spree:geflüster

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Drama in Sekt. Eine Sommergeschichte.

Juli 12, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

„Meine Zunge“, sagte mein Freund Anton, „ist so trocken, dass es staubt, wenn ich schnell spreche.“

So heiß war es. Die Meteorologen behaupteten, seit gestern wäre heute der heißeste Tag. Speiseeis gab es nur noch in flüssiger Form. Die Kühe lieferten saure Milch. Die Fußgänger tanzten im Black-Bottom-Schritt die Straße entlang, so heiß war es. Die Sonne knallte auf die Gehirne. Die Menschen träumten perverse Träume von alkoholfreien Getränken in ausreichender Menge und so.

So heiß war es.

Und wir mittendrin. Bei 38 Grad nördlicher Breite… nicht doch! Bei 38 Grad Celsius brütender Hitze, also bei 38 Grad Brutus im Schatten in der Sonne. Wir.

Anton peilte sorgenvoll die Wetter- und sonstige Lage. „Ich sehe eine lange Dürre kommen.“

„Die geht vorüber“, beruhigte ich ihn, „die wohnt hier gleich um die Ecke.“

Wir wollten Bekannte besuchen, aus denen wir uns nicht viel machten, aber jetzt hatten sie sich einen Tiefkühlschrank mit Eiswürfelbereiter gekauft.

Anton trug die Flasche. Ich die Rosen. Schöne Rosen. Weiß. Für die Dame des Hauses. Langstielig waren sie, die Rosen. Fünf Stück. Anton trug die Flasche Sekt. Sekt, das Getränk der Freude und Verführung.

Wir schweißten zum Bahnhof.

Mannomann, war die Bahn warm. Den Fahrgästen dampfte das Wasser aus den Ohren. Eine Frau bemerkte, auf der Glatze ihres Mannes könne man Weißbrot rösten.

Anton hielt die Flasche im Arm. Er hielt sie sicher, er hielt sie warm. Der Wagen war eine fahrende Sauna, ein Schweißapparat. Die Menschen wurden gedünstet. Ich glaube, einige waren schon gar. Uns gegenüber saß eine Zeitung mit jemand dahinter. Er überschlief gerade den Leitartikel. Ich las die Rückseite.

„Explodierende Seltersflasche als Folge der Hitze. Ein Haus stürzte zusammen.“

Selterswasser. Donnerwetter. Ich dachte mir erst gar nichts dabei. Die Hitze…

Selterswasser… Selterswasser… Kohlensäure…

„Anton!“ Ich zeigte auf die Überschrift. „Ob eine Flasche Sekt auch… ich meine, wegen der Kohlensäure?“

Anton besah mit kohlensaurer Miene seine Flasche. Bahnschaukeln. Hitze. Der Sekt gluckerte boshaft.

„Wenn Seltersflaschen – stell dir vor, du machst eine Wasserflasche auf und plötzlich fällt das Haus ein!“ Anton entrollte misstrauisch das Einwickelpapier. Er polkte die Stanniolkappe ab.

„Die Flasche ist dicht“, stellte er erleichtert fest.

Die Mitreisenden sahen mit durstigen Augen und sehnsüchtigen Kehlen zu.

„Aber der Draht!“ überlegte ich. „Der Draht kann beschädigt sein.“ Ich prüfte ihn. Ich zog nach links und drehte nach rechts. Der Draht riss. Anton wurde blass, als hätte er Bleichsoda gefrühstückt. Er drückte seine Hand auf den Korken.

Es zischte. Der Alkohol war stärker, wie meistens. Der Korken kroch tückisch in die Höhe.

Ich klemmte die Rosen unter den Arm. „Ich verknote die Drahtenden wieder.“ Anton stemmte sich gegen das Schicksal in Form eines aufsteigenden Korkens.

„Die Fahrkarten bitte“, sagte der Kontrolleur.

„Moment. Sofort.“ Ich knotete weiter.

„Sie haben wohl kein Ticket?“ Seine Stimme wurde dienstlich. Anton hielt die Flasche. Ich suchte mit meiner Linken unsere Taschen ab.

Stimmen aus dem Publikum: „Das sind die Richtigen. Sekt saufen, aber kein Geld für die Fahrkarten! Sicher Künstler.“

„Mit Nachlösegebühr 14 Euro pro Person“, forderte der Kontrolleur mit müder Stimme.

