung. Dabei warf er mir einen Blick zu, dass der besoffene Dackel jammerte.

In der Zeitung standen, nach voller Entfaltung, zwei Überschriften:

„Explodierende Seltersflaschen als Folge der Hitze kommen äußerst selten vor“ und „Haus stürzte zusammen. Schwere Folgen eines Erdrutsches“.

Ich nahm die Flasche und goss den Rest über die schwitzenden Rosen.

Es war nicht alles schlecht (1980)

Mai 26, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Gefunden.

Man mag es kaum glauben, aber es gab in der DDR doch Dinge, die es gab. Jahreszeiten zum Beispiel. Wir hatten damals vier verschiedene, und die Älteren unter uns können sich vielleicht noch daran erinnern.

Eine dieser Jahreszeiten nannte sich “Frühling” und war ungefähr zwischen einem knackigen Winter und einem schönen, sonnigen Sommer angesiedelt. Ein (mir) unbekannter Verfasser beschrieb das in folgendem kleinen Gedicht.

(Leider konnte dieser dreiste Dissident sich nicht zurückhalten, auch in solch schönen Momente von Fehlendem zu träumen. Aber er sollte ja Recht behalten.)

 

Früh links Erwachen

 

Der Herbst ist da! Nach Liebe lechzen

alle Mädchen über sechzehn.

Die Rehe treten alle aus

dem Wald, und keiner bleibt zu Haus’.

 

Die Bienen kommen alle nieder,

die Gammler waschen sich mal wieder,

der Saft, der steigt bei jungen und bei alten

Bäumen (Komma) der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.

 

Wir haben EDV und Müllcontainer, das ist fein.

Wir haben die Pille und der Storch beißt jetzt umsonst ins Bein.

Wir haben sogar Farbfernsehn mit PAL.

Und bald gibt es auch Fliesen und ein kleines bisschen Aal.

Mal weg sein

Februar 09, 2010 von Sebastian abgelegt in: Geschrieben.

Eine lange Schlange an der Passkontrolle des Frankfurter Flughafens. Die Passagiere des gerade aus Brasilien gelandeten Flugzeuges warten ungeduldig. Kein Beamter nimmt die Abfertigung vor. Zwei Bundespolizisten stehen am Ausgang und warten gelangweilt. Erste Männer werden ungeduldig. „Servicewüste Deutschland!“, ruft jemand von hinten. Dann geht es los. Langsam bewegt sich die Schlange. Der Beamte am Schalter spricht jeden Namen aus: „Löning, Christoph. Bitte schön. Der nächste. Lohr, Gregor. Bitte schön. Der nächste.“ Monoton ohne jede Gefühlsregung nimmt er die Pässe entgegen, scannt sie ein und prüft sie. „Der nächste. Gerster, Andreas. Einen Moment bitte.“ Er dreht sich zu einem Polizisten am Ausgang und nickt ihm zu. Der kommt auf den als Urlauber erkennbaren blonden Mann zu: „Sind sie Andreas Gerster?“ Nicken. „Kommen Sie bitte mit.“ – „Wo ist mein Gepäck? Das muss bei der Zwischenlandung vergessen worden sein.“ – „Ihr Gepäck ist bei uns.“ Unmerklich sackt der Mann zusammen. Und plötzlich sieht man ihm an, dass er trotz seiner drahtigen Figur bereits die 50 Jahre erreicht hat.

„23 Monate habe ich bekommen. Ohne Bewährung. Wenn ich mich gut benehme und arbeite, ist nach zwei Dritteln mit Begnadigung zu rechnen. Und nach einem Jahr bekomme ich vielleicht schon Wochenendurlaub. Georg, mach mir bitte noch ein Bier!“ Andreas Gerstner sitzt am Tresen. Es ging alles ganz schnell. Überführung vom Flughafen Frankfurt nach Sachsen. Und dann Prozess am Kriminalgericht Moabit. Leugnen hatte keinen Zweck. Bei solch einer Menge gibt es keine Ausreden. Nun hat er noch einen Tag. Morgen soll er in der Justizvollzugsanstalt Tegel seine Haft antreten. „Darauf wären wir doch zu Friedenszeiten nie gekommen, freiwillig zur Haft zu erscheinen. Wenn die uns verknacken wollten, haben sie das einfach gemacht. Aber ich werde da morgen hingehen. Was bleibt mir schon anderes übrig. Vater hat versprochen, Geld zu schicken und Tabak. Nur was wird aus dem Jungen?“

