spree:geflüster

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Eigentlich!

Januar 13, 2010 von Bunki abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

„Eigentlich will ich es auch nicht.“

Der leise, sanfte Wiener Klang ihrer Stimme, die ihn sanft umsäuselte und ihm sonst schon mal die Sinne vernebelte, machte die Sache nicht viel besser. Nicht im geringsten. Hatte er nicht gerade gesagt, was er auf keinen Fall wollte? Und ziemlich deutlich sogar.

Und dann das.

Eigentlich!!

Ihr konnte das doch auch nicht in ihre Lebensplanung passen. Man kannte sich doch gar nicht, oder? Jedenfalls nicht wirklich.

Man war  kurz aufeinandergetroffen wie zwei Planeten, die auf ihren einsamen Bahnen durchs All sehenden Auges unkontrollierbar miteinander kollidieren. Gab dann zwar jedes Mal ein paar heftige Turbulenzen. Aber nach dem Aufprall sollte doch jeder wieder seine eigenen Bahnen ziehen.

Eigentlich! Das war alles, was er denken konnte. Eigentlich!

Ein Wort, dass sich wie Donnerhall in sein Gedächtnis grub. Panik stieg in ihm auf. Die Gedanken spielten in seinem Kopf Tennis. Nur dass  er keinen einzigen Ball erwischte. Keinen einzigen verdammten, verfluchten Ball. Strike!

Eigentlich!

Wie war er bloß hier reingeraten? Er fühlte, wie eine Schweißperle seinen Rücken runterlief. Mitten das Rückgrat entlang. Er spürte sie nicht nur, er sah sie förmlich vor seinem geistigen Auge. War das hier eigentlich schon immer so heiß gewesen, oder ist es ihm nur nicht aufgefallen? Ein zweiter Tropfen folgte dem ersten gleich hinter, spielte munter Ringelreihen mit seinem Vorgänger und versuchte dann am Hosenbund vorbei in eine behagliche Zwischenwelt zu tauchen.

Nicht noch eins! Wie soll das gehen? Er hatte für das Erste schon genug zu zahlen. Und was viel schlimmer wäre, er könnte sich doch nicht zerreißen. Wo sollte er denn bloß die ganze verdammte Zeit hernehmen? Er sah doch eh schon zu wenig von seiner Kleinen.

Eigentlich. Verflucht. Selber schuld. Er musste  sie ja unbedingt anquatschen. Verflixte Hormone. Alles nur Primaten. Ewig gesteuert durch die eigenen Triebe. Dabei hätte die Bierflasche, die ihm im Club aus der Hand rutschte, eine Warnung sein sollen. Genug für heute, wisperte der Engel. Nimm sie Dir, tönte der Gegenpart und obsiegte.

Sie hatte irgendetwas mit Reihenhäusern zu tun! Verkaufen, Entwicklung, Projektplanung. So was halt. Ihm fiel nichts besseres ein, als zu sagen, das er von ihr sogar unbesehen eine Doppelhaushälfte erstehen würde. Gefiel ihr. Ganz entgegen seinem Kumpel, der sich in dem Moment aus dem Staub gemacht hatte, als ihm die Flasche aus der Hand fiel. Das Desaster wollte er nicht mit ansehen, so seine spätere Erklärung. Eigentlich.

“Du bist doch selber schuld. Wie wäre es mal mit vorher fragen?“, rechthabte der Engel von der linken Schulter auf der er – wegen der Schweißperlen – einige Mühe hatte, sich zu halten.

War ja klar! Sie, Ende Zwanzig, Anfang dreißig. Biologische Uhr und so. Kennt man ja. Liest, hört und erlebt man überall mit. Dieser kollektiv Zwang. Wenn jetzt nicht mehr, wann bitte dann? Kaum hat die eine Freundin begonnen, folgten all die anderen nach. Wie die Lemminge. Widerlich!

Und eigentlich hatte er kein Recht, ihr das auszureden. Mein Bauch gehört mir, erschien ein unablässig neongelb-blinkender Schriftzug vor seinem geistigen Auge und wollte sich partout nicht verscheuchen lassen. „Dies ist ihr Preis gewesen.“ Super! Da hatte ich in der Lotterie des Lebens mal wieder einen absoluten Volltreffer  gelandet. Was mache ich denn jetzt nur?