„Wir müssen die Hände wechseln“, flüsterte ich Anton zu. „Wie soll ich denn mit meiner linken Hand in meine rechte Gesäßtasche kommen!“

Wir wechselten die Hände, der Kontrolleur die Farbe. Der Korken schoss an seiner Nase vorbei und riss ihm die Dienstmütze vom Kopf.

„Den Korken können Sie behalten“, sagte Anton großzügig, „Sektkorken bringen Glück.“

Im Gang stand ein Mädchen mit einer schulterfreien Bluse. Architektonisches Wunderwerk der frei tragenden Bauweise. Der entfesselte Sekt hüllte die schönsten Teile Teile der Bluse in ein Schaumbad.

Das Mädchen kreischte einmal kräftig und schielte auf seinen schäumenden Busen. Anton steckte erschrocken den Finger in den Hals. In den Flaschenhals.

Nicht nur Menschen sind leicht zu durchschauen, wenn man sie unter Alkohol setzt. Auch Blusen. Sie wurde durchsichtig. Es ist kaum zu glauben, wie wenig ein Mädchen anziehen kann.

Der Mann mit der Zeitung wachte interessiert auf.

Einige Frauen unterhielten sich laut über sektspritzende Lüstlinge in der Regionalbahn.

„Die Fahrkarten bitte!“ drohte der Kontrolleur, aber da er keine Mütze mehr trug, imponierte er uns kaum noch.

Anton stellte die Flasche neben sich auf den Sitz und ersetzte den Korken durch seinen Mittelfinger. Er hielt dicht, bis der Herr im grauen Anzug einstieg. Ohne hinzusehen, setzte der sich auf den Platz neben Anton, der gerade noch seine Hand wegziehen konnte. Die Flasche beharrte hartnäckig auf ihren Platz.

So hätte der Graue ja nun auch nicht zu zetern brauchen. Andere wären froh über eine Abkühlung gewesen.

„Wer kann sich schon ein Sektsitzbad leisten!“ Anton sah ihn vorwurfsvoll an. Wir gaben dem Mann die Reinigungskosten für die Hose. Auch das Mädchen verlangte, wir sollten die Bluse reinigen lassen.

„Na klar“, stimmte ich zu, „ziehen Sie sie gleich aus, sonst holen sie sich noch einen Blusenkatarrh.“

Der Kontrolleur verlangte Geld für eine neue Mütze. Und die Fahrkarten.

Inzwischen soff ein Dackel den auf den Boden vergossenen Sekt. Nach dem fünften Schluckt bellte er frivole Lieder und biss einer unverheirateten Dame ins Bein. Die gab ein empörtes „Huch!“ von sich.

„Nun hamse sich mal nich so“, sagte der Mann mit der Zeitung, „sein Se doch froh, dasset nich der Storch war.“ Vielleicht war er ja Barth-Double – er lachte laut über seinen Witz, den er gut fand. Dann lehnte er sich zurück und blätterte seine Zeitung auseinander.

Anton starrte auf die Rückseite, holte tief Luft und – „Mensch“, stöhnte er, „du blöder Heini!“

„Nimm sofort den Heini zurück“, verlangte ich. „Und überhaupt – warum eigentlich?“

Anton zeigte wortlos auf die Zeitung. Dabei warf er mir einen Blick zu, dass der besoffene Dackel jammerte.

In der Zeitung standen, nach voller Entfaltung, zwei Überschriften:

„Explodierende Seltersflaschen als Folge der Hitze kommen äußerst selten vor“ und „Haus stürzte zusammen. Schwere Folgen eines Erdrutsches“.

Ich nahm die Flasche und goss den Rest über die schwitzenden Rosen.

Ich. Nicht.

September 14, 2009 von Eddie abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Zu Anfang war ich einfach nur still. Das war relativ unkompliziert, ich musste einfach den Mund halten. Große Resonanz gab es jedoch nicht. Nun habe ich gestern angefangen zu humpeln, plötzlich, also ich hab unbewusst mein linkes Bein nachgezogen, fing an, gedrungen zu laufen. Ich wurde langsamer als all die andren und interpretierte die Blicke als Aufmerksamkeit, die ich zu verdienen glaubte. Naja, es gab bessere Humpler als mich, jemand neben mir hatte einen gebrochenen Arm, das kam besser an. Das machte mich irgendwie traurig, ich dachte angemessen auf diese Wandlung reagieren zu müssen und stürzte mich bäuchlings in ein Käseregal. Diese Aktion brachte immerhin 5 Gaffer und einen überfürsorglichen Supermarktangestellten mit sich. Zudem hatten mich einige scharfkantige Käseverpackungen quasi stigmatisiert und ich stand, wieder aufgerichtet, die Arme links und rechts von meinem Körper abgespreizt, aus beiden Händen blutend, etwas benommen in der Gegend rum.

