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Archive for the ‘Gelebtes.’

Über die Liebe, über Freiheit und Verständnis

Mai 11, 2016 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben.

Wenn du allein bist, fühlst du dich manchmal einsam. Du fühlst, dass du den anderen vermisst. Das Leben scheint nur halb so viel wert zu sein. Es verliert Freude, es verliert sein Fließen und Blühen, es bleibt unterernährt.
Wenn du mit dem anderen zusammen bist, dann entsteht ein neues Problem: Der andere fängt an, in deine Privatsphäre einzudringen. Er fängt unter Umständen an, Bedingungen und Forderungen zu stellen, er fängt an, irgendwelche Dinge, Taten oder Äußerungen von dir zu verlangen… Er fängt an, dir deine Freiheit zu nehmen. Und das schmerzt. –
Bis jetzt sind wir so geistes- und gefühlskrank, dass wir immer nur ein Bedürfnis erfüllen können. Wir können frei sein, aber dann müssen wir unsere Vorstellung von Liebe fallen lassen. Dann ist da niemand, der sich einmischt, der uns hindert, der Ansprüche stellt, niemand, der dich besitzen will. Aber auch niemand, der dich mit seinen Forderungen und Einmischungen vorwärts treibt, der dich anspornt. Ein solches Leben ist kalt – beinahe tot.
Bisher habe ich mich in meinen Beziehungen immer für die Liebe entschieden und die Vorstellung von Freiheit fallengelassen. Was passierte? Wir lebten wie Sklaven unserer eigenen Gefühle und erniedrigten uns gegenseitig. Und natürlich hassen beide die Sklaverei, beide leisten Widerstand. Es ist ein ständiger Kampf: irgendein kleiner Vorwand, und der Widerstand, in welcher Form auch immer, beginnt.
Aber der wirkliche Kampf findet woanders statt, viel tiefer. Der wirkliche, tägliche Kampf besteht ja darin, dass wir um Freiheit bitten. Wir können es nur nicht so klar sagen, vielleicht haben wir es auch schon völlig vergessen.
Es ist, als ob wir versuchten, mit nur einem Flügel in den Himmel zu fliegen. Einige Menschen haben den Flügel der Liebe und einige Menschen haben den Flügel der Freiheit, aber beide sind unfähig zu fliegen. Denn dazu braucht man beide Flügel.
Liebe ist ein natürliches Bedürfnis; sie ist wie Nahrung. Wenn du hungrig bist, fühlst du dich zutiefst unwohl. Ohne Liebe ist deine Seele hungrig – Liebe ist Seelennahrung. Genauso, wie der Körper Nahrung, Wasser, Luft braucht, so braucht die Seele Liebe. Aber die Seele braucht auch Freiheit, und es ist eine der merkwürdigsten Dinge, dass ich diese Tatsachen vielleicht mitunter akzeptiert, aber doch nie völlig begriffen habe – bis ich durch das Geschenk der Freiheit meine Liebe erkannte.
Wenn man liebt, ist es nicht nötig, ja es ist sogar tötend, die eigene Freiheit und die des anderen zu zerstören. Liebe und Freiheit können beide zusammen existieren, es gibt in ihnen nicht nur keinen Widerspruch, sie nähren einander. Es liegt an unserer Dummheit, dass wir den Widerspruch geschaffen haben.
Liebe ist ein grundlegendes Bedürfnis (ich wiederhole mich), so grundlegend wie Freiheit, daher müssen beide erfüllt werden. Ein Mensch, der voller Liebe UND frei ist, ist wahrscheinlich das Schönste, was es auf der Welt gibt. Und wenn sich zwei Menschen von solcher Schönheit treffen, ist ihre Beziehung gar keine Beziehung. Es ist ein Sich-Beziehen. Es ist ein ständig fließender Strom.