“Warum sagst du denn nichts?“, schreckte sie ihn aus seinen Grübeleien.  Ihre Augen sahen ihn in der wohl endlos gewordenen Stille erwartungsvoll an. Er kuckte nur verständnislos zurück. Es war doch schon alles gesagt worden.

Eigentlich …

Traumlesung.

Oktober 16, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Klaus, fünfunddreißig Jahre, von Pegasus beflügelt, besitzt den Drang, als Autor berühmt zu werden. Aber aller Anfang ist schwer. Verlage pflegen wohl, und auch das nur in begrenztem Umfange und, dies sehr ausgiebig, anerkannte Klassiker zu drucken – nicht aber den ROMAN von Klaus.

Seine Manuskripte kommen, wenn überhaupt, nach sechsmonatiger Anstandszeit dank Rückporto an den Absender.

“Ein beachtliches Werk, sehr unterhaltsam, informativ…” lauten hektographierte Begleitschreiben. Unterschrift: Annimi Klein, Lektorat.

Insider kennen Annimi, bis vor zwei Wochen stets mittäglich anzutreffen in den einschlägigen Cafés der “scene”, einst am Band einer landesweit unbedeutenden Fotofabrik, später Garderobiere am Theater, jedem bekannt Aussehenden vertraut-freundlich zunickend. Von Kunst keine Ahnung, wozu auch? Irgend jemand muss ja zurück adressieren.

Was tun? Klaus befragt sich und andere, vernimmt den Rat, im Feierabendheim zu lesen und dort bekannt zu werden. Die Heimleitung freut sich, dass der Autor weder Anleitungen zum Basteln volkstümelnder Untersetzer und Topflappen noch Kaffeeservices für fünfzig Personen den geistig leicht abgebauten Mitbürgern aufschwatzt. Der ROMAN, da noch ungedruckt, ist ebenso unverkäuflich. So verbleibt das Taschengeld der Heimkantine.

Begeistert liest Klaus, sein Gesicht rötet sich vor Freude. –
Nach dem ersten Kapitel blickt er gespannt ins Auditorium, erschrickt. Oma in vorderster Reihe ist soeben sanft entschlafen, wird, einem alten Möbel gleich, fortgeräumt.
Nächstes Kapitel. Das Spiel wiederholt sich: Stühle ohne Menschen, Schwestern mit Bahren. Drittes Kapitel: Sein literarischer Hit-Saal ist entleert.

Hatten ergreifende Dichterworte die Heiminsassen getötet? Trägt der Autor Schuld am Desaster? Schreckliche Gedanken, deprimierend. – Fluchtartig verlässt Klaus den Raum.

Die Türe des Nebenhauses ist offen. Ob sich hier Zuhörer finden? Klaus sieht sich im Schlachthaus, Fleischerhaken an den Wänden, an denen Bücher hängen. Blut tropft. Sein ROMAN – Wurst soll daraus werden. Er kann sich nicht beherrschen, fasst die Bücher an und wird sofort verhaftet. Fingerabdrücke beweisen Terrorismus und Schuld. Harmlose versteckte Anspielungen werden gerügt, Klaus ROMAN, noch ungedruckt, schon verwurstet, auf den Index gesetzt. Schreib-, und ergo Berufsverbot als mildeste Strafe. Autoren leben gefährlich, schon immer.

Ein Polizist erscheint, führt Klaus auf die Straße. Dort eilen Passanten, tragen Bücher unter den Armen, seinen ROMAN. Doch als Autor zeichnet ein bekannter Kritiker. Niemand glaubt KLaus. Alle beschimpfen ihn als Abschreiber.

PLAGIAT heißt die Anklage.
”Hohes Gericht,” ruft der wirkliche Romanverfasser, “Ich bin unschuldig!”
”Das behaupten alle.” lautet die lakonische Antwort.
Richter und Beisitzer sind weiblich, lachen höhnisch. Sie beginnen sich zu entkleiden. Ein Novum in der Justiz.
Die Richterin in roter Robe, darunter nur bloße Haut, ergreift die Protokollantin, verschwindet mit dieser im Nebenraum. Die Hauptbeisitzerin, eine Wirtin, verliest die Anklageschrift: “Der ROMAN hat die Belange emanzipierter Frauen nicht berücksichtigt, wer sich als Autor ausgibt, steht demzufolge die Schuld ein und muss bestraft werden.”

