spree:geflüster

Gesehen. Gehört. Gelesen. Gefunden. Geschrieben.
Subscribe

Archive for the ‘GLitterarisches.’

Maskenball

Oktober 31, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Die Frauen ihrer Männer sterben aus

Ein bunter Regen biegt sich übers Meer

Wie eine Brücke. geht von Haus zu Haus

Die Kinder haben keine Eltern mehr

 

Und schwarze Männer fliegen auf den Mond

Der Fluss nimmt seine Arme aus dem Bett

Und taut die Wüsten auf. die er bewohnt

Die Sonne hockt im Zelt und lächelt nett

 

Und murmelt matt: ich mach doch alle gleich

Im Abendlicht. Die weißen Nebel glühn

Die weisen Steine werden leicht und weich

Und fangen („Träumen müssen!“) an zu blühn

 

Die Masken fallen. keine. die dir glich

Wenn ich dich doch nur sehen könnte. dich

 

______________________________________

Ode an den Frühling

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Kauft euch eine Frühlingsrolle“, empfahl ich ihnen.

Eine Humorredaktion lässt sich weder durch Lesereinsendungen noch durch vermeintlich komische Bemerkungen aus der Reserve locken.

„Eine frühlingshafte Reportage“, sprachen sie unbeirrt weiter, „der Frühling …“

„Welcher Frühling?“ fragte ich höflich. „Der Prager Frühling? Der Frühling von Berlin? Frühling in Paris? Der, der mit Brause naht, oder der, dem’s vor Banden flattert?“

„Finden Sie komisch, wie?“ fragten sie gelangweilt. „Wir brauchen den Frühling, dem Geist unseres Verlages entsprechend seriös und von einer höheren Warte aus betrachtet.“

„Aha“, nickte ich ins Telefon. „Wetterwarte also.“

Sie legten auf, bevor ich das Wort „Vorschuss“ zu Ende sprechen konnte.

 

Frühling!

Ich könnte ja so viel über den Frühling, von besseren Poeten auch Lenz genannt, schreiben, wenn es nicht schon andere getan hätten. Ich könnte natürlich auch ein Gedicht erstellen. Lautengesang und Minnespiel, Tanderadei – Ich greife zum Pegasus. Lauf, Muse, lauf!

 

Zehn erfolgreiche Anfänge, kein Gedicht zu machen

Es ist schwer, im Frühling nicht zu dichten.

Die Bäume hängen voll unbeschriebener Blätter.

Die Bäckergesellen singen dem Brot vor: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein.“

Die jungen Mädchen verführen die jungen Männer, sie zu verführen.

In den Bäumen steigt der Saft, in den Städten die Mieten.

Die Natur macht sich für Farbaufnahmen zurecht.

Die Mädchen bekommen Formen, die Knaben Pickel.

Die Menschen sind so lieb zueinander.

Frühling ist wie Weihnachten im Sommer.

Für jeden wächst ein grüner Zweig, auf den er kommen kann.

 

Ein Dichter müsste man sein.

Es gibt ja auch Dichter, auf deren Reime sich keiner einen Vers machen kann. Ich kannte mal einen, der bezeichnete zerhackte Prosa als Gedicht und hatte auch sonst einen abstrakten Charakter.

„Ihr Gedicht“, sagte ich zu dem, „ist kein Gedicht, sondern gedruckter Salat. Sind das eigentlich noch Verse?“

Er sah mich so an, wie ich von ihm dachte. „Erlauben Sie mal!“ sagte er, „ich bin ein Dichter! Ich mache alles per Vers.“

Im Frühling sollen die Bäume aus- und die Mode einschlagen. Zumindest auf die Bäume kann man sich verlassen: Es sprießt in Wald und Flur, außer in unserem; wir sind eine hygienisch einwandfreie Familie ohne Kinder oder andere Haustiere.

 

Frühlingserwachen mit Hindernissen

Deswegen lass den Lenz uns grüßen, hinaus in die Natur und hinein…

Ich mache die Tür wieder zu. Draußen regnete es. Kalter Nieselregen. Regen! Jetzt! Im Frühling!

Zweiter Versuch. Ich blickte den Himmel so böse an, dass er heftiger zu weinen begann. „Das hättest du nicht tun dürfen“, sagte meine Freundin vorwurfsvoll.

Ein Pärchen umsteuerte vorsichtig die Pfützen und nieste sich liebevoll an. Die Vögel in den Ästen piepsten heiser und melancholisch vor sich hin.