Irgendwann wurde man meines Anblickes überdrüssig, und zu Feierabend schickte man mich nach Hause. Ich wurde frustrierter, lethargischer, einsamer. Die brillianteste Idee, so dachte ich, kam mir am darauf folgenden Sonntag.

Auf der stark befahrenen und durch Laufkundschaft belebten Straße vor meinem Haus nahm ich einem Abbieger die Vorfahrt. Ich war nicht sonderlich zu schnell, die üblichen 50 km/h werden es gewesen sein. Er rammte mich nicht ganz frontal, sein Stoß in meine Fahrerseite drängte mich jedoch derart von der Spur, dass ich über einen mit Betonkübeln abgegrenzten Vorgarten in die dazugehörende Dönerbude krachte, den Tresen und 3 Gäste mitnahm und vor der Fußballleinwand zum Stehen kam. Ich stöhnte laut, schrie teilweise unter den Versuchen der Feuerwehr, meinen eingeklemmten Unterkörper aus dem Auto zu befreien. Dass die in Plastiksäcken aus dem Etablissement getragenen Gäste DAS HIGHLIGHT dieses Sonntages für ca. 20 gaffende, abgesperrte Passanten, sowie dutzende Vorbeifahrende und später auch Nachrichten- und Boulevardinteressierte war, versteht sich von selbst. Ich hatte jetzt einen Rollstuhl. Nicht nur zum Spaß, ich brauchte ihn gewissermaßen auch zur Fortbewegung. Rollstuhlfahrer werden ja bisweilen so mitleidig angeschaut oder im besten Fall ignoriert, dass dies wohl der Höhepunkt meines Projektes zu sein schien: ach schnöde Oberflächlichkeit! Ich gedachte meiner Umwelt entgegenzukommen und erblindete, aus Gründen, die ich  nicht näher erläutern möchte, von einem Tag, also von einer Minute auf die andere, in meinem Bad, aus dem Rollstuhl stürzend. Ich genoss die Dunkelheit, sie gab mir viel, ich bestand darauf, nicht an U-Bahnhöfen abgestellt zu werden, einfach nur in einem Zimmer vor einem hingemogelten Fenster zu stehen.

In den ersten Wochen kam ab und an Besuch, ich vernahm nur die Stimmen, kramte in meinem Kopf nach den Gesichtern zu diesen sogenannten Freunden, bastelte in  meiner Fantasie Fältchen, Schweinsnasen oder anderes Skurriles an diese schemenhaften Masken und amüsierte mich. Dadurch kam mein geheucheltes Interesse auch gleich viel authentischer rüber. Ich freute mich mit ihnen, lachte oder glaubte ein mitfühlendes Gesicht zu machen, wenn man sein Leid bei mir abzuladen suchte. Irgendwann langweilten sie mich jedoch, wie üblich. Ich konnte nicht mehr malen, nicht schreiben, nicht fotografieren und den Schmogs, die zu mir kamen, fehlte es nicht am funktionierenden Körper für ihr Leben, es mangelte ihnen am funktionierenden Kopf.

Taub wird man, wenn man zu tief taucht, durch einen überlauten Ton, durch eine Nadel im Trommelfell, durch gute Kopfhörer. Dann war ich wieder still.

Die sieben Söhne der Frau Woche (VII)

August 23, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Der Sonntag

Sonntags schlafen meine Eltern immer etwas länger. Ich machte mir daher selber eine Kleinigkeit zu essen, um gestärkt den Weg in den Stadtpark antreten zu können.

Dort angekommen, bin ich überrascht. Meine Freunde sind da, ja, aber mit ihnen auch eine große Gruppe, die ich nicht kenne.

Das sollte sich alsbald ändern. Aus dem Pulk mir unbekannter Erwachsener schälte sich der Sonntag heraus – er war jetzt größer, als ich erwartet hatte. Er kam auf mich zu und begrüßte mich freundschaftlich. „Leopold“, rief er mir zu, „es ist schön, dich heute noch einmal zu sehen.“

Ich erwiderte seinen Gruß, aber er ließ mich fast nicht ausreden.