“Was ist Emanzipation?” will Klaus wissen.
Die Frauen im Saal lachen. “Emanzipation bedeutet ständigen Wechsel. Männer gleichen Pappbechern mit schalem Bier auf dem Rummelplatz. Devise: Ex und Hopp! Wer die moderne Zeit verschläft, ist zum Schreiben nicht befugt.”
Die Zuhörerinnen stimmen ein Lied an: “Sein Ding zu klein / rutscht nirgendwo rein / bumsbums ganz keck / wir schneidens ihm weg.”

Klaus weiß nicht, was der Text bedeuten soll, empfindet ihn nur als peinlich. Er schließt die Augen. Der Gesang verstummt, es ist totenstill. Langsam öffnet er die Augen wieder.

Er findet sich in einem Gewächshaus, voller Grünranken, anstelle Blumen gedeihen kleine, mittlere, große Bücher. Sein ROMAN. Wissenschaft, auch grandios, wird nicht mehr gedruckt, besagt ein Schild. Stattdessen werden Texte in Pflanzen genetisch verankert, wachsen unablässig. Ökologische Methode.

Die Freude währt nicht lange. Gärtnerburschen erscheinen, reißen die Bücher unreif ab, reißen die Pflanzen aus der Erde. “Halt, Freunde, mein ROMAN, er muss noch ausreifen!” ruft der Autor, doch die Burschen schütteln den Kopf.

“Es war ein Flopp, Herr Klaus, nur Tomaten braucht der Mensch, keine Literatur.”
”Aber Bücher enthalten den Fortschritt! Ohne Bücher keine Bildung, ohne Bildung kein Wissen, ohne Wissen kein Fortschritt!”
”Unsinn, lieber Freund. Die Welt hungert nach Tomaten, die allein sind gefragt. Was das Lesen betrifft, haben sogar Abiturienten davon keine Ahnung ––– aber ALLE LIEBEN TOMATEN!”

In diesem Augenblicke wachsen Klaus diese Nachtschattengewächse aus dem Körper, tragen sofort rote, dicke Früchte, die die Gärtner gierig ernten. Dabei reißen sie dem Literaten stückweise Arme und Beine vom Leib. Es schmerzt, er schreit um Hilfe.

Der berühmte Kulturpolitiker – bekannt aus Fernsehen und Zeitung – erscheint und gratuliert dem Torso. “Wir verleihen Ihnen hiermit enen Pris für die gute Leistung,” ertönt es, dann hängt Klaus ein goldenes Blech um den Hals.
“Ohne Hände, ohne Füße… was nützt mir da der Kunstpreis?” jammert der so Dekorierte. Anwesende lachen schallend, so dass die Scheiben des Glashauses zerspringen. ”Wer nicht schreibt, erhält Auszeichnungen. Moderne Literatur ist Nicht-Literatur. Schreiben muss verhindert werden!”

Eine total desolate Welt, denkt Klaus. Traum oder Realität? Er wird es nie erfahren, hat doch diese schöne Welt soeben verlassen.

“Unser verehrter Gast scheint nicht mehr zu leben”, ruft Oma aus der ersten Reihe. Schwestern eilen herbei. “Verhungert”, stellt der Heimarzt fest.
Die Zuhörer verlassen den Raum, die Abendsuppe ist aufgetragen. Mehlklößchen in Sauerampferbrühe. Delikat für jene, die Lust verspüren. Schade, die Portion des Dichters bleibt übrig, wird verteilt. Ein nicht mehr benötigtes ROMANmanuskript heizt den Küchenherd.

Autoren leben gefährlich.

Nur ein Traum.

September 16, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Wie gesagt: Ein Traum.

Auf der Straße einer Stadt die Begegnung mit einem Menschen. Wäre nicht sein ganzes Verhalten, das ihn von allen anderen deutlich unterschied, bestimmt gewesen von der peinlichen Situation, in der er sich befand, er wäre gewiss nicht aufgefallen. Sein Äußeres war verschwommen. In ständiger Bewegung hinterließ es keine eindeutige Erinnerung. Doch die Verzweiflung war deutlich abzulesen von dem ansonsten unkenntlichen Gesicht.