Im Frühling gerät die Natur aus dem Wetterhäuschen. Drei Monate hat der Frühling, aber meist ist es April. Im Frühling geben die Meteorologen die Ankunft eines kräftigen Hochs oder eines ausgedehnten Tiefs bekannt. Beide sind meist nass.

Der Nachbar von nebenan klingelte und fragte, ob bei uns auch so schlechtes Wetter wäre und was man dagegen tun könne. Ich brach lautlos zusammen.

Böse Leute behaupten, die Luft in unserer Straße sei so gut, weil unser Nachbar meist die Fenster geschlossen halte.

„Machen Sie doch auch einmal eine Knoblauchkur“, empfahl er mir, als ich aus der Narkose erwachte. „Das macht munter. Blutreinigung, Entschlackung, das bringt den Kreislauf in Schwung.“

Ich war einer zweiten Ohnmacht nahe, aber der Nachbar öffnete eine Flasche selbstverdünntem Apfelwein den Hals.

„Die Liebe!“ Er nahm den Gesichtsausdruck an, den manche Leute für geistvoll halten. „Die Liebe ist die eigentliche Frühjahrskrankheit. Und dagegen gibt es keine Kur.“

Wir beschlossen, die Liebe zu suchen. An der Tür blieben wir stehen. Es regnete immer noch.

 

Der Frühling verläuft im Wasser

„Es regnet immer noch“, sagte meine Freundin und hielt mir anklagend die nasse Hand unter die Nase.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was Liebespärchen im Regen machen. Wahrscheinlich werden sie nass.

Ich kann mich noch dunkel an einen Frühling erinnern, der so war, wie er hieß. Vielleicht habe ich’s aber auch nur irgendwo gelesen. Da kamen die Mai- und andere nette Käfer vor. Da wurden die Schneeglöckchen auch ohne Schnee groß.

Da übten sich die Liebespärchen in einer Sprache, in der sie später mit ihren zweijährigen Kindern sprechen werden.

Telefon. „Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Gewiss“, knurrte ich. „Ich schreibe  gerade eine ulkige Geschichte, wie ein schüchterner junger Mann bei strömendem Regen …“

„Den Wetterbericht können wir in der Zeitung lesen“, meinten sie. „Optimismus! Lebensfreude! Frohe Zukunft! Lerchengesang“ Liebe! Waldesduft! Das sanfte Säuseln der …“

Ich legte traurig den Hörer auf..

„Was kann trauriger sein als dieses Frühlingswetter“, weinte ich. Eines weiß ich bestimmt: Wenn ich einmal eine Geschichte über den Herbst brauche, nehme ich die vom Frühling.

Meine Freundin stieß einen schrillen Freudenschrei aus.

„Das glaubst du nicht! Es hat aufgehört zu regnen!“

Ich sprang auf, kämmte mir die Haare und band mir eine Ausgehkrawatte um.

„Großartig! Tatsächlich? Im Ernst?“

„Bestimmt“, sagte sie. „es regnet nicht mehr. Es schneit.“

Der Schneefluch

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Eine Reportage?“ fragte ich nochmals.

„Ja!“

„Über den Winter?“

„Ja!“

„Jetzt? Bei der Kälte?“

„Ja!“

„Nun denn“, seufzte ich mutig. „Des Reporters Los ist hart. Nur, ich kann – also um es mal sozusagen so zu sagen: Ich habe mir mal sechs Zehen erfroren, und nun…“

„Na und?“ fragte der Redakteur unbeeindruckt. „Schreiben Sie mit den Füßen?“

Die Meteorologen bezeichneten es vornehm als das tiefste Tief, dass es jemals an einem 10. Dezember gegeben habe. Sie sagten es so stolz, als hätten sie es selbst gemacht.

Ganz uralte Leute erzählen gern noch, wie schön kalt die Winter früher waren, damals, vorm Krieg. Sie klappern heute noch mit den Zähnen, wenn sie daran denken, wenn es auch nicht mehr die gleichen Zähne sind.

Ich kenne eine Menge Leute, die schwärmen für einen richtigen Winter. Kohlen- und Stromhändler, Gastwirte und Schlittschuhschleifer.

Der Winter kann ja so schön sein.

Schnee! Nasser, überstiefelrandhoher Schnee. Und Frost, so ein knackender Nachtfrost, Bodenfrost, Feinfrost oder Schüttelfrost!

Und dann nicht ‘raus müssen, sondern am Ofen sitzen und Grog trinken.

Mit den Heizungskosten geht es aufwärts und mit den Skiläufern abwärts. Die Menschen verhüllen ihre Reize und sehen trotzdem gut aus, viele sogar besser.

Ein Eisbärjunges verwünscht zitternd seine Eltern.