Wenn zwei freie, reife Menschen sich lieben, mag eines der schönsten Paradoxe im Leben geschehen: Sie sind zusammen und doch vollkommen jeder für sich. Sie sind so sehr zusammen, dass sie beinahe eins sind. Aber ihr Einssein zerstört nicht ihre Individualität, im Gegenteil, es verstärkt sie noch. Zwei reife Menschen, die sich lieben, helfen einander, freier zu werden. Da ist keine Taktik dabei, keine Diplomatie, kein Bestreben zu dominieren. Denn wie könnte man den Menschen beherrschen wollen, den man liebt?
Wann immer zwei Menschen sich lieben, sollten sie nicht allzu oft tagelang zusammen sein. Das heißt nicht, dass sie nicht zusammen leben und wohnen können: Sie brauchen nur genügend Raum für sich. So ein ständiges Zusammensein ist schädlich für sie, und mehr als das: Es schadet der Liebe. Wir zerstören unsere Liebe, indem wir zuviel zusammen sind, denn tief in unserem Inneren wird etwas verletzt. Jeder braucht einen bestimmten Raum für sich, und Liebende mischen sich zu sehr in das Leben des anderen ein, ohne es zu merken. Sie lieben, daher wollen sie festhalten, sich bei allem und jeden ihren Teil sichern – und so wird Liebe zerstört.
Was also ist zu tun? Wie leben, wie umgehen mit seiner Liebe?
Wenn du zu sehr allein bist, wirst du gelangweilt. Es gibt keine (emotionale) Aufregung, immer nur dich und dich und dich. Du brauchst eine Veränderung, ein wenig Würze. Der andere bringt den Wechsel, bringt eine andere Welt in deine Welt, und das ist hilfreich.
Wenn du daher das Bedürfnis nach dem anderen spürst, dann gehe zu ihm. Und wenn du spürst, dass das Bedürfnis erfüllt ist, dann gehe zurück in deine eigene Welt. Wenn Liebende fähig sind, diesen Rhythmus des Zusammenseins und Alleinseins zu erkennen und sie sich sicher und ehrlich zwischen beiden Zuständen bewegen – das ist Liebe.
Wenn du jemanden liebst, respektiere sein Bedürfnis, liebt der andere dich, wird er deines achten. Die Alternative ist: ein Leben mit Liebe oder ohne Liebe. Wenn du dem anderen keinen Raum zugestehst, wird er nach und nach unzufrieden und unglücklich und wird ganz weggehen. Gibst du ihm genügend Raum und er dir, haltet ihr euch nicht fest, kann eure „Affäre“ lange anhaltend werden. Sie kann immer weiter gehen, wenn die Leine lang genug ist. Nein, wenn gar keine Leine da ist! Denn gibt es eine Leine, wie lang auch immer, fühlt man sich früher oder später eingesperrt, und wenn dieses Gefühl erst einmal da ist, wird Freiheit wieder wichtiger als Liebe. Freiheit ist aber nicht wichtiger als Liebe – sie wird nur so empfunden, wenn die Liebe selbst zum Gefängnis wird.
Niemand darf sich schuldig fühlen, wenn er seine Freiheit nutzt. Es gibt keine Schuld, nur Dummheit. Jemandem Schuldgefühle zu verursachen, ist eine Sünde, und keine andere kommt dieser gleich. Schuldgefühle lähmen uns, sie verkrüppeln uns.
In dem Moment, als ich verstand (und es war wirklich ein Moment der „Erhellung“), was das Beendende meiner vergangenen Beziehungen war, hörte mein Problem, meine Angst vor neuen Beziehungen, vor erneutem Scheitern und Desillusionierungen auf. Es gibt kein Problem. Das Problem entstand, weil wir versuchten festzuhalten. Und je mehr der eine oder andere festhielt, um so mehr entfernten wir uns – und so begann der Teufelskreis.
Und auch das habe ich begriffen: Man kann sich auf zwei Arten nahe sein. Du kannst dazu gezwungen sein, durch Gewissen, Erfahrung, Erziehung, dann seid ihr euch zwar nahe, aber nicht wirklich nahe, nur körperlich. Es gibt eine andere Nähe, die aus der Freiheit kommt. Wenn zwei Menschen die Freiheit haben, so weit entfernt zu sein, wie sie es möchten, sie aber dennoch wählen, beieinander zu sein, so ist es eine Wahl aus vollkommener Freiheit heraus. Und die, davon bin ich überzeugt, hat einen anderen Duft, einen anderen Geschmack und fühlt sich anders an – fast wie von einer anderen Welt.