Ich sah ihn schon von Weitem. Wie er gehetzt um sich blickte, den Kopf drehte und wandt, als wolle er die ganze Straße – vorn und hinten, links und rechts – zugleich im Auge behalten. Wie er Hauseingänge untersuchte und Papier von der Straße hob, um darunter zu sehen. Er sprach Passanten an, redete auf sie ein und gestikulierte wild mit den Händen. Ich sah ihn schon von Weitem, und ich wich ihm nicht aus.

Er fasste mich am Arm. “Sie müssen mir helfen!”

Auch jetzt, mir gerade gegenüber, so nahe, kam sein Gesicht nicht zur Ruhe, in dem es zuckte, zitterte. Kleine Wellen liefen ihm unaufhörlich über die Haut, seine glänzenden, geröteten Augen hielten mit Mühe Tränen zurück.

“Sie müssen mir helfen! … Ich habe … ein Wort verloren!” Jetzt schrie er fast: “Was soll ich tun? Ich kann es nicht wieder finden!”Dabei machte er eine unbestimmte Bewegung in die Richtung, aus der er gekommen war, als wenn er sagen wollte: Überall habe ich nachgesehen – es ist verloren.

Ich legte eine Hand dort hin, wo ich seine Schulter vermutete, und bemühte mich, gelassen zu wirken.

“Ich werde Ihnen helfen. Beschreiben Sie mir Ihr Wort, wir werden gemeinsam danach suchen.”

Er schien sich ein wenig zu beruhigen. “Es ist halt ein Wort wie…, wie…” Doch dann machte er sich energisch frei und wandte sich ab: “Nein! Nein! Ich muss es finden!”

Ich hielt ihn zurück. “Wir!” sagte ich. “Ich werde Ihnen helfen. Aber Sie müssen mir Ihr Wort schon beschreiben, sonst sehe ich es vielleicht und erkenne es nicht.”

“Sie haben Recht.” Er nickte, atmete einige Male tief durch, um nicht am unterdrückten Weinen zu ersticken. “Es ist nicht sehr lang, sechs Buchstaben, ein deutsches Wort… mit zwei Silben”, und, als könnte er meine Gedanken lesen, “ja. Ein Substantiv.”

Ich fasste zusammen: “Wir suchen also ein zweisilbiges deutsches Substantiv mit sechs Buchstaben. – Das wird nicht genügen. Hat es nicht irgend eine Besonderheit, eine Auffälligkeit, an der man es sofort erkennt?”

“Hm-ja: Es ist … ein Wort … zuviel!”

Erst jetzt trat mir die Gefährlichkeit der Situation klar vor Augen, und ich begriff die Verzweiflung in der er schwebte. Und ich jetzt mit ihm.

“Kommen Sie”, rief ich, “kommen Sie schnell! Wir müssen es finden, bevor es in die falschen Hände gerät!”

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Ich wache auf. Über mein Gesicht rollen Tränen, laufen unruhig konvulsiche Zuckungen. Unruhig suchend taste ich im Zimmer umher.

Ich suche ein Wort. Ein unnützes, ein gefährliches Wort. Ein Wort zuviel.

Die sieben Söhne der Frau Woche (VII)

August 23, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Der Sonntag

Sonntags schlafen meine Eltern immer etwas länger. Ich machte mir daher selber eine Kleinigkeit zu essen, um gestärkt den Weg in den Stadtpark antreten zu können.

Dort angekommen, bin ich überrascht. Meine Freunde sind da, ja, aber mit ihnen auch eine große Gruppe, die ich nicht kenne.

Das sollte sich alsbald ändern. Aus dem Pulk mir unbekannter Erwachsener schälte sich der Sonntag heraus – er war jetzt größer, als ich erwartet hatte. Er kam auf mich zu und begrüßte mich freundschaftlich. „Leopold“, rief er mir zu, „es ist schön, dich heute noch einmal zu sehen.“

Ich erwiderte seinen Gruß, aber er ließ mich fast nicht ausreden.

„Leo, wie du siehst, sind wir heute nicht alleine hier.“ Ich nickte, gespannt, was er jetzt zu erzählen hatte.