Kurz vor seiner letzten Reise hat ihn Andrea aus der Wohnung geworfen. Ein anderer Kerl. Nicht besonders überraschend. Sie war weit weg gewesen. Andreas blieb oft mit dem Kind. In den Kindergarten bringen. Aus dem Kindergarten abholen. Eine Schule aussuchen. Das ging so seit er Andrea vor sieben Jahren kennengelernt hatte. Sie musste wegen ihrer Ausbildung häufig weg. Max war bereits da, als Andreas eingezogen ist. Vater nicht bekannt. Den stellte nun Andreas dar.

„Eine andere Perspektive hat mir Max gegeben. Plötzlich denkt man an die Schule, da ist der Junge erst drei. Das ist ein ganz anderer Rahmen. Da ist man drin, ob man das möchte oder nicht. Zuerst haben wir überlegt, für ein paar Jahre wegzuziehen. Wir hatten ja hier nichts, was uns hält. Runter in die Türkei. Aber dann fiel mir ein, dass Max in drei Jahren in die Schule kommt. Da kann man so etwas nicht einfach entscheiden. Brauchst Du Feuer?“ Andreas schiebt sein Feuerzeug seinem Nachbarn am Tresen rüber. Während er dem Mann dabei zusieht, wie der seine Zigarette anzündet, tasten seine Finger im Tabakbeutel. Er wühlt. Heraus zieht er eine fertig gedrehte Zigarette. „Habe ich damals bei der Fahne gelernt. In der Kälte draußen. Einhändig in der Hosentasche.“ Die Flamme flackert auf und leuchtet in seinem im Dunkeln reinen Gesicht sekundenschnell alle Narben und Bartstoppeln aus. „Georg, noch ein Bier bitte. Werde ja ab morgen sehr lange keins mehr trinken dürfen.“ Er hält den leeren Seidel in der Hand und schüttelt die Neige. Von oben schaut er dem letzten Schluck beim Hin- und Herschaukeln zu. Das volle Glas steht bereits auf dem Bierdeckel, da kippt Andreas den letzten Schluck hinunter. Den Kopf wirft er dazu weit ins Genick, so dass der Mund nach oben zeigt. „Wenn ich wüsste, wie es Max geht. Bei der Einschulung vor einem Jahr durfte ich nicht dabei sein. Der kann jetzt bestimmt schon lesen und schreiben. Und beim Fußball würde ich ihn gerne mal sehen. Gott, das ist doch auch mein Sohn. Scheißegal, wer ihn gezeugt hat. Aber als verknackter Drogenkurier hat man als Nichtvater ganz schlechte Karten. Nee, gar keine hat man da. Ist sie jetzt mit ihrem kleinen Drogendealer zusammen. Das wäre mir egal. Aber Max wächst darin auf. Verdammt. Und ich werde ihn jetzt mindestens noch ein Jahr nicht sehen dürfen. Die 23 Monate. Darauf geschissen. Aber ich bin weggesperrt und komme so erst recht nicht an Max ran. Kann ihn doch nicht einfach aus meinem Gedächtnis streichen.“ Andreas stiert über sein Glas hinweg. Sein Blick bleibt an einem Wandkalender hängen. „Georg, mach mal den Zettel. Ich muss noch Sachen packen.“

Schreiben wir eine Pornogeschichte!

Januar 29, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken getragen, eine Pornogeschichte hinzulegen? Nichts schwieriger als das. Voraussetzung ist, dass Sie über ein höchstens durchschnittliches Schreibtalent verfügen, nicht zu  viel Phantasie haben und sich strikt an gewisse  Grundgesetze halten. Das Folgende ist als erste Grundanleitung gedacht.

“Ich habe alles erlebt, was ein Weib im Bett, auf Tischen, Stühlen, Bänken, an kahle Mauerecken gelehnt, im Grase liegend, im Winkel dunkler Haustore, in Chambres séparées, im Eisenbahnzug, in  der Kaserne, im Bordell und im Gefängnis nur erleben kann.”