Nun ja, Liebe ist verrückt! Sie ist nicht rational, sie ist noch nicht einmal vernünftig. Manchmal will man vom anderen weggehen, und manchmal möchte man sich in ihm auflösen. Das Verrückte ist, beides stimmt, und man sollte nie gezwungen sein, sich für eines von beiden zu entscheiden. Denn es ist keine Frage der Wahl, sondern lediglich eine Frage des Verstehens. Es ist wie Tag und Nacht. Man kann nicht immer im Zustand der Liebe oder des Verliebtseins sein, das ist unmöglich. Manchmal muss man auch von der Liebe ausruhen. Diese beiden Pole werden also kommen und gehen…
Und so bin ich wieder bei Liebe und Freiheit angelangt. Aber das sind eben die zwei Seiten einer wertvollen Medaille. Manchmal fühlst du tiefe Liebe und kümmerst dich nicht um die Freiheit, meist in der Zeit und mit der Kraft der Verliebtheit. Manchmal brauchst du deinen Frei-Raum und kümmerst dich nicht um die Liebe. Aber beides stimmt! Man muss also zu einer Verständigung kommen, im Inneren wie im Äußeren.
Wenn also zwei zusammenfinden, müssen sie für Verständigung sorgen. Miteinander reden und verstehen, dass der andere seinen Raum braucht. Miteinander reden und verstehen, was man selber braucht und was der andere gerade will. Das ist kein Problem (oder sollte zumindest unter reifen Menschen keines sein). Nun, es mag beiden manchmal nicht zur selben Zeit gleich gehen: Der eine will die Nähe und der andere will lieber allein sein. Daran kann und sollte man nichts ändern. Erfolgreiche Überredungskünste erweisen sich im Nachhinein oft als Bumerang: Nur wenn beide das Gefühl haben, genau das zu bekommen, was sie gerade brauchen, werden sie frei sein von Schuldgefühlen und also frei für die Liebe.
Das, was den meisten Liebenden fehlt, ist Verständnis füreinander. Liebe haben sie genug, aber kein Verständnis. Deshalb stirbt ihre Liebe auf den Felsen des Missverständnisses. Liebe allein kann ohne Verständnis nicht existieren, Verständnis entsteht aber aus dem Vermögen, seine Bedürfnisse und seine Gefühle transparent zu machen.
Liebe allein ist sehr dumm, mit Verständnis dagegen kann die Liebe ein langes Leben haben. Liebe kann dir kleine, schöne Augenblicke geben, das ist aber auch schon alles. Nur Verständnis für den anderen und dich selbst kann dir die tiefe Vertrautheit geben, die die Liebe braucht. Allen schönen Augenblicken folgen Niedergeschlagenheit, Ärger, Frust, Schuld. Wenn das Verständnis nicht am Leben erhalten wird (so es anfänglich existierte) und wächst, helfen die kleinen Momente nicht; sie sind dann wie eine Droge.
Wir brauchen also mehr Verständnis. Und selbst bei einer Trennung, irgendwann, bleibt das Verständnis und damit Freundschaft – als Geschenk der Liebe.
Es gibt Menschen, die Liebe vermeiden, nur um auf sicherem Boden zu stehen. Sie wollen nicht in irgendeiner Beziehung gebunden sein, denn sie haben erfahren, wenn sie sich einmal eingelassen haben und dem anderen nahe kommen, beginnt das Kämpfen, beginnt der Widerstand. Hässliche Dinge kommen hoch – also, was soll das alles?
Aber Liebe ist nicht gefährlich. Nur Unbewusstheit und Verständnislosigkeit und Zwang sind gefährlich.
Liebe, das einfache Akzeptieren der Bedürfnisse des anderen, die Transparenz der eigenen Gefühle sind keine Schwächen. Es ist Stärke, die Stärke hervorruft.