„Vorgestern waren wir bei einem Familienfest und schon heute treffen wir uns schon wieder. Alle waren gespannt, dich kennen zu lernen.“

Ich war verwirrt. Wer? Alle diese Unbekannten dort? Aber bevor ich fragen konnte, fuhr der Sonntag fort: „Alle diese Leute, die du hier siehst, sind mit uns verwandt. Wir Wochentage sind die Jüngsten. Unsere Mutter steht dahinten, das ist Frau Woche. Sie redet gerade mit ihren Onkeln, den Monaten.”

„Von den Monaten habe ich schon gehört“, warf ich ein. „Ich kenne auch schon die meisten.“

Ich zählte die Monate auf, die ich kannte, aber ich vergaß den einen oder anderen. Der Sonntag beruhigte mich. „Für die meisten Menschen ist Zeit etwas Absolutes. Die Monate folgen einander genau so wie wir Wochentage einander. Aber während wir Tage ständig im Bewusstsein der Menschen sind, sind die Monate nicht so wichtig. Gut, sie werden benutzt, um wichtige Tage besser festhalten zu können. Oder, um unsere größeren Verwandten, die Jahreszeiten, besser einordnen zu können.“

„Die Jahreszeiten sind eure Großonkel, die mir das Gedicht geschrieben haben?“ fragte ich.

„Ja, das hast du gut erkannt“, erwiderte der Sonntag, „und heute sind wir alle hier: Deine Freunde, die Wochentage, die Monate, die sich genau wie wir immer abwechseln, die Jahreszeiten, die sich immer streiten…“

„Und wer ist diese alte Frau dort hinten, die immer lächelnd mal mit diesem, mal mit jenem redet?“ fragte ich, die gesamte Runde genau beobachtend.

„Das, mein lieber Leo“, (ich mochte es, wenn meine erwachsenen Freunde mich bei meinem Spitznamen nannten) „ist unsere Urmutter, die Zeit. Sie läuft davon, wenn du sie am meisten brauchst, und sie ist da, wenn du meinst, ohnehin genug von ihr zu haben. Sie lässt sich messen, wenn du eine Uhr hast, hast du aber keine, wird sie dir viele tolle Streiche spielen.“

Gerade wollte ich dem Sonntag darauf hin etwas entgegnen, merkte ich, dass meine guten Freunde, die Wochentage, verschwunden waren. Der Winter, einer der Gr0ßonkel des heutigen Sonntags, strich mir noch einmal über’s Haar, wortlos verschwand er, zusammen mit den anderen.

Zurück blieb ich, allein gelassen mit einer alten, sehr gutmütigen Frau. Der Zeit. Und diese zwinkerte mir zu und gab mir zu verstehen: „Wenn du meinst, nichts mehr zu haben auf dieser Welt – Eines hast du immer: Zeit.“

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„Leopold!“ Ein scharfer Ruf reist mich aus meinen Träumen. „Leo, du wolltest doch eine Gute-Nacht-Geschichte schreiben.“

„Ja“, erwidere ich müde. „Ich fange gleich am Montag damit an.“ Sofort schlafe ich wieder ein. Und das solltest du jetzt auch tun. Wer weiß, vielleicht träumst du ja auch von den sieben Söhnen der Frau Woche?

Die sieben Söhne der Frau Woche (VI)

August 22, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Der Samstag

Irgendwie konnte ich nicht umhin: Die ganze Nacht über musste ich an die sieben Brüder und ihren überstürzten Aufbruch letzten Abend denken. Sie hatten gesagt, dass sie sich mit ihren älteren Verwandten treffen wollen. Das klang geheimnisvoll; und da ich immer so neugierig bin, musste ich erfahren, was bei diesem Familientreffen geschah.

Nachmittags ging ich also wieder in den Park zu unserem Treffpunkt. Ich versuchte, so gelassen wie nur irgend möglich zu sein, um zu verbergen, dass ich fast vor Neugierde platzte. Aber als ich im Park ankam und die Brüder sah, ging mir das Herz über.