Im Winter haben Schnapstrinker eine glänzende Ausrede, und auch eine rote Nase fällt nicht mehr auf.

Menschen ohne Zentralheizung waschen sich morgens nicht mehr gern.

Die Hunde frieren an den Bäumen fest.

„Man müsste mal dahin fahren, wo der Winter am winterlichsten ist“, sagte meine Freundin.

„Alaska oder Sibirien?“ fragte ich ängstlich.

Wir einigten uns auf den Fichtelberg. Deswegen, weil da immer Schnee liegen soll, und aus sentimentalen Gründen, weil der Fichtelberg das Höchste war, was man in der DDR erreichen konnte.

Schicksal auf der Landstraße. Erst auf Glatteis, dann mit Grundeis. An der Ostsee, wo kein Mensch Auto fährt, lassen sie den Sand dünenweise herumliegen, aber hier…

Als wir uns vom letzten Baum erholt hatten, trat ich auf die Bremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich zerrte an der Handbremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich gab Gas. Die Räder wühlten sich ein bequemes Bett in den Schnee. Der Wagen stand.

„Jetzt müssen wir schieben“, weissagte meine Freundin. „Versuchen wir’s mal. Ein bisschen frische Luft wird dir gut tun.“

Die frische Luft bewegte sich mit hundert Stundenkilometern die Straße entlang und schoss mit kleinen Eisnadeln. Ich schob, sie dirigierte.

Wind, Schnee, Schnee, Schnee. Der Winter steckte mitten in den Wehen. Mein Ischiasnerv erwachte aus dem Sommerschlaf.

Ich knirschte mit den Zähnen, der Schnee mit meinen Schuhen. Der Wagen sprang an.

An der Seilbahn hing ein Schild: „Auf- und Abspringen während der Fahrt verboten!“

„Hat das schon mal einer versucht?“ wollte meine Freundin wissen.

„Immer nur einmal“, sagte der Schaffner traurig. „Aber sehen Sie da drüben die zersplitterte Fichte?“ Er nahm die Mütze ab und legte sein Gesicht in kondolierende Falten.

Unter solch fröhlichen Erzählungen schwebte die Bahn in die Höhe. Bei jedem Windstoß schwankte sie aufregend.

Wir waren eintausendzweihundert Meter über dem Meeresspiegel. Im Tal wehte ein leichtes Lüftchen. Hier oben tobte der Wind in freier Wildbahn. Irgendwo habe ich mal Bilder gesehen, da liefen die Menschen in Badebekleidung oder mit noch weniger Ski. Am Fichtelberg müssten sie wenigstens Socken anziehen.

Ein dickes Ehepaar rutschte auf den Hintern den Berg hinunter. Vielleicht sah man auch bloß den Schlitten nicht.

Ich setzte mich auf einen verschneiten Baumstumpf. Er kippte um. Die Skiläufer waren später im Tal als ich.

Ein einsamer Grippebazillus trampelt in meiner Nase herum.

Eine Baude versöhnt einen mit dem härtesten Winter. Die Leute waren mir alle gleich sympathischer, wenn sie keinen Wintersport mehr trieben.

„Zwanzig Grad Kälte sind draußen“, sagte ein Herr am Nebentisch und trank pro Grad einen Doppelten.

Dann unterhielten sie sich über die Möglichkeiten, den absoluten Nullpunkt zu erreichen. Entweder waren es Politiker oder Ökonomen.

Der Wind heult um die meteorologische Station. Hier fühlt er sich, hier wird er gemessen, registriert und als Vorhersage nach Berlin geschickt.

Meine Freundin ist im Nebel von der Sprungschanze gefallen.

Mein einsamer Bazillus hat neue Freunde gefunden. Jetzt habe ich Husten, ein paar erfrorene Zehen und eine angehende Mittelohrentzündung.

Ich mache mir eben nichts aus dem Winter.

Das Ferngespräch aus Berlin habe ich ignoriert. Soll der doch mal von seinem Schreibtisch aufstehen und seine Reportagen allein schreiben. Bei zwanzig Grad!

Vorhin kam eine Karte.  Von ihm.

„Habe Sie leider nicht erreicht. Musste daher Reportage in Kairo selbst übernehmen. Angenehme zwanzig Grad hier.

Frost Neujahr!“

Kaum zu glauben

Januar 19, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Wir saßen so fröhlich beisammen und tranken.

Gewiss, man kann Grippebazillen auch mit Tee bekämpfen. Aber stellt euch doch mal ein knappes Dutzend Männer vor, erwachsene, kräftige Männer, die richtige Männergespräche führen, sich lachend auf die Schenkel schlagen und dazu Fliedertee trinken! Das ist einfach ein Stilbruch.