Wann, wenn nicht jetzt? Mit wem, wenn nicht mit dir?

August 13, 2015 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben.

Wenn ich wollte, würde ich jetzt eine ganz, ganz lange Geschichte schreiben. Darüber, dass du mir sofort aufgefallen bist. Darüber, dass ich den Barkeeper-Eid gebrochen habe und dich auf Teufel komm raus anbaggerte. Darüber, dass wir an diesem ersten ersten Abend nach Barschluss erst redeten, dann youtube bemühten und tanzten. Und tanzten und tanzten. Es gab keinen Regen in dieser Bar, damals, aber wir tanzten wie in einem Film Noir und wir tanzten und alles war schwarz und weiß und wir tanzten und wie durch einen glücklichen Umstand kam keiner zu Schaden.

Am zweiten ersten Abend war ich der Zurückhaltende. Du kamst mit offenem Herzen und leuchtenden Augen. Ich sah dich, spielte sofort „unser“ Lied. Und sofort begann auch ich zu leuchten. Und wir tanzten. Wir sahen uns da das erste Mal. Es war perfekt. Es war unser erster Abend.

Könnt ihr euch vorstellen, mit einem Menschen stundenlang nur zu tanzen? Könnt ihr euch vorstellen, mit einem Menschen stundenlang nur zu träumen? Könnt ihr das?

Ich konnte es nicht. Sie konnte es nicht. Ein Jahr lang versuchten wir, die Sternschnuppen der zwei ersten Abende wieder zu sehen. Doch wir waren blind.

Und jetzt, fast ein ganzes weiteres Jahr später, höre ich wieder diese Musik. Ich tanze, allein, und ich tanze und tanze.

Ich vermisse dich.

Ein Mann wartet

April 19, 2015 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben., Getwittertes.

Wie immer kam ich etwas später nach Hause. Der Morgen dräute nicht nur, er gleißte. Doch während ich mich des hellen Sonnenscheins mittels Hut erwehren konnte, konnte er es nicht. Der alte Mann.

Der alte Mann stand unbeweglich da. Sein Haupt war kaum mehr bedeckt von schütterem Flaum und gut behütet war es auch nicht. Ein alter Mann ohne Hut, was soll das?, dachte ich noch und sinnierte über den Sittenverfall im Alter. Doch dann passierte…

Nichts.

Ein-, zweimal umkreiste ich den greisen Gesellen, doch er bewegte sich nicht. (In Wahrheit traute ich mich nicht, mich ihm näher als einen Münzwurf weit zu nähern, ließ aber das Münzgewerfe weg, da ein pantomimisches Seniorenstandbild mir als etwas zu abwegig erschien, selbst an einem Sonntagmorgen in Friedrichshain.)

Naheliegender Weise setzte ich mich auf eine nahestehende Bank und schaute dem alten Mann beim Stehen zu. Und so stand er da. Ruhig, sehr gelassen, wenn auch unbehütet. Und stand. Und stand. Und ich guckte ihm zu und wusste nicht, warum.

Irgendwann fasste ich mir mein Hasenherz und sprach ihn an. Möchten Sie etwas essen?, fragte ich ihn, brauchen Sie etwas zu trinken? Wollen Sie sich setzen?

Der alte Mann schaute mich kaum an. Nein, antwortet er müde, ich warte nur.

(An dieser Stelle ist jeder Sensenmann-Witz oder Warum-hat-er-nicht-den-Priester-gerufen-Gedanke überflüssig, denn die hatte ich in dem Moment bereits.)

Worauf warten Sie denn?, fragte ich folgerichtig.

Auf mein Taxi. Ich warte auf mein Taxi, sprach der alte Mann und stand da und wartete. Auf sein Taxi.

Ah, Sie haben ein Taxi, Sie Glücklicher, scherzkekste ich, dann brauchen Sie sich ja nie nicht eines zu rufen.

Himmelgesäßundnähgarn! (Jetzt wurde der alte stehende Mann laut) Jetz steh ich schon ne jeschlagne halbe Stunde hier und vafluche dit kapitalistische Sistem un dabei ha’ick völli vajessen, det ick selba beim Taxiruf anrufen muss. Ick dachte doch, Mutta machtet…

(Der Rest war leicht. Taxi rufen und drei Minuten später den nun nicht mehr wartenden, aber immer noch alten Mann ins selbige verfrachten.)

Und das Ende vom Lied:

Je länger die Geschichte, um so kürzer der Tweet.

(Der Tweet zur Geschichte: https://twitter.com/wikipeter/status/589692373925507073)

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Die PK, die niemals war

Oktober 30, 2013 von Bunki abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben.

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Das Nachfolgende hat sich natürlich niemals so zugetragen. Wird es auch nie. Und jede Ähnlichkeit mit irgendwelchen Personen ist natürlich der absoluten Zufälligkeit geschuldet. Was denn sonst? Eben. Also, ad rem.