Dem Bekenntnis der Josephine Mutzenbacher entnehmen Sie, dass dem Pornoroman keine Örtlichkeit zu unpassend ist, um ins Geschehen einbezogen zu werden; bespritzen Sie die Welt mit klebrigem Nass aus ihrer Pornofeder! Allerdings muss die Umgebung durchaus zweitrangig bleiben; wie alle Details, die die nicht zur Hauptaktion gehören, soll sie bloß Realität vortäuschen. Das gestalterische Problem besteht für Sie darin, dass Sie wollüstige Szenen nicht aneinander reihen können, sondern dass Sie sie vorbereiten, die Lücken zwischen ihnen mit Bruchstücken aus der Realität aufschütten müssen. Frisst Ihnen dieser Teil zuviel Raum, droht Ihre Geschichte entpornoisiert zu werden und in eine andere Gattung der Trivialliteratur überzugehen.

Misslungen, aus der Ästhetik des Porno betrachtet, ist etwa die Geschichte jenes anonymen Kollegen, der volle acht Seiten braucht, bis er das Fräulein Else in der gewünschten finanziellen Abhängigkeit des Lüstlings hat und sie diesem als Hörige vorführen kann, während er den Leser mit nur knappen zwei Seiten Sado-Maso um die Erwartung betrügt; das Füllmaterial drängt den zarten Hintern des Fräulein Else an den Rand des Geschehens.

Die Kommerzienrätin flüsterte: “Komm, küsse mich!” Die Beiden umarmten sich innig, die sonderbare Liebe machte aus Herrin und Dienerin zwei gleichgestellte Geschöpfe.

Unsere wichtigste Devise: “ran-an-den-Speck” ist für das Figurenarsenal von entscheidender Bedeutung. Beschränken Sie sich auf die zwei Hauptpersonen und führen Sie weitere Mitspieler nur ein, wenn sie notwendig sind, um die beiden zu kuppeln. Wenn jedoch ein Freund oder eine Dienerin die Szene betreten muss, lassen Sie die Gelegenheit nicht vorübergehen, um mit ihnen rasch ein, zwei Nummern durchzuprobieren; das erhöht den Reiz der Abwechslung und ergibt einen tieferen Sinn. Da die Mitspieler allein durch das Wesentliche, die Sinnlichkeit, miteinander verbunden sind, ohne dass sie durch emotionale, berufliche, klassenspezifische Eingrenzungen behindert würden, finden sie den Weg rasch zueinander und nehmen Paarungen leicht auch zu dritt oder zu viert vor.

Hüten Sie sich davor, Persönlichkeiten darzustellen, das lenkt ab auf Nebensächliches und nimmt Ihnen die Möglichkeit, den Menschen zu seiner Ungebundenheit, zu seiner Freiheit zu gestalten. Zudem würden Sie sich fixieren, blieben Sie an ihren Figuren hängen.

Nichts Langweiligeres für den Leser als dies! Insbesondere für den Romanschriftsteller gilt die Regel: Wechsle die Personen für alle Passionen! Die verschiedenen Stellungen sind rasch erschöpft, zu ihrer Wiederholung braucht es neue Leute, eine neue Umgebung.

Füllen Sie also die frei werdenden Plätze mit Material auf, das noch erotischer, noch pikanter, noch ausgefallener im Geschmack ist. Die Grenzen des Möglichen sind schnell erreicht, zugegeben. Ihr einziger Ausweg ist also der rasche Wechsel. Er verhindert, dass der Leser sich einmischt; lassen Sie einen  Film abrollen, Ihre Leser sind anonyme Voyeurs, die sich in keiner Weise exponieren wollen, weder durch Identifikation mit einem Helden noch durch Reflexion des Geschehens. Halten Sie deshalb Ihre Figuren aus ernsthaften Problemen oder gar gegenseitigen Konflikten heraus, stellen Sie echt Zwischenmenschliches dar, lassen Sie die Partner sich stets vollkommen ergänzen wie in einer Musterehe. Erinnern Sie sich der Puppe, mit der Sie in Ihrer Kindheit spielten und die Ihr treuester Freund war? Nehmen Sie die als Vorbild.

Erst riss ich sie nochmals in meine Arme, nahm sie dann und trug sie auf ein mit vielen Kissen belegtes Bett. Ich ließ sie aufrecht sitzen und kniete mich zu ihren Füßen. Bedächtig löste ich die Strümpfe, zog ihr dann  das Höschen aus und stellte Helena auf den Teppich. Nun verhielt ich einen Augenblick, um ihren nackten Busen, der so voll aus diesem zarten Mädchenkörper heraus quoll, zu betrachten. Da sah ich auch schon die ersten tiefschwarzen Haare. Nun lag Helena nackt vor mir.

