spree:geflüster

Gesehen. Gehört. Gelesen. Gefunden. Geschrieben.
Subscribe

Author Archive

Ich. Nicht.

September 14, 2009 von Eddie abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Zu Anfang war ich einfach nur still. Das war relativ unkompliziert, ich musste einfach den Mund halten. Große Resonanz gab es jedoch nicht. Nun habe ich gestern angefangen zu humpeln, plötzlich, also ich hab unbewusst mein linkes Bein nachgezogen, fing an, gedrungen zu laufen. Ich wurde langsamer als all die andren und interpretierte die Blicke als Aufmerksamkeit, die ich zu verdienen glaubte. Naja, es gab bessere Humpler als mich, jemand neben mir hatte einen gebrochenen Arm, das kam besser an. Das machte mich irgendwie traurig, ich dachte angemessen auf diese Wandlung reagieren zu müssen und stürzte mich bäuchlings in ein Käseregal. Diese Aktion brachte immerhin 5 Gaffer und einen überfürsorglichen Supermarktangestellten mit sich. Zudem hatten mich einige scharfkantige Käseverpackungen quasi stigmatisiert und ich stand, wieder aufgerichtet, die Arme links und rechts von meinem Körper abgespreizt, aus beiden Händen blutend, etwas benommen in der Gegend rum.

Irgendwann wurde man meines Anblickes überdrüssig, und zu Feierabend schickte man mich nach Hause. Ich wurde frustrierter, lethargischer, einsamer. Die brillianteste Idee, so dachte ich, kam mir am darauf folgenden Sonntag.

Auf der stark befahrenen und durch Laufkundschaft belebten Straße vor meinem Haus nahm ich einem Abbieger die Vorfahrt. Ich war nicht sonderlich zu schnell, die üblichen 50 km/h werden es gewesen sein. Er rammte mich nicht ganz frontal, sein Stoß in meine Fahrerseite drängte mich jedoch derart von der Spur, dass ich über einen mit Betonkübeln abgegrenzten Vorgarten in die dazugehörende Dönerbude krachte, den Tresen und 3 Gäste mitnahm und vor der Fußballleinwand zum Stehen kam. Ich stöhnte laut, schrie teilweise unter den Versuchen der Feuerwehr, meinen eingeklemmten Unterkörper aus dem Auto zu befreien. Dass die in Plastiksäcken aus dem Etablissement getragenen Gäste DAS HIGHLIGHT dieses Sonntages für ca. 20 gaffende, abgesperrte Passanten, sowie dutzende Vorbeifahrende und später auch Nachrichten- und Boulevardinteressierte war, versteht sich von selbst. Ich hatte jetzt einen Rollstuhl. Nicht nur zum Spaß, ich brauchte ihn gewissermaßen auch zur Fortbewegung. Rollstuhlfahrer werden ja bisweilen so mitleidig angeschaut oder im besten Fall ignoriert, dass dies wohl der Höhepunkt meines Projektes zu sein schien: ach schnöde Oberflächlichkeit! Ich gedachte meiner Umwelt entgegenzukommen und erblindete, aus Gründen, die ich  nicht näher erläutern möchte, von einem Tag, also von einer Minute auf die andere, in meinem Bad, aus dem Rollstuhl stürzend. Ich genoss die Dunkelheit, sie gab mir viel, ich bestand darauf, nicht an U-Bahnhöfen abgestellt zu werden, einfach nur in einem Zimmer vor einem hingemogelten Fenster zu stehen.

In den ersten Wochen kam ab und an Besuch, ich vernahm nur die Stimmen, kramte in meinem Kopf nach den Gesichtern zu diesen sogenannten Freunden, bastelte in  meiner Fantasie Fältchen, Schweinsnasen oder anderes Skurriles an diese schemenhaften Masken und amüsierte mich. Dadurch kam mein geheucheltes Interesse auch gleich viel authentischer rüber. Ich freute mich mit ihnen, lachte oder glaubte ein mitfühlendes Gesicht zu machen, wenn man sein Leid bei mir abzuladen suchte. Irgendwann langweilten sie mich jedoch, wie üblich. Ich konnte nicht mehr malen, nicht schreiben, nicht fotografieren und den Schmogs, die zu mir kamen, fehlte es nicht am funktionierenden Körper für ihr Leben, es mangelte ihnen am funktionierenden Kopf.

Taub wird man, wenn man zu tief taucht, durch einen überlauten Ton, durch eine Nadel im Trommelfell, durch gute Kopfhörer. Dann war ich wieder still.