Der Ort: Ein fensterloser Raum in einem schnieken, hypermodernen Fußballtempel im Südosten einer nicht ganz kleinen Großstadt. Sagen wir mal östlich der Elbe.

Die Protagonisten: Ein beliebiger Berufsfußballspieler (Vollzeit), im folgenden BFS abgekürzt. Ein Chefübungsleiter (hauptamtlich), kurz: Cheffe: verheiratet, (Anzahl der Kinder aus erster Ehe der Redaktion bekannt). Dazu ein klubeigener Moderator, kurz KluMo. Und natürlich eine Bande sensationsgeiler, hyperventilierender Medienfuzzis, die in ihrer nie enden wollenden Perfidität nur darauf aus sind, dem Klub ein schlechtes Zeugnis ausstellen zu wollen und dem Cheffe seine wertvolle Zeit zu klauen. Im folgenden als NB (Nervbolde) 1 bis 5 usw. abgekürzt.

Die PK beginnt, Cheffe beißt noch mal schnell von einem Brötchen ab, das er sich spät, aber dank seines überragenden Stellungsspiels doch noch sichern konnte, weil die sonst so vorhandenen Mitarbeiter des Klubs (sind in der Überzahl gegenüber der Journaille) ihm kaum eins übrig gelassen hätten bis zum Ende der PK. Cheffe  macht noch schnell  – begleitet von einem breiten Grinsen – einen freundlichen Soundcheck für die Journalisten, in dem er vor deren Aufnahmegeräten noch rasch und lautstark ein wenig mit seinem Schlüsselbund herumklimpert. Wäre ja schlimm, wenn der Aufnahmepegelanzeiger nicht ausschlagen würde. Hilfsbereit ist er, dass muss man ihm lassen. Auch beim Abhören ist der jeweilige Schmierfink Journalist dann bestimmt sofort hellwach.

KluMO: BFS, laut den Medien haben wir letztes Wochenende nicht gewonnen.

BFS: Das stimmt so nicht. Das ist eine böswillige Unterstellung. Wir haben nicht verloren. Das sollte man mal festhalten.

KluMO: Jetzt am Sonntag spielen wir gegen den nächsten Gegner.

BFS: Wir ist da so ein Wort.Wir. Ihr sitzt schön auf der Tribüne. Und ich weiß ja nicht, ob der Trainer mich lässt. Wir haben 22 gute Spieler im Kader, alle haben ihre Qualitäten. Da will jeder spielen. Auch die Putzfrau oder der Zeugwart. Und ob ich gespielt habe, erfahre ich auch immer erst nach Schlusspfiff. Vorher gibt der Trainer den Kader ja nicht bekannt.

KluMo: Ein Sieg am Sonntag vorausgesetzt und wir stehen in der Tabelle auf einem Aufstiegsplatz.

BFS: Ach, das ist doch nur eine Momentaufnahme. Wir haben doch erst drei Drittel der Saison gespielt. Das hat alles keine echte Aussagekraft.

KluMo: Aber wir hätten dann einen Zwei-Punkteschnitt. Wie weit ist man dann noch von der Bundesliga entfernt?

BFS: Meilenweit. Dazu muss man doch nur mal am Montag den Kicker aufschlagen. Da kommen seitenweise die Erstligisten vor. Zwei Seiten pro Spiel. Mindestens. Und dann noch Spanen, England, Italien. Suchen Sie mal nach der Zweiten Liga. Die ist da kaum zu finden. Die ist irgendwo ganzweit  hinten versteckt. Die Bundesliga ist also richtig fern. Und gemein wie die beim Kicker nun mal sind, speisen sie uns am Montag immer mit einer unvollständigen Tabelle ab. Da fehlt immer ein Spiel. So können wir uns nie ausrechnen, wie weit wir von der Bundesliga entfernt sind.

NB2: Ihr habt in der Saison das System umgestellt. Was ist dir persönlich eigentlich lieber: Mit nur einer Spitze oder mit zweien?

BFS: Och, das ist mir egal (hinter seinem Rücken flüstert Cheffe dem KluMo diebisch grinsend zu: „Ihm ist alles egal, Hauptsache er spielt.“). Ich kann über mich jetzt nichts groß Lobenswertes sagen. Mir ist beides Recht. Ich kann rechts wie links, vorne hinten, oben, unten.