Aber, werden Sie einwenden, ganz ohne Schatten ist das Leben nun einmal nicht! Einverstanden, malen wir die Schatten – nur nicht zu dick auftragen. Wir sind schließlich keine Pessimisten (weil: Optimisten sind zufriedene Leute). Josephine Mutzenbacher bringt es fertig, ihn ihren  Bekenntnissen zwischen zwei Ficks in einem einzigen Satz den Tod ihrer Mutter einzublenden:

So standen die Dinge, als meine Mutter plötzlich starb.

Wäre der Verfasser – nach einer Behauptung von Karl Krauss – nicht Felix Salton, der als “Bambi”-Autor von einer gewissen Sentimentalität nicht losgekommen ist, er hätte geschrieben: “So standen die Dinger, als meine Mutter plötzlich starb”, womit er selbst diese artfremde Aussage noch den Pornogesetzlichkeiten untergeordnet hätte; es wäre wahrlich der größte Satz in der Geschichte der Pornoliteratur geworden.

Es gibt keine Situation in der Literatur, wo die Erwähnung des Geschlechtsaktes nicht angebracht wäre. Dieser gehört zum  Leben wie Niesen und Verdauen und genau deswegen können  Sie ihn mit allerhand Tätigkeiten kombinieren, eine Methode, welche das rein Mechanische daran plastisch zum Ausdruck bringt. Während die lüsterne Gouvernante im gleichnamigen Roman eines Anonymos sich mit dem Kitzler der Dienerin  abgibt, bekennt diese – nein! nicht ihre Liebe, nicht so abgeschmackt! – ihre Beobachtung an einem Mord. Hier kommt der flache Beischlaf prächtig heraus, Gedanken und Gefühle beider Beteiligten sind anderswo, dem Leser präsentiert sich ein sterilisierter Akt: gereinigt von allem, was an Zufällig-Menschlichem noch mitschwingen könnte.

Für Ann war die Liebe so selbstverständlich wie Essen, Trinken oder Atmen. Wenn ihr ein Mann gefiel, zierte sie sich nicht lange. Und es machte ihr Spaß. Viel Spaß sogar. Für sie war das Lieben eine Kunst, und sie hatte sich stets bemüht, es zur höchsten Meisterschaft zu bringen. Sie hasste alles Mittelmäßige. Sie hatte ihr Examen mit Erfolg bestanden, und sie wollte es auch im Leben – und in der Liebe – zu etwas bringen.

Der Schluss? Es bieten sich zwei Lösungen an, der repetierende und der endgültige Schluss. Die Kurzgeschichte und das einzelne Romankapitel lassen Sie mit Vorteil nach dem Höhepunkt rasch verenden, dies animiert den Leser zum Weiterlesen. Beim Finish des Romans wirkt dies dagegen unbefriedigend. Hier rasch ein ideales Paar konstruieren und Liebe hinein pumpen. Liebe! Zärtlichkeit! Glück! Ehe! in Aussicht stellen.

Und dann rasch weg – zum nächsten (Groschen-)Roman.

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Und in der nächsten Lektion: “Wie werde ich ein Pornostar”.

Briefe an unsere Follower #8

Januar 21, 2010 von Bunki abgelegt in: Gebrieftes., Geschrieben., Getwittertes.

Traditionen und Regeln sind ja dazu da, durchbrochen zu werden. Macht erstens Spaß. Wer wiegelt nicht gern gegen die Obrigkeit. Und sei es auf! Und zweitens haben wir die Regeln auf Spreegeflüster ja selber aufgestellt. Also nichts leichter, als sie bei Bedarf zu brechen. Oder sagen wir mal, den notwendigen Realitäten anzupassen. Lebende Regeln also, nicht dumpfe Vorschriften. Ergo geht dieser Brief nicht an einen unserer Verfolger. Sondern gleich an mehrere. Und wem der Schuh passt, der ziehe ihn sich an. ;-) Denn ich erhebe dabei beileibe keinen Anspruch auf Vollständigkeit in irgendeiner Art.