Wir tranken einen schönen Grog, und glaubt mir, Freunde, das ist eine gute Sache! Schädlich daran ist nur das viele Wasser, das die meisten Leute hinein schütten.

Ich war der Außenseiter in diesem Kreise, die anderen – Innenseiter, gibt’s so was? – waren alles Sportler. Ja, ich weiß, Sportler trinken keinen Alkohol, es war ja auch nur wegen der Bazillen.

Seit Jahren warte ich auf die Gelegenheit, ein Erlebnis zu erzählen, das etwas unwahrscheinlich klingt, eine einmalige, bisher noch von keinem Menschen vernommene Angelegenheit. (Oder kennt ihr die Geschichte schon?) Hier war der richtige Ort dafür, die richtige Zeit, die fachkundige Zuhörerschaft…

„Im vorigen Winter“, begann ich, „ging ich eines Nachmittags…“

„Darf ich mal unterbrechen?“ unterbrach mich Fred. „Aber wenn ich Winter höre, fällt mir so eine Sache, hahaha, die muss ich unbedingt…“

Weil er unbedingt musste, verzieh ich ihm. Er hustete kurz und fragte uns, was wir vom Eisbaden hielten.

„Sehr erfrischend“, sagte ich. „Vor allem im Sommer.“

Sie fanden den Witz nicht gut, es wäre ein lauer Witz der Kategorie K, also ein K-Lauer. Fred räusperte sich wieder präludierend. „Ein Freund von mir ist ein leidenschaftlicher Bader.“

„Friseur“, übersetzte ich in die moderne Umgangssprache.

„Eisbader“, verbesserte Fred freundlich-verärgert. „Wir haben manches Loch gehackt, unerschrocken tauchten wir in das eisige Wasser, mutig…“

– „und kaltblütig“, ergänzte ich.

„Ihr wisst, ich schrecke vor nichts zurück“, sagte Fred bescheiden, „aber an dem Tag … an dem Tag …“, er seufzte und trank, „an dem Tag war es so kalt – achtunddreißig Grad! Hättet ihr da…?“

Wir tranken erschrocken und sagten, wir hätten auch nicht. Fred schien etwas getrösteter. „Aber mein Freund wollte unbedingt ins Eiswasser. Wir brauchten zwei Stunden und vierundzwanzig Minuten, um das Loch ins Eis zu hacken, vier Mann arbeiteten daran. Mein Freund stieg hinunter, wir liefen umher, gingen nach zehn Minuten zu dem Eisloch zurück, und stellte euch vor…“, (Spannung, Spannung!) „es war weg!“

Ich tat einen schnellen Zug aus meinem Glas, einen Eilzug. „Weg?“

„Ja. Zugefroren. Nichts mehr zu sehen, die glatte Eisfläche.“

Wir schauten schweigend in unsere Gläser. Traurig, denn sie waren leer. „Und wie“, fragte einer vorsichtig, „habt ihr – ich meine, hat man später … im Sommer…?“

„Wir fanden ihn zehn Minuten später“, sagte Fred ruhig. „Lebend. Wir suchten einfach die Stelle, an der er gerade unter dem Eis herum schwamm.“

„Aha“, nickten wir zweifelnd.

„Mit einem Geigerzähler“, ergänzte Fred.

So, Geigerzähler. Na, dann war ja alles klar. So ein Eisbadener nimmt seine Violine mit und man selbst hat selbstverständlich immer einen Geigerzähler dabei.

„Mein Freund“, erklärte Fred geduldig, „hatte vorher eine Tablette gegessen, die Isotope enthielt, und ihr wisst ja, die Strahlungen…“

Natürlich, damit war die Sache geklärt. Damit mussten sie ihn ja finden. Wir tranken beruhigt weiter, und ich begann: „An jenem Nachmittag also, im Winter…“

Karl stieß mich freundlich an. „Wenn ich Nachmittag höre, muss ich immer an einen Nachmittag denken – darf ich das rasch mal erzählen?“

Bevor ich sagen konnte, dass er eigentlich nicht durfte, fing er schon an: „Wenn ich sagte, an einem Nachmittag im Winter, so stimmt das nicht ganz, es war eigentlich ein Vormittag im Sommer und wir trainierten auf dem Tennisplatz und der Oskar – ihr kennt doch Oskar?“

Wir nickten alle, wie man es bei einer solchen Frage immer macht, wenn man von dem Betroffenen noch nie gehört hat.

