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Über die Liebe, über Freiheit und Verständnis

Mai 11, 2016 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben.

Wenn du allein bist, fühlst du dich manchmal einsam. Du fühlst, dass du den anderen vermisst. Das Leben scheint nur halb so viel wert zu sein. Es verliert Freude, es verliert sein Fließen und Blühen, es bleibt unterernährt.
Wenn du mit dem anderen zusammen bist, dann entsteht ein neues Problem: Der andere fängt an, in deine Privatsphäre einzudringen. Er fängt unter Umständen an, Bedingungen und Forderungen zu stellen, er fängt an, irgendwelche Dinge, Taten oder Äußerungen von dir zu verlangen… Er fängt an, dir deine Freiheit zu nehmen. Und das schmerzt. –
Bis jetzt sind wir so geistes- und gefühlskrank, dass wir immer nur ein Bedürfnis erfüllen können. Wir können frei sein, aber dann müssen wir unsere Vorstellung von Liebe fallen lassen. Dann ist da niemand, der sich einmischt, der uns hindert, der Ansprüche stellt, niemand, der dich besitzen will. Aber auch niemand, der dich mit seinen Forderungen und Einmischungen vorwärts treibt, der dich anspornt. Ein solches Leben ist kalt – beinahe tot.
Bisher habe ich mich in meinen Beziehungen immer für die Liebe entschieden und die Vorstellung von Freiheit fallengelassen. Was passierte? Wir lebten wie Sklaven unserer eigenen Gefühle und erniedrigten uns gegenseitig. Und natürlich hassen beide die Sklaverei, beide leisten Widerstand. Es ist ein ständiger Kampf: irgendein kleiner Vorwand, und der Widerstand, in welcher Form auch immer, beginnt.
Aber der wirkliche Kampf findet woanders statt, viel tiefer. Der wirkliche, tägliche Kampf besteht ja darin, dass wir um Freiheit bitten. Wir können es nur nicht so klar sagen, vielleicht haben wir es auch schon völlig vergessen.
Es ist, als ob wir versuchten, mit nur einem Flügel in den Himmel zu fliegen. Einige Menschen haben den Flügel der Liebe und einige Menschen haben den Flügel der Freiheit, aber beide sind unfähig zu fliegen. Denn dazu braucht man beide Flügel.
Liebe ist ein natürliches Bedürfnis; sie ist wie Nahrung. Wenn du hungrig bist, fühlst du dich zutiefst unwohl. Ohne Liebe ist deine Seele hungrig – Liebe ist Seelennahrung. Genauso, wie der Körper Nahrung, Wasser, Luft braucht, so braucht die Seele Liebe. Aber die Seele braucht auch Freiheit, und es ist eine der merkwürdigsten Dinge, dass ich diese Tatsachen vielleicht mitunter akzeptiert, aber doch nie völlig begriffen habe – bis ich durch das Geschenk der Freiheit meine Liebe erkannte.
Wenn man liebt, ist es nicht nötig, ja es ist sogar tötend, die eigene Freiheit und die des anderen zu zerstören. Liebe und Freiheit können beide zusammen existieren, es gibt in ihnen nicht nur keinen Widerspruch, sie nähren einander. Es liegt an unserer Dummheit, dass wir den Widerspruch geschaffen haben.
Liebe ist ein grundlegendes Bedürfnis (ich wiederhole mich), so grundlegend wie Freiheit, daher müssen beide erfüllt werden. Ein Mensch, der voller Liebe UND frei ist, ist wahrscheinlich das Schönste, was es auf der Welt gibt. Und wenn sich zwei Menschen von solcher Schönheit treffen, ist ihre Beziehung gar keine Beziehung. Es ist ein Sich-Beziehen. Es ist ein ständig fließender Strom.
