spree:geflüster

Gesehen. Gehört. Gelesen. Gefunden. Geschrieben.
Subscribe

Archive for the ‘GLitterarisches.’

Februarsonett

Februar 29, 2016 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Wohin? fragst du, wenn alle Brücken brechen

Wenn du zerreißt, wenn Worte uns durchstechen

Wenn deine Augen meinen Blick verbrennen

Wenn wir uns auf der Straße nicht erkennen

 

Wenn Finger sich wie Rohre auf uns richten

Wenn Mündungsfeuer in den Fenstern blitzen

Und wieder wir auf Zärtlichkeit verzichten

Weil Bajonette uns die Haut aufritzen

 

Wenn sich am Himmel AscheWolken ballen

Wenn deine Lippen sich in meine krallen

Wenn unsre Körper aneinander kleben

Wenn wir nicht sterben und nicht leben

 

Wohin? fragst du, ich schreie stumm. Wir weinen

Bis in den Morgen. Alle oder keinen

Zwei Seelen

November 26, 2013 von Gastautor abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Unser heutiger Gastautor Sven Brunner musste sich etwas von der Seele schreiben. Von zwei Seelen, um genauer zu sein:

 

Zwei Seelen, zu verschieden, um sich zu treffen,
ziehen ihre Bahnen,
auf der Suche nach Geborgenheit,
auf der Suche nach dem Sinn

Zwei Seelen, zu verschieden, um sich zu treffen,
die eine schwarz, die andere weiß,
unterbrechen manchmal ihre Bahnen,
fühlen sich manchmal gleich,
um sich zu entfernen in die Ewigkeit

Zwei Seelen, zu verschieden, um sich zu treffen,
kommen auch zurück,
kreuzen ihre Bahnen,
was nicht immer Gutes heißt,
da die Nähe Wunden reißt

Zwei Seelen, auf dem Weg, um sich zu treffen
Zwei Seelen, auf dem Weg, um sich zu fressen.
auf der Suche nach dem Grau,
auf der Suche nach sich selbst

Ich bin so schüchtern

September 10, 2013 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

(Es gab drei Menschen, die mich aufforderten, diesen Text wiederholt zu lesen. Allein, ich war zu schüchtern dazu. Daher das Ganze jetzt in voller Länge, hier und zum selber Lesen.)

 

Ich bin so schüchtern

Wer mich liest, glaubt das vielleicht gar nicht.

Mehrere führende Psychiater mussten sich nach dem Versuch, mein Seelenleben zu renovieren, selbst in psychologische Behandlung begeben; so viele Hemmungen und Komplexe habe ich.

Ich muss mir immer erst lange und energisch zureden, wenn ich ein Haus betreten muss, in dem ich noch nie vorher gewesen war.

Das ist der Häuserkomplex.

Auch wenn ich auf ein Amt oder ähnliches komme, wenn ich da vor der Tür stehe, bevor ich dann … also am liebsten würde ich wieder … und so geht mir das jedes Mal.

Ich klopfe sogar vorsichtig an, bevor ich mein eigenes Zimmer betrete. Dann lasse ich mich erst eine Weile draußen warten, ehe ich zaghaft „Herein!“ rufe.

So schüchtern bin ich.

Noch schüchterner bin ich, wenn ich mit Frauen zusammen in einem Raum bin.

Obwohl ich sehr gern, bloß, …,  es ist immer wieder …

Ach, wie ich die Männer beneide, die mit energischem Gang und lässigen Gesten Mädchenherzen bezaubern und mit weltmännisch geistlosem Quatsch den Verstand der Damen benebeln.

Ich bringe es nie fertig, solch einen Unsinn zu reden.

Ich bin zu schüchtern.

Kürzlich musste ich zu einer Geburtstagsfeier. Viele Leute, wenig Menschen, viele Frauen. Besonders die Eine.

Sie sah mich an und lächelte. Ich schlug vor Schreck die Augen nieder und starrte auf ihr Dekolleté.

Männer umschwärmten sie. Männer mit Charakterköpfen, Männer von Bedeutung, Männer mit Weltniveau. Komplimente, Liebeserklärungen, Süßholz auf bitterem Reis.

Ich war zu schüchtern.

Nach dem Essen fand ich sie im Wintergarten, hinter Topfpalmen und Schlingpflanzen.

„Sie haben mir nicht ein einziges Kompliment gemacht“, schmollte sie.

„Ich bin so schüchtern“, stotterte ich, „aber wenn ich ein Maler wäre, wären Sie mein schönstes Modell.“

Sie wurde rot und verlegen und ich auch, und weil ich vor Verlegenheit keine Worte mehr fand, nahm ich sie in die Arme und küsste sie.

Tatsächlich!

Große, erschrockene Augen. „Das hat noch keiner bei mir gewagt!“

“Glaube ich“, gab ich zu, „andere sind ja auch nicht so schüchtern.“

Nach der Feier durfte ich sie nach Hause bringen.

Haustür. Abschied.

Ich mache mir nichts aus Tee, ich wollte nur nicht nein sagen. Zu schüchtern.

Sie ging ins Nebenzimmer und kam in einem Morgenmantel wieder. Obwohl es Abend war, störte mich das nicht. Sie setzte sich neben mich auf die Couch, die Beine angezogen, die Seide glitt zur Seite.

Natürlich hätte ich ihre Beine wieder zudecken können, ich traute mich nur nicht.

Sie wissen ja …

Sie lehnte sich weit zurück und seufzte leise. Vielleicht hatte sie ja Zahnschmerzen. Noch hätte ich ja gehen können, aber ich war zu schüchtern dazu. Außerdem lagen ihre Arme um meinen Hals.