„Der Oskar…“, Karl stockte, überlegte, „sagt mal, wisst ihr eigentlich, wo der Habicht herkommt, der in unserem Klubhaus hängt?“

Wir tranken und sagten, wir hätten nicht die geringste Ahnung.

„Dachte ich mir“, sagte Karl zufrieden. „Der kommt daher, weil Oskar an dem Tag, an dem Vormittag…“

„…im Sommer“, vervollständigte ich.

„…weil Oskar da einen Rückhandschlag schmetterte… Ihr wisst, ich erwische jeden Ball, doch diesen, nein, der kam wie ein Überschallturbopropraketendüsenjäger angeschossen, prallte auf die Grundlinie, sauste senkrecht hoch und …“

Kunstpause. Wir hingen an seinen Lippen.

„…und herunter kam der Habicht“, berichtete Karl ruhig. „Tot.“

„Sehr gut“, grinste ich. „Da mache ich eine Geschichte draus.“

Ich hätte nie geglaubt, dass sich erwachsene Männer so aufregen können. Ob ich auch nur im Geringsten daran zweifelte, dass alles stimme, was hier erzählt werde, bis auf’s Komma…“

Sie waren zehn, ich war einer. Ich glaubte.

„An jenem Nachmittag“, erzählte ich, um sie zu beruhigen, „im  Winter, ging ich…“

Bei dem „ging ich“ erinnerte sich Emil an eine ganz tolle Geschichte, die er unbedingt loswerden musste.

Das war bei einem Langstreckenlauf, über ich weiß nicht mehr wie viele Kilometer, ich glaube zweimal um den Äquator, und da fiel es Emil plötzlich auf, dass seine Schuhe so drückten, er spürte jeden Stein durch die Schuhsohlen hindurch, aber er hatte natürlich keine Zeit, die Schuhe auszuziehen. Die Verfolger waren ihm auf der Achillesferse, und erst am Ziel…

„Stellt euch das mal vor, da hatte ich mir doch die Schuhsohlen total durchgelaufen und den ganzen Weg barfuß zurückgelegt.“

Ich schluckte das herunter und spülte mit Grog nach.

„Es war, wie gesagt, im Winter“, startete ich einen erneuten Versuch, „an einem Nachmittag, der Schnee lag…“

„Schnee“ war das Stichwort für Dieter, den Alpinisten. Der war beim Skispringen in einen Aufwind geraten…

„…ich breitete die Arme aus und stieg immer höher, wie ein Vogel, und bestimmt wäre ich abgestürzt, zerschmettert…“

Wir tranken erschrocken.

„…wenn mich nicht ein des Weges kommendes Flugzeug aufgenommen hätte.“

Ich hörte mir noch sieben gleichwertige Sporterlebnisse an.

Dann kam ich endlich an die Reihe.

„An jenem Nachmittag also, im vorigen Winter, wollte ich mal an die frische Luft gehen. Vor meiner Tür lag eine Schneewehe von zwei Metern Höhe…“

Die Blicke. Verachtung. Kopfschütteln. Enttäuschung.

„Dass diese Anfänger“, sagte einer, „doch immer so maßlos übertreiben müssen.“

Es war nicht alles schlecht (1980)

Mai 26, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Gefunden., GLitterarisches.

Man mag es kaum glauben, aber es gab in der DDR doch Dinge, die es gab. Jahreszeiten zum Beispiel. Wir hatten damals vier verschiedene, und die Älteren unter uns können sich vielleicht noch daran erinnern.

Eine dieser Jahreszeiten nannte sich “Frühling” und war ungefähr zwischen einem knackigen Winter und einem schönen, sonnigen Sommer angesiedelt. Ein (mir) unbekannter Verfasser beschrieb das in folgendem kleinen Gedicht.

(Leider konnte dieser dreiste Dissident sich nicht zurückhalten, auch in solch schönen Momente von Fehlendem zu träumen. Aber er sollte ja Recht behalten.)

 

Früh links Erwachen

 

Der Herbst ist da! Nach Liebe lechzen

alle Mädchen über sechzehn.

Die Rehe treten alle aus

dem Wald, und keiner bleibt zu Haus’.

 

Die Bienen kommen alle nieder,

die Gammler waschen sich mal wieder,

der Saft, der steigt bei jungen und bei alten

Bäumen (Komma) der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.

 

Wir haben EDV und Müllcontainer, das ist fein.

Wir haben die Pille und der Storch beißt jetzt umsonst ins Bein.

Wir haben sogar Farbfernsehn mit PAL.

Und bald gibt es auch Fliesen und ein kleines bisschen Aal.