spree:geflüster

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Archive for April, 2009

Ein Satz nur noch

April 28, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

Wenn man, so wie ich, altersbedingt und auch sonst irgendwie, wenig Zeit hat, oder sich die Zeit, die man hat, schlecht einteilt oder, was auch vorkommen kann, sie vertrödelt mit mehr oder weniger unsinnigen (andere sagen: komplett unnötigen, respektive weglassenswerten) Tätigkeiten, oder, was auch vorkommen kann, diese wenige Zeit verträumt, verschläft, versäuft, …, dann kann man, so wie ich, das Fehlen der restlichen Zeit damit kompensieren, indem man, so wie ich, nur ganz, ganz kurze Texte schreibt, solche, bei denen ein Lidschlag schon eine ganze Zeile auszulöschen imstande ist, solch kurze Sätze, die einen versucht machen, gaaaanz langsam zu reden, damit der Zuhörer sie nicht beim Einatmen überhört, damit sie überhaupt wahrgenommen werden können, wenn man also, so wie ich, aus solch altersbedingter etc. Lage heraus immer in der Versuchung ist, sich kurz zu fassen (man ist ja schließlich kein Thomas Mann), dann, geneigter Leser, solltest auch du, der du dich immer herum plagst mit der Schwierigkeit vermeintlich einfacher Satzkonstruktionen, dann solltest auch du, so wie ich, dich darin üben, kurze, klare, überschaubare und möglichst wenig verschachtelte (wobei dieses Wort allein mich schon zu neuen Diskursen hinreißen könnte) Sätze, ja quasi Ein-Satz-Sätze! auf’s Tapet zu bringen, auf das der geneigte Leser, zu dem ja auch du dich zählst, so du noch nicht weggenickt bist, mit einem Kopfnicken reagierst oder wenigstens mit einem – und sei es auch nur geheuchelten – wohlwollenden Lächeln, wenn man also, so wie ich (um es abzukürzen: siehe oben)…, dann ist es ganz klar, dass man (insbesondere ich) immer versucht ist, alles, das Einfache wie auch das Schwierigste, in einen einfachen Satz zu packen.

Flieg, kleiner Zauberuli, flieg!

April 23, 2009 von Sebastian abgelegt in: Gesehen.

Des Künstlers ArbeitsplatzBerlin hat sich verändert. Statt Bier wird auf Spielplätzen Latte Macchiato getrunken. Plattenbauten zogen die graue Kittelschürze aus und warfen sich sich in ein buntes Hawaiihemd. Es gibt Kunst im Wedding. Da ist es schön, eine Konstante zu haben. Berliner Taxifahrer. Sie sitzen da auf ihren Kunstfellen, schälen sich unbeholfen aus den Autos, um (“Ich hab’s im Kreuz!”) dem Fahrgast beim Koffereinladen zuzusehen. Ist der Fahrgast erst im Wageninneren gefangen, bekommt er ungefragt die Meinung des Taxifahres (“Ich bin ja kein …, aber dass die … … geht ja echt nicht.”) unter die Nase gerieben.
Aber keine Medaille ohne die zweite Seite. Direkt am Hermannplatz in Neukölln erhebt sich monumental das Kaufhaus Karstadt. Dort oben im Dachgarten über Neukölln stellt Uli Hannemann sein neues Buch “Neulich im Taxi” vor. Da sitzt er oben auf der Bühne und hat das einzige Bier im Raum vor sich zu stehen. Alle anderen müssen, so schreiben es die ehernen Lesungsregeln vor, bei Weißwein und Brezel den Ausführungen des Künstlers folgen. Und da ersteht es vor dem Publikum auf, das Pendant zum lokalen Taxifahrer: der Berliner Fahrgast. Maulig und selbstbewusst, herrisch und selten Herr der eigenen Lage, formt er in kürzester Zeit aus einem gesunden jungen Mann den zynischen, runden Berliner Taxifahrer. Jetzt begreifen alle im Raum, dass jeder Satz des Kutschers lediglich ein preemptive strike gegen den pöbelnden Fahrgast ist. Vorwärtsgerichtete Verteidigung gegen die Nackenschläge durch die Kundschaft. Und wenn es ein roter Libanese ist, der den Fahrer von seinem Leid erlöst, so schüttelt niemand im Publikum mit dem Kopf.

Kennt man eine, kennt man alle Mumien

April 20, 2009 von Sebastian abgelegt in: Gelesen.

Vorgestern musste ich beim ukrainischen Fernsehsender 1+1 lesen, dass in Moskau zwar die biochemische Aufbereitung des mumifizierten Lenins vonstatten gegangen sei, man aber kein Geld für einen neuen Anzug gehabt habe. Begründet wurde das mit der Weltwirtschaftskrise. Der russische Staat gibt seit 1992 kein Geld mehr für die kosmetische Behandlung des Revolutionsführers. Dafür kommt ein privater Fonds auf.
Wie mir Max von der Taktikbesprechung mitteilte, sei das fehlende neue Kostüm nicht allzu tragisch.

max_mausoleum_tweet

Mir fällt eine Beurteilung schwer, da das Mausoleum bei meinem Moskaubesuch wegen Mumienrenovierung geschlossen war.

Berlin verfügt meines Wissens über kein Mausoleum. Da wäre man über die Jahrzehnte auch mit den historisch bedingten Umwidmungen nicht hinterhergekommen. Aber eine Mumie gibt es. Nicht in Berlin, sondern im brandenburgischem Hinterland. Genauer in Kampehl. Dort liegt der Ritter Kahlbutz. Aufgrund einer schauerlichen Geschichte soll sein Körper nicht verwesen. Das Drumherum ist nicht so prächtig wie der Rote Platz und Kahlbutz benötigt keinen Anzug. Ein Läppchen untenrum genügt. Mehr nicht. Gepflegtes märkisches Understatement. Auch angenehm.

Ich wäre so gerne ein Pornostar

April 14, 2009 von Sebastian abgelegt in: Gehört.

Ein schmerzverzerrtes Gesicht von Elis und dazu ein bluesiges Heulen, dass James Blunt zur Ehre gereicht hätte: “Ich wäre so gerne ein Pornostar”. Dinge finden zuweilen so zueinander, dass man sich beim Nachdenken in den Fäden des Schicksals verheddert. Gerade eben erfuhr ich, wie man sich einen vernünftigen Künstlernamen als Pornostar zulegt: Name des ersten Haustiers + Mädchenname der Mutter. Unbenamste Guppys bewahren mich vor dem Abgleiten in das Milieu. Mein Gegenüber allerdings hat sich ihren Namen schon gesichert: Maxi Hartmann. Zumindest im deutschsprachigen Bereich sollte dieser Name Erfolg versprechen.