„Ihr seid gestern so schnell verschwunden… Wo wart ihr? Was habt ihr erlebt? Und vor allem – wer sind eure Großonkel?“

Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus. Meine Gegenüber hatten fast keine Gelegenheit, mir zu antworten. Irgendwann aber unterbrach mich der Samstag:

„Leo“, (der Samstag nannte mich als einziger bei meinem Spitznamen und nicht so ernst „Leopold“) – „Du musst wissen, dass unsere Familie weit verzweigt ist. Unsere Mutter ist die Woche, wie du weißt. Wir haben zwölf Großväter, die die Monate genannt werden. Unser Urgroßvater ist das Jahr, und der wiederum hat kleinere Geschwister. Das sind unsere Großonkel, und mit denen trafen wir uns gestern.“

„Von den Monaten weiß ich schon etwas“, gab ich zurück, „und das Jahr macht mich immer etwas größer. Jetzt bin ich fünf und in einem Jahr bin ich sechs Jahre alt. Dann komme ich in die Schule. Und wenn ich so alt bin wie meine Mutter – ich zeigte dabei alle zehn Finger –, dann kann ich so lange wie ich will bei Euch hier im Park bleiben.“

Der Samstag lachte. „Deine zehn Finger werden nicht ausreichen, um alle Jahre in deinem Leben zu zählen. Aber nimm erst einmal vier Finger, und damit zählst du unsere Großonkel.“

Dieser kluge Samstag! Er war der einzige der Brüder, der zwei Namen hat: Man nennt ihn auch Sonnabend, aber das mag er nicht, weil er den Vormittag liebt und nicht so gern auf den Abend reduziert werden möchte. Und, eitel wie er wohl ist, möchte er doch wenigstens an einem Tag in der Woche der Größere sein gegenüber dem so ruhigen und schweigsamen Sonntag.

Jetzt aber hatte er mich wirklich überrumpelt und wieder auf das vorhergehende Gespräch zurück gebracht.

„Erzähle bitte, lieber Samstag“, bat ich, „wer sind denn eure Großonkel, die so wichtig sein müssen, dass ihr gestern so überstürzt aufbrechen musstet?“

Wieder lachte der Samstag. „Unsere Großonkel sind wichtig, unbestritten. Aber sie sind anders als wir. Wir kommen mit aller Regelmäßigkeit jede Woche wieder, tagein-tagaus, jahrein-jahraus. Sie nicht. Sie versuchen, sich in ihrem Ablauf so lange zu behaupten, wie es nur geht. Sie stören sich, wenn der eine versucht, gerade stark zu werden, sie mischen sich dazwischen, wenn einer gerade mal eine Schwäche zeigt. Sie sind stets stänkernde, miteinander ringende Zeitgenossen. Aber siegen wird immer nur der, der gerade an der Reihe ist.“

Ich wurde jetzt sehr ungeduldig. „Wer sind denn nun eure Großonkel, kenne ich sie? Und wenn sie nur stänkern – werde ich sie mögen?“

„Ja“, beruhigte mich der Samstag, „du kennst sie und du magst sie auch. Es ist nur so, dass, wenn einer fortgeht, du ihm hinterher trauerst. Nicht lange, denn der nächste zieht dich alsbald in seinen Bann.“

Meine Ungeduld kannte jetzt keine Grenzen mehr. Fast hätte ich mich auf den Boden geworfen und geschrien wie ein Dreijähriger, um die Antwort zu erzwingen. Aber der Samstag kam mir mit einem Rätsel zuvor.

„Unsere Verwandten haben uns ein Gedicht für dich mitgegeben. Und nachdem du dieses gehört hast, solltest du wissen, wer unsere Großonkel sind.“ So sprach er, holte einen Zettel hervor und begann zu lesen:

„Was ist das nur, warum muss ich so frieren?
Noch gestern war doch so ein warmer Tag.
Den Sommer mag ich gar nicht gern verlieren,
weil ich die Sommersonne doch so mag.

Doch kurze Hosen reichen nicht mehr aus.
Die dicken Socken trage ich – für alle Fälle.
Der Wind pfeift wild, und geh ich aus dem Haus,
seh‘ ich bei anderen schon Schneebälle.

Jetzt gehen die Laternen an:
so früh wird’s heut schon dunkel.
Bald kommt zu uns der Weihnachtsmann
(so wird zu Haus gemunkelt).

Ich überlege, was das alles sei
und komme wie von selbst dahinter:
Sommer und Herbst sind längst vorbei!
Und jetzt ist Winter.“

Und während ich noch über dieses Gedicht nachsinne, verschwinden meine Freunde und lassen mich allein zurück auf der Wiese im Stadtpark. Es beginnt zu schneien, und so beschließe ich, nach Hause zu rennen, bevor mir richtig kalt wird.