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Auf Arbeit

Januar 20, 2010 von Sebastian Abgelegt in Geschrieben.

„Mathias, zieh Dich endlich an! Du bist alt genug. Schließlich wirst Du bald sechs.“ ruft Dorit in das Zimmer ihres jüngeren Bruders. Es ist morgens. Die Eltern sind längst auf Arbeit gefahren. Franziska bereitet in der Küche das Frühstück vor. Aus dem Radio dringt Phil Collins mit „Another day in Paradise“.

„Heute ist wieder Training“, sagt Franziska kauend zu ihrer Schwester. Die nickt und sagt zu Mathias: „Heute machst Du nicht solch ein Theater auf dem Weg zum Kindergarten. Am Freitag sind wir deinetwegen zu spät zur Schule gekommen und haben einen Eintrag erhalten.“ Sorgfältig schmiert sie ihm das Frühstücksbrot für den Kindergarten. Im Radio werden die Nachrichten vorgelesen: „… ruft das Neue Forum am Nachmittag zu einer Demonstration vor der Zentrale des Amtes für Nationale Sicherheit in der Normannenstraße auf.“ Franziska schaut auf die Uhr und schreckt hoch: „Schon fünf nach sieben! Wir müssen noch abwaschen und dann losgehen.“

Während Dorit die Tür abschließt, geht Franziska mit Mathias an der Hand schon die Treppen hinunter. Der Kindergarten ist ungefähr fünf Minuten vom Haus entfernt. Doch da eine größere Straße auf dem Weg liegt, muss Mathias jeden Tag von seinen Schwestern dorthin gebracht werden. Die beiden Mädchen laufen schnell und machen große Schritte. Mathias kommt kaum hinterher und muss bereits rennen, um Schritt zu halten. Am Kindergarten angekommen schubsen sie ihn zur Tür hinein und gehen los zur Schule. Franziska muss dafür noch drei Stationen mit der U-Bahn bis zur Endstation Vinetastraße fahren und dann noch in die Straßenbahn umsteigen. Dorits Schule ist gleich in der Nähe. „Wir treffen uns dann beim Training!“ verabschieden sie sich.

Es ist bereits dunkel, als Franziska und Dorit mit ihren Sportbeuteln und Schulmappen die Straße nach Hause gehen. Das gelbe Licht der Laternen bescheint den schiefen Gehweg. Als sie die Wohnung aufschließen, schlägt ihnen Wärme in das Gesicht. Sie werfen die Taschen in ihr Zimmer und gehen in die Küche. „Hallo Mutti, wir haben Hunger!“ – „Geht Euch bitte waschen und kommt dann in die Küche zum Abendessen.“ – „Wo ist denn Vati?“ – „Der muss heute länger arbeiten.“

Kurze Zeit später sitzen alle vier am Tisch. „Wie war es heute früh mit Mathias? Gab es wieder solch ein Theater wie letzten Freitag?“ fragt die Mutter die Mädchen. „War okay“, nuschelt Franziska. „Und das Training?“ Dorit rollt mit den Augen: „Kraftkreis. Mit Medizinball, Bankhüpfen und Klimmzügen und so. In vier Wochen ist übrigens Wettkampf in der Halle im Sportforum.“ Während die Mädchen weiteressen wird die Musik im Radio unterbrochen: „… verschafften sich Demonstranten während der Kundgebung vor der Zentrale des Amtes für Nationale Sicherheit Zutritt zu den Gebäuden. Momentan ist die Lage völlig unübersichtlich und nicht klar, wieviele Personen sich in den Gebäuden befinden. Gerüchten zufolge soll es auch zu Kämpfen gekommen sein.“ Die Kinder schneiden einen Apfel in kleine Stücke, während die Mutter den Nachrichten zuhört. „Dorit, Franziska. Könnt ihr bitte Mathias ins Bett bringen? Ich muss noch einmal raus zur Telefonzelle und Oma anrufen.“

Richard Dean Anderson rettet im Fernehen als MacGyver sich und eine schöne Frau, als die Mutter wiederkommt. „Schaltet bitte mal auf die ‚Aktuelle Kamera‘ um!“. Mißmutig steht Dorit auf, geht zum Fernseher und fragt vor dem Umschalten: „Muss das sein?“ – „Ihr könnt Euch sowieso mal bettfertig machen.“ Dorit und Franziska schlurfen in das Bad, lassen aber die Tür offen, damit sie den Fernseher hören können. „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“ Die Mutter hat wohl umgeschaltet. „… kam es zur Besetzung der Zentrale des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit. Erste Meldungen über Kämpfe bestätigten sich nicht. Über die Lage innerhalb des Gebäudes herrscht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch Unklarheit.“ – „Mutti, dürfen wir noch ein bißchen lesen?“ – „Ja, dürft ihr. Ich komme dann nachher das Licht ausmachen.“

1 Kommentare zu “Auf Arbeit”


  1. Ich zucke immer zusammen, wenn ich das Wort Mathias mit nur einem t lese. Und dann auch noch an so exponierter Stelle …

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