„Leo, wie du siehst, sind wir heute nicht alleine hier.“ Ich nickte, gespannt, was er jetzt zu erzählen hatte.

„Vorgestern waren wir bei einem Familienfest und schon heute treffen wir uns schon wieder. Alle waren gespannt, dich kennen zu lernen.“

Ich war verwirrt. Wer? Alle diese Unbekannten dort? Aber bevor ich fragen konnte, fuhr der Sonntag fort: „Alle diese Leute, die du hier siehst, sind mit uns verwandt. Wir Wochentage sind die Jüngsten. Unsere Mutter steht dahinten, das ist Frau Woche. Sie redet gerade mit ihren Onkeln, den Monaten.”

„Von den Monaten habe ich schon gehört“, warf ich ein. „Ich kenne auch schon die meisten.“

Ich zählte die Monate auf, die ich kannte, aber ich vergaß den einen oder anderen. Der Sonntag beruhigte mich. „Für die meisten Menschen ist Zeit etwas Absolutes. Die Monate folgen einander genau so wie wir Wochentage einander. Aber während wir Tage ständig im Bewusstsein der Menschen sind, sind die Monate nicht so wichtig. Gut, sie werden benutzt, um wichtige Tage besser festhalten zu können. Oder, um unsere größeren Verwandten, die Jahreszeiten, besser einordnen zu können.“

„Die Jahreszeiten sind eure Großonkel, die mir das Gedicht geschrieben haben?“ fragte ich.

„Ja, das hast du gut erkannt“, erwiderte der Sonntag, „und heute sind wir alle hier: Deine Freunde, die Wochentage, die Monate, die sich genau wie wir immer abwechseln, die Jahreszeiten, die sich immer streiten…“

„Und wer ist diese alte Frau dort hinten, die immer lächelnd mal mit diesem, mal mit jenem redet?“ fragte ich, die gesamte Runde genau beobachtend.

„Das, mein lieber Leo“, (ich mochte es, wenn meine erwachsenen Freunde mich bei meinem Spitznamen nannten) „ist unsere Urmutter, die Zeit. Sie läuft davon, wenn du sie am meisten brauchst, und sie ist da, wenn du meinst, ohnehin genug von ihr zu haben. Sie lässt sich messen, wenn du eine Uhr hast, hast du aber keine, wird sie dir viele tolle Streiche spielen.“

Gerade wollte ich dem Sonntag darauf hin etwas entgegnen, merkte ich, dass meine guten Freunde, die Wochentage, verschwunden waren. Der Winter, einer der Gr0ßonkel des heutigen Sonntags, strich mir noch einmal über’s Haar, wortlos verschwand er, zusammen mit den anderen.

Zurück blieb ich, allein gelassen mit einer alten, sehr gutmütigen Frau. Der Zeit. Und diese zwinkerte mir zu und gab mir zu verstehen: „Wenn du meinst, nichts mehr zu haben auf dieser Welt – Eines hast du immer: Zeit.“

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„Leopold!“ Ein scharfer Ruf reist mich aus meinen Träumen. „Leo, du wolltest doch eine Gute-Nacht-Geschichte schreiben.“

„Ja“, erwidere ich müde. „Ich fange gleich am Montag damit an.“ Sofort schlafe ich wieder ein. Und das solltest du jetzt auch tun. Wer weiß, vielleicht träumst du ja auch von den sieben Söhnen der Frau Woche?

Die sieben Söhne der Frau Woche (VI)

August 22, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Der Samstag

Irgendwie konnte ich nicht umhin: Die ganze Nacht über musste ich an die sieben Brüder und ihren überstürzten Aufbruch letzten Abend denken. Sie hatten gesagt, dass sie sich mit ihren älteren Verwandten treffen wollen. Das klang geheimnisvoll; und da ich immer so neugierig bin, musste ich erfahren, was bei diesem Familientreffen geschah.

Nachmittags ging ich also wieder in den Park zu unserem Treffpunkt. Ich versuchte, so gelassen wie nur irgend möglich zu sein, um zu verbergen, dass ich fast vor Neugierde platzte. Aber als ich im Park ankam und die Brüder sah, ging mir das Herz über.