Worum es geht? Darum: Alles @saschalobo, oder was! Dieses Eindrucks konnte man sich gestern kaum erwehren, wenn man den Fehler gemacht haben sollte, seiner Timeline ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als vielleicht Körper, Geist und Sehorganen zuträglich war.  Wo man auch schaute, was man auch tat, auf Tritt und Schritt verfolgte einen ein allseits bekannter Iro. Doch eben nicht da, wo er hingehört,  sondern da, wo man ihn nie vermutet hätte. So wie hier:

Oder dort:

Manch einer hat ja dann auch noch versucht, ganz dreist seine Spur zu verwischen. Aber Papier ist geduldig und das Netz unerbittlich. Es vergisst nichts (für Freunde der Berliner Zunge: nüscht)!  Kuckst du hier! Ja, erwischt. Auch du mein Sohn, Brutus, äh meine Tochter @Lana74! Ja, auch du! ;-) Tu quoqoe, mea filia!

Am Anfang stand heute nicht also mal nicht das feingeschliffene Wort, die Macht desselbigen im Twitterlande oder gar ein allseits beliebtes Meme, sondern schlicht der Jux an der Tollerei. Aus einem unschuldig daher kommenden Avatartausch mehrerer Twitterer und Twitteratis wurde es dann phasenweise voll loboesk. Einfachste Netz-Plultimikation eben!

Begonnnen hatte es in der Kanzlei von @andreasposer, der… Ach was, lassen wir es ihn doch selber sagen:

“Begonnen hatte es damit, dass mich @jumac12 in meiner Kanzlei besucht hatte und wir mit ihr mein Profilbild nachstellten. Das Bild von ihr hatte ich heute einfach in meinem Account als Profilbild genommen. Das führte zu einer witzigen Verwirrung. @wimbauer hat dann ein, Bild von @saschalobo genommen und gemeint, er finde Avatarwechsel albern. Das haben dann andere übernommen! :-).”

Ein sich verselbständigender Witz also.  Nicht unüblich im Königreiche Twitter.

Man mag ja stehen zu ihm, wie man will. Ne, nicht @andreasposer. Lobo natürlich! Der ist ein äußerst geschickter Vermarkter seiner selbst. Was absolut legitim ist, auch wenn bei manch einem da manchmal etwas Neid aufzukommen scheint. Nicht umsonst wurde in feiner Ironie angesichts einer jüngeren Kampagne eines Mobilfunkunternehmens mit unserem Vorzeigeblogger darüber gewitzelt, jetzt mache Vodafone ja auch schon Werbung für @saschalobo!

Und es war beileibe nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass das Konterfei uns im Spree-Athen mannigfaltig entgegenblitzte. Das Stadtmagazin Tip hatte nicht besseres zu tun, als sein alljährliches Subjektiv-Ranking der 100 peinlichsten Berliner eben mit Lobos stadtbekanntem Antlitz  als kaufwürdig  anzupreisen.

Was neben dem altbekannten Spruch “Viel Feind, viel Ehr” in erster Linie für den Geschmähten spricht und, quasi nebenbei, die für den Tip etwas peinliche Frage aufwirft, ob er seiner gar getreuen Leserschaft  (und  die gehört ja eher nicht zu der werbeunrelevanten Zielgruppe der Ü50-Jährigen) seine gekürte Nr. 1, Thilo Sarazzin, nicht zumuten mochte. Hallo, kein Poltikverständis vorhanden? Zu unbekannt der Mann, oder was?

Mit anderen Worten, man traute seiner eigenen Einstufung nicht wirklich über den Weg! Hätte wohl eher kaufabschreckende Wirkung gehabt als einen Erwerbsanreiz geboten. Nein,  sie warben mit ihrer Nr. 7, der den nun eher weniger beliebten Blog-Vorzeiger Nr. 1, Kai Diekmann, deutlichst auf die Plätze verwies. Warum auch immer.  Die Blogwurst hätten sie sich dabei aber sparen könne. Plump! Mehr nicht. Wobei man den Herren Schreiberlingen dort als Tipp nur noch die alten chinesische Weisheit vorhalten möchte: Beleidigungen entehren nur den, der sie ausspricht.

Die generelle Fragestellung des Tages kam dann auch von  Heidi K. aka @__k____:

Könnte vergebliche Liebesmüh sein, denke ich.  Denn dass @saschalobo selber einen sehr feinen Sinn für Ironie besitzt, hatte er ja schon oft genug bewiesen. Was sein Markenzeichen angeht, für mich am schönsten bei nachfolgendem Beispiel.

Schließen wir uns also den wohlfeilen Worten mit einer Frage an: Sind wir nicht alle ein bisschen @saschalobo?