spree:geflüster

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Archive for the ‘Gefunden.’

Vergiss mein nicht …

April 03, 2014 von Bunki abgelegt in: Gebrieftes., Gefunden., Geschrieben., Getwittertes.

Schreib mal wieder, möchte man seinen geneigten Lesern zurufen. Und weiß schon im Voraus, dass die Antworten geballt und geharnischt daherkommen werden. Was glaubst du, was wir machen? Wir bloggen, wir facebooken (obwohl das manch einer nicht ganz zu Unrecht nicht als schreibende Tätigkeit ansieht), wir simmsen, whatsappen (hysterisch zunehmend weniger) und wir twittern. Langt das nicht an Geschreibsel? Wir schaffen doch sonst kaum etwas anderes noch.

Ja, doch, werte Mitliteraten. Darum geht es mir nicht. Es geht einfach und ausnahmsweise nicht um das Füllen von beliebig (fast überall) bis bis begrenztem 140-Zeichen-Platz, sondern um eine schlicht manuelle Tätigkeit. Das simple Ausfüllen – und Versenden – einer Postkarte.

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Es geht um Entschleunigung, das Greifen zum Füllfederhalter und das Denken an andere Menschen. Es geht darum, anderen Personen eine kleine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen jenseits der von der Industrie hochgeschätzten Zeit wie Valentins- oder dem deine Muddatag.

Und da haben wir einen kleinen Tipp für sie. Schon oft habe ich bei manchen Twittersprüchen gedacht, dass sie ein größeres Publikum verdienen. Eins, dass nicht nur im Netz vorhanden ist. Dass manche Sprüche so schön sind, dass sie gar handgreiflich werden sollten. Der @turbozopf sah das offenbar ähnlich und hat jetzt einen illustren Kreis von Twitteratis um sich versammelt, um deren geistigen Ergüsse auf ein kleines, handliches, ca 10,5 x 14,8 cm großes Format zu bannen. Twitter goes offline. Mit Postkarten. Von mir im Berliner Kurier (leider nicht online erhältlich) auch schon mal als Twostcards tituliert.

Analogbotschaft nannte er das Ganze. Zu finden ist es hier. Und für schlappe 1,10 Euro können da diverse Kleinode bestellt werden, die  hiner den immer sinnfreieren Sprüchen der Edgarcards nicht hintenanstehen müssen und geradezu hochgradig danach schreien, einer postalischen Verwertung zugeführt zu werden. (Wer sie sammeln möchte, nur zu. Wird auch keiner der Autoren was dagegen haben.)

Ich finde die Idee äußerst charmant. Nicht nur, dass die ganzen Kreativlinge zur Abwechslung mal einen kleinen Obolus für ihre Schöpfungen erhalten. Zudem werden auch noch caritative Projekte mit unterstützt. Man kann sich also doppeltplusgut fühlen beim Kauf einer Twitter-Postkarte.

Und bevor hier einer rummeckert, dieser Text sei schamlose Werbung. Ja, ist er. Weil ich es kann. Und es gut finde. Dabei habe ich keinerlei finazielles Interesse an diesem Projekt. Der Verfasser dieser Zeilen – obgleich mit einem der Autoren befreundet – gehört nämlich nicht zu dem Kreis der Erlauchten und wird auch nicht hintenrum irgendwie bedacht.

 

Abschied von J. (mit dem senkrechten Blick)

August 15, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Gefunden.

Du legst Mozart auf, adagio, die Funken runzeln die Stirn
springst zurück unter die Decke – es puckert mir im Hirn
spür deinen Atem tief im Nacken, deinen Arm auf meiner Brust
an der Wand blühn immer Rosen und in uns verblüht die Lust

Langsam schieben sich die Lider vor die Augen, und der Mund
wird mir trocken immer wieder so vom Wein, vom Küssen und
dann schleiche ich mich barfuß in die Küche an den Hahn
komm zurück mit meinem Glas: du sitzt aufrecht, schaust mich an

Mit dem senkrechten Blick, der bis Feuerland reicht
der mich taubstumm und wahnsinnig macht
Mit dem senkrechten Blick, der selbst Steine erweicht
der Lawinen gleich mir völlig die Luft nimmt heut‘ nacht

Schon sitzen tausend rote Flügel zitternd im Holunderstrauch
und verwunschne Königskinder treiben flussabwärts Bauch an Bauch
phosphorgrüne Ziffern grüßen blitzend schon das neue Jahr
was im alten Jahr noch dunkel, wird im neuen wasserklar

Ich liebe ich liebe ich liebe
ich liebe dich nicht

Ich liebe ich liebe ich liebe
ich liebe dich nicht

Danke, danke danke
dass du den Felsen fest fässt, dass du ihn nicht verlässt
Also danke, danke danke
ich verschwinde und bau mir ein eigenes Nest

Wo immer ich hingeh‘ wird die Hölle los sein
werd‘ ich nächtelang nach dir mir die Lungen ausschrei’n
werde langsam verbluten, werd‘ ersticken im Mief
werd‘ meine Liebe lang fluten werde sinken so tief

Mit dem senkrechten Blick, der bis Feuerland reicht
der mich taubstumm und wahnsinnig macht
mit dem senkrechten Blick, der sinnlos Steine erweicht
der Lawinen gleich polternd zu Tale kracht

Ich liebe ich liebe ich liebe
ich liebe dich nicht

Ich liebe ich liebe ich liebe
ich liebe dich nicht

Ich liebe ich liebe ich liebe
ich liebe dich…

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Es war nicht alles schlecht (1980)

Mai 26, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Gefunden., GLitterarisches.