Wenn zwei freie, reife Menschen sich lieben, mag eines der schönsten Paradoxe im Leben geschehen: Sie sind zusammen und doch vollkommen jeder für sich. Sie sind so sehr zusammen, dass sie beinahe eins sind. Aber ihr Einssein zerstört nicht ihre Individualität, im Gegenteil, es verstärkt sie noch. Zwei reife Menschen, die sich lieben, helfen einander, freier zu werden. Da ist keine Taktik dabei, keine Diplomatie, kein Bestreben zu dominieren. Denn wie könnte man den Menschen beherrschen wollen, den man liebt?
Wann immer zwei Menschen sich lieben, sollten sie nicht allzu oft tagelang zusammen sein. Das heißt nicht, dass sie nicht zusammen leben und wohnen können: Sie brauchen nur genügend Raum für sich. So ein ständiges Zusammensein ist schädlich für sie, und mehr als das: Es schadet der Liebe. Wir zerstören unsere Liebe, indem wir zuviel zusammen sind, denn tief in unserem Inneren wird etwas verletzt. Jeder braucht einen bestimmten Raum für sich, und Liebende mischen sich zu sehr in das Leben des anderen ein, ohne es zu merken. Sie lieben, daher wollen sie festhalten, sich bei allem und jeden ihren Teil sichern – und so wird Liebe zerstört.
Was also ist zu tun? Wie leben, wie umgehen mit seiner Liebe?
Wenn du zu sehr allein bist, wirst du gelangweilt. Es gibt keine (emotionale) Aufregung, immer nur dich und dich und dich. Du brauchst eine Veränderung, ein wenig Würze. Der andere bringt den Wechsel, bringt eine andere Welt in deine Welt, und das ist hilfreich.
Wenn du daher das Bedürfnis nach dem anderen spürst, dann gehe zu ihm. Und wenn du spürst, dass das Bedürfnis erfüllt ist, dann gehe zurück in deine eigene Welt. Wenn Liebende fähig sind, diesen Rhythmus des Zusammenseins und Alleinseins zu erkennen und sie sich sicher und ehrlich zwischen beiden Zuständen bewegen – das ist Liebe.
Wenn du jemanden liebst, respektiere sein Bedürfnis, liebt der andere dich, wird er deines achten. Die Alternative ist: ein Leben mit Liebe oder ohne Liebe. Wenn du dem anderen keinen Raum zugestehst, wird er nach und nach unzufrieden und unglücklich und wird ganz weggehen. Gibst du ihm genügend Raum und er dir, haltet ihr euch nicht fest, kann eure „Affäre“ lange anhaltend werden. Sie kann immer weiter gehen, wenn die Leine lang genug ist. Nein, wenn gar keine Leine da ist! Denn gibt es eine Leine, wie lang auch immer, fühlt man sich früher oder später eingesperrt, und wenn dieses Gefühl erst einmal da ist, wird Freiheit wieder wichtiger als Liebe. Freiheit ist aber nicht wichtiger als Liebe – sie wird nur so empfunden, wenn die Liebe selbst zum Gefängnis wird.
Niemand darf sich schuldig fühlen, wenn er seine Freiheit nutzt. Es gibt keine Schuld, nur Dummheit. Jemandem Schuldgefühle zu verursachen, ist eine Sünde, und keine andere kommt dieser gleich. Schuldgefühle lähmen uns, sie verkrüppeln uns.
In dem Moment, als ich verstand (und es war wirklich ein Moment der „Erhellung“), was das Beendende meiner vergangenen Beziehungen war, hörte mein Problem, meine Angst vor neuen Beziehungen, vor erneutem Scheitern und Desillusionierungen auf. Es gibt kein Problem. Das Problem entstand, weil wir versuchten festzuhalten. Und je mehr der eine oder andere festhielt, um so mehr entfernten wir uns – und so begann der Teufelskreis.
Und auch das habe ich begriffen: Man kann sich auf zwei Arten nahe sein. Du kannst dazu gezwungen sein, durch Gewissen, Erfahrung, Erziehung, dann seid ihr euch zwar nahe, aber nicht wirklich nahe, nur körperlich. Es gibt eine andere Nähe, die aus der Freiheit kommt. Wenn zwei Menschen die Freiheit haben, so weit entfernt zu sein, wie sie es möchten, sie aber dennoch wählen, beieinander zu sein, so ist es eine Wahl aus vollkommener Freiheit heraus. Und die, davon bin ich überzeugt, hat einen anderen Duft, einen anderen Geschmack und fühlt sich anders an – fast wie von einer anderen Welt.