„Ihr seid gestern so schnell verschwunden… Wo wart ihr? Was habt ihr erlebt? Und vor allem – wer sind eure Großonkel?“

Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus. Meine Gegenüber hatten fast keine Gelegenheit, mir zu antworten. Irgendwann aber unterbrach mich der Samstag:

„Leo“, (der Samstag nannte mich als einziger bei meinem Spitznamen und nicht so ernst „Leopold“) – „Du musst wissen, dass unsere Familie weit verzweigt ist. Unsere Mutter ist die Woche, wie du weißt. Wir haben zwölf Großväter, die die Monate genannt werden. Unser Urgroßvater ist das Jahr, und der wiederum hat kleinere Geschwister. Das sind unsere Großonkel, und mit denen trafen wir uns gestern.“

„Von den Monaten weiß ich schon etwas“, gab ich zurück, „und das Jahr macht mich immer etwas größer. Jetzt bin ich fünf und in einem Jahr bin ich sechs Jahre alt. Dann komme ich in die Schule. Und wenn ich so alt bin wie meine Mutter – ich zeigte dabei alle zehn Finger –, dann kann ich so lange wie ich will bei Euch hier im Park bleiben.“

Der Samstag lachte. „Deine zehn Finger werden nicht ausreichen, um alle Jahre in deinem Leben zu zählen. Aber nimm erst einmal vier Finger, und damit zählst du unsere Großonkel.“

Dieser kluge Samstag! Er war der einzige der Brüder, der zwei Namen hat: Man nennt ihn auch Sonnabend, aber das mag er nicht, weil er den Vormittag liebt und nicht so gern auf den Abend reduziert werden möchte. Und, eitel wie er wohl ist, möchte er doch wenigstens an einem Tag in der Woche der Größere sein gegenüber dem so ruhigen und schweigsamen Sonntag.

Jetzt aber hatte er mich wirklich überrumpelt und wieder auf das vorhergehende Gespräch zurück gebracht.

„Erzähle bitte, lieber Samstag“, bat ich, „wer sind denn eure Großonkel, die so wichtig sein müssen, dass ihr gestern so überstürzt aufbrechen musstet?“

Wieder lachte der Samstag. „Unsere Großonkel sind wichtig, unbestritten. Aber sie sind anders als wir. Wir kommen mit aller Regelmäßigkeit jede Woche wieder, tagein-tagaus, jahrein-jahraus. Sie nicht. Sie versuchen, sich in ihrem Ablauf so lange zu behaupten, wie es nur geht. Sie stören sich, wenn der eine versucht, gerade stark zu werden, sie mischen sich dazwischen, wenn einer gerade mal eine Schwäche zeigt. Sie sind stets stänkernde, miteinander ringende Zeitgenossen. Aber siegen wird immer nur der, der gerade an der Reihe ist.“

Ich wurde jetzt sehr ungeduldig. „Wer sind denn nun eure Großonkel, kenne ich sie? Und wenn sie nur stänkern – werde ich sie mögen?“

„Ja“, beruhigte mich der Samstag, „du kennst sie und du magst sie auch. Es ist nur so, dass, wenn einer fortgeht, du ihm hinterher trauerst. Nicht lange, denn der nächste zieht dich alsbald in seinen Bann.“

Meine Ungeduld kannte jetzt keine Grenzen mehr. Fast hätte ich mich auf den Boden geworfen und geschrien wie ein Dreijähriger, um die Antwort zu erzwingen. Aber der Samstag kam mir mit einem Rätsel zuvor.

„Unsere Verwandten haben uns ein Gedicht für dich mitgegeben. Und nachdem du dieses gehört hast, solltest du wissen, wer unsere Großonkel sind.“ So sprach er, holte einen Zettel hervor und begann zu lesen:

„Was ist das nur, warum muss ich so frieren?
Noch gestern war doch so ein warmer Tag.
Den Sommer mag ich gar nicht gern verlieren,
weil ich die Sommersonne doch so mag.

Doch kurze Hosen reichen nicht mehr aus.
Die dicken Socken trage ich – für alle Fälle.
Der Wind pfeift wild, und geh ich aus dem Haus,
seh‘ ich bei anderen schon Schneebälle.

Jetzt gehen die Laternen an:
so früh wird’s heut schon dunkel.
Bald kommt zu uns der Weihnachtsmann
(so wird zu Haus gemunkelt).

Ich überlege, was das alles sei
und komme wie von selbst dahinter:
Sommer und Herbst sind längst vorbei!
Und jetzt ist Winter.“

Und während ich noch über dieses Gedicht nachsinne, verschwinden meine Freunde und lassen mich allein zurück auf der Wiese im Stadtpark. Es beginnt zu schneien, und so beschließe ich, nach Hause zu rennen, bevor mir richtig kalt wird.