NB2 hakt nach: Aber ihr Kollege hat gesagt, selbst als er alleine da vorne spielte, ihm wäre ein System mit zwei Spitzen lieber.

BFS: Ach immer dieses System-Frage. Immer dieses sich Aufhängen an  4-4-3 oder 4-4-2 oder irgendwelchen Ketten. Ob Vierkette, Dreierkette, Perlenkette. Das ist doch alles egal. Es geht hier doch um Fußball. Natürlich freue ich mich, wenn ich spiele. Dafür lebt man doch, dafür ist man Fußballer geworden. Aber das entscheidet der Trainer..

KluMO: Nun gut fragen wir mal den Trainer,  warum wir am Sonntag die drei Punkte hier behalten..

Cheffe:  Ich finde diese Fragestellung schon nicht korrekt. Sie lässt jeglichen Respekt vor dem Gegner vermissen. Die spielen auch 2. Liga! Da kann jeder jeden schlagen. Wenn man da nicht hellwach ist, immer 110 Prozent gibt, kann das ganz schnell nach hinten losgehen. Alles muss man sich erarbeiten. Jeden einzelnen Spieltag lang. Die spielen ja auch mit elf Mann. Jedes einzelne Spiel. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Die haben Abwehrspieler, die abwehren, Mittelfeldspieler, die in der Mitte wirbeln. Und Stürmer. Wir dürfen nicht vergessen Stürmer.

KluMo: Ich glaube es ist dann jetzt die Gelegenheit für die Pressevertreter Fragen an den Trainer zu stellen. Bitte warten Sie, bis wir Ihnen das Mikro reichen. Wir wollen das im Klub-TV ausstrahlen, damit unsere Fans nicht mehr zum Zeitungskauf mühsam das Haus verlassen müssen, sondern schön bequem vor ihrem PC das Klub-TV-Abo genießen können. Kostet übrigens nur 4,95 Euro im Monat.

NB1: Haben sie denn schon eine Vorstellung davon, wie sie das Spiel angehen wollen?

Cheffe. Herr NB1 , ich sehe sie hier mit einer Kamera. Ich weiß nicht, als was sie hier sind. Als Fotograf oder Journalist? Ihnen antworte ich nicht.

NB4: Worauf muss man sich beim Gegner einstellen?

Cheffe: Die haben 15 Spieler abgegeben. Abert auch 15 dazu bekommen. Den A, den B. C auch noch  (rattert alle in alphabetischer Aufstellung runter). Die sind spielstark, kampfstark, schussstark, defensivstark, wolfgangstark. Das ist ne richtig gute Mannschaft und überhaupt nicht mit der zu vergleichen, die im kommenden Jahr gegen uns spielen wird.

NB2: Herr Cheffe, aber mit einem Sieg morgen könnte der Klub Geschichte schreiben …

Cheffe: Geschichte? Das ist doch Kokolores. Das ist mir zu boulevardesk. Das mache ich nicht mit. Immer diese Schlagzeilen. Immer diese großen Buchstaben. Glauben sie denn ich bin blind und dass ich eine Brille brauche? Ich kann lesen! Sehr gut sogar. Das Kleingedruckte und zwischen den Zeilen. Machen Sie mich nicht älter, als ich bin. Ich bin drei Jahre jünger als der Kollege Benno Möhlmann. Das habe ich extra nochmal nachgeschaut.

NB2: Herr Cheffe, Ihnen wird nachgesagt, dass sie immer versuchen, alles unter Kontrolle zu halten …

Cheffe: Das stimmt doch so gar nicht. Das können Sie die Spieler fragen.

NB2: Würden wir ja gerne. Aber die dürfen nicht mit uns reden.

Cheffe: Das wieder so eine Unterstellung. Ich habe den Spielern das niemals verboten. Zu keiner Zeit. Nur nicht erlaubt. Außerdem wird mir das zu persönlich. Nur Fragen zum Spiel, bitte.

NB3: Mit welcher Mannschaft wollen sie denn das Spiel angehen?

Cheffe: Das weiß ich jetzt noch nicht. Es sind noch zwei Trainingseinheiten bis zum Spiel. Da muss ich die letzten Eindrücke abwarten. Es könnt sich ja jemand noch verletzten. Oder der Himmel nicht das richtige Blau haben. Sie glauben doch nicht jetzt allerernstens, dass ich Ihnen etwas zur Mannschaftsaufstellung sage. Die weiß ich ja selber noch nicht mal genau. Das ist mir jetzt alles zu persönlich.