Man mag es kaum glauben, aber es gab in der DDR doch Dinge, die es gab. Jahreszeiten zum Beispiel. Wir hatten damals vier verschiedene, und die Älteren unter uns können sich vielleicht noch daran erinnern.

Eine dieser Jahreszeiten nannte sich “Frühling” und war ungefähr zwischen einem knackigen Winter und einem schönen, sonnigen Sommer angesiedelt. Ein (mir) unbekannter Verfasser beschrieb das in folgendem kleinen Gedicht.

(Leider konnte dieser dreiste Dissident sich nicht zurückhalten, auch in solch schönen Momente von Fehlendem zu träumen. Aber er sollte ja Recht behalten.)

 

Früh links Erwachen

 

Der Herbst ist da! Nach Liebe lechzen

alle Mädchen über sechzehn.

Die Rehe treten alle aus

dem Wald, und keiner bleibt zu Haus’.

 

Die Bienen kommen alle nieder,

die Gammler waschen sich mal wieder,

der Saft, der steigt bei jungen und bei alten

Bäumen (Komma) der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.

 

Wir haben EDV und Müllcontainer, das ist fein.

Wir haben die Pille und der Storch beißt jetzt umsonst ins Bein.

Wir haben sogar Farbfernsehn mit PAL.

Und bald gibt es auch Fliesen und ein kleines bisschen Aal.

Ich ahnte nichts Böses.

November 27, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Gefunden., Gelebtes.

Da geht man einmal fein aus. Trifft sich mit einem Herren, von dem man vorher wusste, dass dieses Treffen nicht so ganz einfach würde. Oder, um es mit simplen, fast abgeschmackten Worten zu sagen: Ich ging los, und ich ahnte nichts Böses.

Selbst als ich die Straßenbahn (von Zugewanderten auch liebevoll “Tram” genannt”) bestieg, ahnte ich nichts Böses. Sie fuhr, ohne Verwirrte zu streifen, in einem Zug durch. (Dieser Satz ist, glaube ich, selbst für mich schwer zu verstehen: Ein Zug fährt in einem Zug durch, und von Haltestellen ist keine Rede…)

Wo war ich? Ach ja, beim Zug. Beim Durchstreifen. Bei den Ahnungen.

Ich kam also an, am Ziel. Ich traf diesen Herren, wobei ich vorher schon wusste, dass dieses Treffen nicht so ganz einfach würde. Und ich ahnte immer noch nichts Böses.

Heute hatte ich ausnahmsweise mein Taubenkostüm nicht an. Ich meine das taubengraue. Und so verwunderte es mich nicht, dass der Taubenvergrämer mich nicht vergrämte, sondern mir einfach und freundlich die Hand zum Gruß darreichte.

Und ich ahnte noch immer nichts Böses!

Nach über drei Stunden Konversation über Tauben (…ha! ich sehe, Ihr seid aufmerksam und merkt, dass ich Euch veräppele…), also nach über drei Stunden Monolog über Tauben (wieder falsch, angeschmiert!) … Ich fang noch mal an:

Nach über drei Stunden intensiver Gespräche über Taube und Stumme und die letzten übrig gebliebenen Zwitscherer, und jetzt wissen die Eingeweihten auch, wovon wir sprachen, ahnte ich immer noch nichts Böses. Über die Einzelheiten lasse ich Euch im Ungewissen, aber damit müsst Ihr eben leben. Doch dann, und nichts Böses ahnend lauschte ich freundlich,  lud mich der Herr Fitz ein (oder war ich es, der ihn frug?), beim Jour Fitz am 21. Dezember zu lesen.

Und ich? Ich sagte zu. Und ich ahnte noch immer nichts Böses. Und selbst, als wir uns trennten, war immer noch nichts Böses passiert.

Meine Ahnung hatte mich mal wieder nicht betrogen. Bis jetzt.

(Zur Illustrierung oben stehender Schilderung folgend die Orte des Geschehens:)

Herrentoilette Damentoilette

Die Melancholie der Kastanie

Oktober 12, 2009 von Bunki abgelegt in: Gefunden., Gelebtes.

Es herbstet. Die dritte Jahreszeit pfeift durch die Lande. Die Menschen umgürten sich mit Schals, hüllen sich in feste Gewänder. Und all die herabfallenden Früchte, die Vorboten des kommenden Winters, kullern munter auf den  Straßen entlang. Blätter, Eicheln, Kastanien. Ja, auch Kastanien.

Kastanien Kastanienmaennchen

Sie stehen für Kinderlachen, fröhliches Basteln, lustige Figuren. Für unbeschwerte, sorgenfreie Lebenszeit. In Kastanienfässern reifte einst der berühmte Vin Santo, der Hochgenuss aus der Toskana, ehe er dem schnöden Eichengewächs weichen musste.

Doch ist die Kastanie nicht mehr als das? Ist sie nicht auch ein perfektes Sinnbild für das Auf und Ab der Liebe? Am Anfang glänzend, vollmundig und rund. Vielversprechend. Verlockend.Wer könnte ihrem Liebreiz ernsthaft widerstehen? Sie spricht alle an. Weckt Erinnerungen.

Doch mit der Zeit  wird sie schrumpelig. Der Glanz verblasst. Sie wird matt und müde. Und keine Kraft der Welt kann sie zurückholen.