Nun ja, Liebe ist verrückt! Sie ist nicht rational, sie ist noch nicht einmal vernünftig. Manchmal will man vom anderen weggehen, und manchmal möchte man sich in ihm auflösen. Das Verrückte ist, beides stimmt, und man sollte nie gezwungen sein, sich für eines von beiden zu entscheiden. Denn es ist keine Frage der Wahl, sondern lediglich eine Frage des Verstehens. Es ist wie Tag und Nacht. Man kann nicht immer im Zustand der Liebe oder des Verliebtseins sein, das ist unmöglich. Manchmal muss man auch von der Liebe ausruhen. Diese beiden Pole werden also kommen und gehen…
Und so bin ich wieder bei Liebe und Freiheit angelangt. Aber das sind eben die zwei Seiten einer wertvollen Medaille. Manchmal fühlst du tiefe Liebe und kümmerst dich nicht um die Freiheit, meist in der Zeit und mit der Kraft der Verliebtheit. Manchmal brauchst du deinen Frei-Raum und kümmerst dich nicht um die Liebe. Aber beides stimmt! Man muss also zu einer Verständigung kommen, im Inneren wie im Äußeren.
Wenn also zwei zusammenfinden, müssen sie für Verständigung sorgen. Miteinander reden und verstehen, dass der andere seinen Raum braucht. Miteinander reden und verstehen, was man selber braucht und was der andere gerade will. Das ist kein Problem (oder sollte zumindest unter reifen Menschen keines sein). Nun, es mag beiden manchmal nicht zur selben Zeit gleich gehen: Der eine will die Nähe und der andere will lieber allein sein. Daran kann und sollte man nichts ändern. Erfolgreiche Überredungskünste erweisen sich im Nachhinein oft als Bumerang: Nur wenn beide das Gefühl haben, genau das zu bekommen, was sie gerade brauchen, werden sie frei sein von Schuldgefühlen und also frei für die Liebe.
Das, was den meisten Liebenden fehlt, ist Verständnis füreinander. Liebe haben sie genug, aber kein Verständnis. Deshalb stirbt ihre Liebe auf den Felsen des Missverständnisses. Liebe allein kann ohne Verständnis nicht existieren, Verständnis entsteht aber aus dem Vermögen, seine Bedürfnisse und seine Gefühle transparent zu machen.
Liebe allein ist sehr dumm, mit Verständnis dagegen kann die Liebe ein langes Leben haben. Liebe kann dir kleine, schöne Augenblicke geben, das ist aber auch schon alles. Nur Verständnis für den anderen und dich selbst kann dir die tiefe Vertrautheit geben, die die Liebe braucht. Allen schönen Augenblicken folgen Niedergeschlagenheit, Ärger, Frust, Schuld. Wenn das Verständnis nicht am Leben erhalten wird (so es anfänglich existierte) und wächst, helfen die kleinen Momente nicht; sie sind dann wie eine Droge.
Wir brauchen also mehr Verständnis. Und selbst bei einer Trennung, irgendwann, bleibt das Verständnis und damit Freundschaft – als Geschenk der Liebe.
Es gibt Menschen, die Liebe vermeiden, nur um auf sicherem Boden zu stehen. Sie wollen nicht in irgendeiner Beziehung gebunden sein, denn sie haben erfahren, wenn sie sich einmal eingelassen haben und dem anderen nahe kommen, beginnt das Kämpfen, beginnt der Widerstand. Hässliche Dinge kommen hoch – also, was soll das alles?
Aber Liebe ist nicht gefährlich. Nur Unbewusstheit und Verständnislosigkeit und Zwang sind gefährlich.
Liebe, das einfache Akzeptieren der Bedürfnisse des anderen, die Transparenz der eigenen Gefühle sind keine Schwächen. Es ist Stärke, die Stärke hervorruft.