NB3: Sie haben also noch nicht im Kopf welcher BFS den jetzt ausfallen BFS ersetzen soll?

Cheffe: Doch, natürlich. Aber das werde ich Ihnen doch hier nicht erzählen. Das schreiben sie doch brühwarm auf. Sie können ja die Tinte nie halten. Die anderen Trainer lesen doch auch. Die kaufen doch am morgen vor dem Spiel immer alle sechs Tageszeitungen auf, um zu sehen, was ich mir habe einfallen lassen. Nochmal, die kaufen alle sechs Zeitungen auf! Wie soll ich die denn da überraschen? Ne, das sage ich ihnen nicht. Auch wenn ich es noch nicht im Kopf hab.

 NB5: Mit welchen Erwartungen gehen sie an das Spiel?

Cheffe: Das ist mal wieder typisch. Diese Fragestellung. Das mache ich nicht mit. Immer diese Erwartungen. Dadurch setzt man doch alle unnötig unter Druck. So ein Spiel kann ganz schnell vorbei sein. Nach nicht mal 90 Minuten. Nochmal, nach nicht mal 90 Minuten. Da kann ich doch keine Prognosen abgeben. Das wäre nicht seriös. Und Sie wollen da von Erwartungen sprechen?

NB1 (ganz vorsichtig): Und warum ist dieses Spiel jetzt so schwer?

Cheffe: Das ist doch völlig klar. Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Und das übernächste das überschwerste. Von dem danach will jetzt gar nicht erst anfangen, denn wir müssen nur von Spiel zu Spiel denken. Alles andere ist Kokolores.  Wir müssen uns immer auf das nächste schwerste Spiel vorbereiten und da alles in die Waagschale werfen. In dieser Liga kann ja jeder jeden schlagen. Sogar die, die hier gar nicht mitspielen. Nein, wir  müssen vor allem die Ordnung halten. So wie beim Einlaufen. Das sieht immer recht hübsch aus. Wir müssen hinten gut stehen, kompakt stehen, schnell umschalten und Geduld bewahren. 90 MInuten können verdammt lang sein. Wenn man da nicht aufpasst, ist das Spiel ganz schnell vobei.

 

(Anmerkung des Autors: Diese Geschichte ist zeitgleich auch bei www.wanderezwischendenwelten.de erschienen)

 

 

 

 

 

Land unter

Oktober 24, 2013 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes.

Ich lebe in einem Land. So weit, so gut. Jeder lebt in einem Land.
Ich lebe gut in diesem Land. Es gibt genug zu essen, es gibt ein Dach über dem Kopf, selbst mit einem kleinen Einkommen kann man auskommen. Es gibt viele Freiheiten, von denen andere Menschen, die in anderen Ländern leben, nur zu träumen wagen.
Und dennoch bin ich unzufrieden.
Was ist das für ein Land, in dem die berechtigten Nöte, Sorgen, Forderungen Schutzsuchender aus weniger privilegierten Ländern nur zu Randnotizen taugen, während die Prunksucht eines Religionskaspars ganze Leitartikel füllt? Was ist das für ein Land, das über die Qualitätsunterschiede zwischen Leitungswasser und abgefülltem Wasser nachdenkt, während Hunderttausende in den unsäglichsten Verhältnissen vertrocknen? Was ist das für ein Land, das angesichts hunderter verzweifelt nach einem würdigen Leben Suchender nichts weiter zu tun hat, als nach besseren Grenzkontrollen zu rufen? Was ist das nur für ein Land, das über der eigenen Nabelschau vergisst, dass es ohne all die anderen nur in der eigenen parfümierten Kloake das eigene kleine Heil preist?
Die Aufzählung könnte ich ewig weiterführen. Aber ich will nicht.
Ich bin müde.
Eines nahen Tages werde ich dieses Land verlassen. Ich weiß sogar schon, wohin ich gehen möchte.
Das Dumme ist nur, dass ich mich ja auch mitnehmen muss. Mich und meinen Unwillen über dieses Land, das meines ist und auch wieder nicht.