Die sieben Söhne der Frau Woche (V)

August 21, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: GLitterarisches., Geschrieben.

Der Freitag

Wie jeden Tag konnte es mir auch heute nicht schnell genug gehen, in den Stadtpark zu laufen und meine Freunde zu treffen. Meine Mutter wollte mich aber nicht gehen lassen, bevor ich nicht mein Zimmer aufgeräumt und alle Spielsachen und Bücher ordentlich in das Regal geräumt hätte. Nicht ohne zu murren folgte ich ihrer Aufforderung.

Dann, endlich, konnte ich in den Park laufen, wo mich meine Freunde freudig begrüßten. Der Freitag, der heute der größte der sieben Brüder war, fing sogleich an, mir eine Geschichte zu erzählen:

„Leopold, junger Freund“, begann er ohne Umschweife, „ich habe noch einmal über die Geschichte nachgedacht, die der Donnerstag Dir gestern erzählt hatte. Wenn unser Gehirn uns vorgaukelt, dass ein Weg mal länger, mal kürzer zu sein scheint, muss das aber nicht immer mit Ungeduld oder Scham zu tun haben.“

Er holte ein kleines Büchlein aus der Tasche und blätterte darin. „Mein Freund, der Tille-Peter, hatte einmal eine Geschichte über einen berühmten klugen Mann geschrieben. Dieser Mann hieß Einstein. Jeden Morgen ging Einstein auf dem Weg zur Arbeit die Straße entlang und traf viele Menschen. Alle grüßten ihn, und er grüßte freundlich zurück. Wenn er dann endlich an seinem Schreibtisch saß, dachte er: ‚Das war aber ein langer Weg!‘

Eines Tages nun holte ihn ein Kollege mit dem Auto von zu Hause ab. Er hatte kaum Zeit, die Nachbarn zu sehen, so schnell flogen die Gesichter an ihm vorbei. Und zum Grüßen kam er auch nicht. Als er dann in seinem Büro anlangte, dachte er verwundert: ‚Das war heute aber ein kurzer Weg!‘ Dann setzte er sich hin und schrieb ein dickes, wichtiges Buch über sein Erlebnis.“

„Er konnte ein ganzes Buch über seinen Arbeitsweg schreiben?“ fragte ich ungläubig.

„Ja, das konnte er“, lachte der Freitag. „Weil Einstein so ein kluger Mann war, fand er heraus, dass ein Weg länger oder kürzer sein kann, je nachdem, wie schnell man ihn zurück legt. Geht er den Weg zu Fuß, kommt ihm der Weg lang vor, sitzt man aber im Auto oder in der Bahn, verkürzt sich scheinbar der Weg. Und dass, obwohl man sich im Automobil gar nicht selber bewegt.“

„Und wenn ich im Zug ganz schnell ganz nach vorne renne?“ wollte ich es genauer wissen.

„Dann bist du auch nicht schneller am Ziel. Du bewegst dich ja nur im Zug, aber nicht auf dem Weg. Der Zug oder das Auto hingegen bewegt sich nur in Bezug auf den Weg, auf die Erde also. Und die Erde wiederum bewegt sich um die Sonne. Und so hat jede Bewegung einen Bezugspunkt und damit auch jede Zeit und jedes Zeitgefühl. So etwas nennt man Relation.“

Mir schwirrte der Kopf. Das war aber auch schwer zu verstehen! Ich sah den Freitag fragend an.

„Ich weiß“, meinte dieser daraufhin, „das ist nicht leicht zu begreifen. Deswegen hat der Herr Einstein ja auch so ein dickes kluges Buch darüber geschrieben, damit viele andere kluge Menschen sich den Kopf darüber zerbrechen und neue dicke Bücher darüber schreiben können.“

Er gab mir daraufhin das kleine Büchlein von Tille-Peter in die Hand. „Vielleicht kann dir deine Mutter es ja heute abend vorlesen. Wir müssen jetzt nämlich gehen, weil wir uns mit unseren vier Großonkeln treffen wollen. Doch davon erzählen wir dir später einmal.“

Eine kurze Weile später war ich allein. Ich blätterte in dem Buch und nahm mir fest vor, später alles über diesen klugen Herrn Einstein zu erfahren.

Peter Tille: Einstein mit der Geige

Peter Tille: Einstein mit der Geige