Februarsonett

Februar 29, 2016 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Wohin? fragst du, wenn alle Brücken brechen

Wenn du zerreißt, wenn Worte uns durchstechen

Wenn deine Augen meinen Blick verbrennen

Wenn wir uns auf der Straße nicht erkennen

 

Wenn Finger sich wie Rohre auf uns richten

Wenn Mündungsfeuer in den Fenstern blitzen

Und wieder wir auf Zärtlichkeit verzichten

Weil Bajonette uns die Haut aufritzen

 

Wenn sich am Himmel AscheWolken ballen

Wenn deine Lippen sich in meine krallen

Wenn unsre Körper aneinander kleben

Wenn wir nicht sterben und nicht leben

 

Wohin? fragst du, ich schreie stumm. Wir weinen

Bis in den Morgen. Alle oder keinen

Was wäre

Dezember 04, 2015 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

Was,

wenn ich deine Hand streicheln würde

während du mir den Wodka einschenkst

ohne auf deinen Mann zu schauen?

Was,

wenn ich dich bei der Hand nehmen

und ins Schlafzimmer bringen würde

ohne mich umzudrehen?

Was,

wenn ich mich neben dich legen

und die Decke über uns ziehen würde

ohne an die offene Tür zu denken?

Wann, wenn nicht jetzt? Mit wem, wenn nicht mit dir?

August 13, 2015 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben.

Wenn ich wollte, würde ich jetzt eine ganz, ganz lange Geschichte schreiben. Darüber, dass du mir sofort aufgefallen bist. Darüber, dass ich den Barkeeper-Eid gebrochen habe und dich auf Teufel komm raus anbaggerte. Darüber, dass wir an diesem ersten ersten Abend nach Barschluss erst redeten, dann youtube bemühten und tanzten. Und tanzten und tanzten. Es gab keinen Regen in dieser Bar, damals, aber wir tanzten wie in einem Film Noir und wir tanzten und alles war schwarz und weiß und wir tanzten und wie durch einen glücklichen Umstand kam keiner zu Schaden.

Am zweiten ersten Abend war ich der Zurückhaltende. Du kamst mit offenem Herzen und leuchtenden Augen. Ich sah dich, spielte sofort „unser“ Lied. Und sofort begann auch ich zu leuchten. Und wir tanzten. Wir sahen uns da das erste Mal. Es war perfekt. Es war unser erster Abend.

Könnt ihr euch vorstellen, mit einem Menschen stundenlang nur zu tanzen? Könnt ihr euch vorstellen, mit einem Menschen stundenlang nur zu träumen? Könnt ihr das?

Ich konnte es nicht. Sie konnte es nicht. Ein Jahr lang versuchten wir, die Sternschnuppen der zwei ersten Abende wieder zu sehen. Doch wir waren blind.

Und jetzt, fast ein ganzes weiteres Jahr später, höre ich wieder diese Musik. Ich tanze, allein, und ich tanze und tanze.

Ich vermisse dich.

Das hässliche Entlein

Juli 24, 2015 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

Man nehme ein Glas, vorzugsweise eines, das gespült und poliert ist. Vielleicht hat man kurz vorher bereits den Kaltwasserhahn in der Küche aufgedreht, das erspart einem einige Sekunden. Man fülle das Glas mit dem nun kühlen Nass aus dem Hahn und: voilà! ein durststillendes Getränk steht bereit. Knabbert man dazu an einer Tomate, einer Paprika, einer Zucchini oder ähnlich Leckerem und streichelt nebenbei seine Sinne mit den Kräutern, die man klugerweise auf dem Küchensims am Leben erhalten hat, dann erhält man den perfekten Smoothie. Der hat dann zwar keinen Strom verbraucht und ist auch nicht so fotogen wie seine moderne Vettern, aber er erfüllt den selben Zweck. Er löscht den Durst und stillt den Hunger nach vernünftigen Alternativen. Nun ja, angeben kann man mit so einem Rezept und solch einem Getränk nicht. Aber vielleicht kann man ja nachdenken, ob ein kleines Weniger ein schönes Mehr wäre. Vielleicht.

Prost.