Seit zwei Monaten sehen wir uns jeden Tag.

Ich glaube beinahe, sie mag mich.

Ich würde sie gerne mal fragen.

Aber ich bin zu schüchtern.

Maskenball

Oktober 31, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Die Frauen ihrer Männer sterben aus

Ein bunter Regen biegt sich übers Meer

Wie eine Brücke. geht von Haus zu Haus

Die Kinder haben keine Eltern mehr

 

Und schwarze Männer fliegen auf den Mond

Der Fluss nimmt seine Arme aus dem Bett

Und taut die Wüsten auf. die er bewohnt

Die Sonne hockt im Zelt und lächelt nett

 

Und murmelt matt: ich mach doch alle gleich

Im Abendlicht. Die weißen Nebel glühn

Die weisen Steine werden leicht und weich

Und fangen („Träumen müssen!“) an zu blühn

 

Die Masken fallen. keine. die dir glich

Wenn ich dich doch nur sehen könnte. dich

 

______________________________________

Ode an den Frühling

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Kauft euch eine Frühlingsrolle“, empfahl ich ihnen.

Eine Humorredaktion lässt sich weder durch Lesereinsendungen noch durch vermeintlich komische Bemerkungen aus der Reserve locken.

„Eine frühlingshafte Reportage“, sprachen sie unbeirrt weiter, „der Frühling …“

„Welcher Frühling?“ fragte ich höflich. „Der Prager Frühling? Der Frühling von Berlin? Frühling in Paris? Der, der mit Brause naht, oder der, dem’s vor Banden flattert?“

„Finden Sie komisch, wie?“ fragten sie gelangweilt. „Wir brauchen den Frühling, dem Geist unseres Verlages entsprechend seriös und von einer höheren Warte aus betrachtet.“

„Aha“, nickte ich ins Telefon. „Wetterwarte also.“

Sie legten auf, bevor ich das Wort „Vorschuss“ zu Ende sprechen konnte.

 

Frühling!

Ich könnte ja so viel über den Frühling, von besseren Poeten auch Lenz genannt, schreiben, wenn es nicht schon andere getan hätten. Ich könnte natürlich auch ein Gedicht erstellen. Lautengesang und Minnespiel, Tanderadei – Ich greife zum Pegasus. Lauf, Muse, lauf!

 

Zehn erfolgreiche Anfänge, kein Gedicht zu machen

Es ist schwer, im Frühling nicht zu dichten.

Die Bäume hängen voll unbeschriebener Blätter.

Die Bäckergesellen singen dem Brot vor: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein.“

Die jungen Mädchen verführen die jungen Männer, sie zu verführen.

In den Bäumen steigt der Saft, in den Städten die Mieten.

Die Natur macht sich für Farbaufnahmen zurecht.

Die Mädchen bekommen Formen, die Knaben Pickel.

Die Menschen sind so lieb zueinander.

Frühling ist wie Weihnachten im Sommer.

Für jeden wächst ein grüner Zweig, auf den er kommen kann.

 

Ein Dichter müsste man sein.

Es gibt ja auch Dichter, auf deren Reime sich keiner einen Vers machen kann. Ich kannte mal einen, der bezeichnete zerhackte Prosa als Gedicht und hatte auch sonst einen abstrakten Charakter.

„Ihr Gedicht“, sagte ich zu dem, „ist kein Gedicht, sondern gedruckter Salat. Sind das eigentlich noch Verse?“

Er sah mich so an, wie ich von ihm dachte. „Erlauben Sie mal!“ sagte er, „ich bin ein Dichter! Ich mache alles per Vers.“

Im Frühling sollen die Bäume aus- und die Mode einschlagen. Zumindest auf die Bäume kann man sich verlassen: Es sprießt in Wald und Flur, außer in unserem; wir sind eine hygienisch einwandfreie Familie ohne Kinder oder andere Haustiere.

 

Frühlingserwachen mit Hindernissen

Deswegen lass den Lenz uns grüßen, hinaus in die Natur und hinein…

Ich mache die Tür wieder zu. Draußen regnete es. Kalter Nieselregen. Regen! Jetzt! Im Frühling!

Zweiter Versuch. Ich blickte den Himmel so böse an, dass er heftiger zu weinen begann. „Das hättest du nicht tun dürfen“, sagte meine Freundin vorwurfsvoll.

Ein Pärchen umsteuerte vorsichtig die Pfützen und nieste sich liebevoll an. Die Vögel in den Ästen piepsten heiser und melancholisch vor sich hin.

Im Frühling gerät die Natur aus dem Wetterhäuschen. Drei Monate hat der Frühling, aber meist ist es April. Im Frühling geben die Meteorologen die Ankunft eines kräftigen Hochs oder eines ausgedehnten Tiefs bekannt. Beide sind meist nass.

Der Nachbar von nebenan klingelte und fragte, ob bei uns auch so schlechtes Wetter wäre und was man dagegen tun könne. Ich brach lautlos zusammen.

Böse Leute behaupten, die Luft in unserer Straße sei so gut, weil unser Nachbar meist die Fenster geschlossen halte.

„Machen Sie doch auch einmal eine Knoblauchkur“, empfahl er mir, als ich aus der Narkose erwachte. „Das macht munter. Blutreinigung, Entschlackung, das bringt den Kreislauf in Schwung.“

Ich war einer zweiten Ohnmacht nahe, aber der Nachbar öffnete eine Flasche selbstverdünntem Apfelwein den Hals.

„Die Liebe!“ Er nahm den Gesichtsausdruck an, den manche Leute für geistvoll halten. „Die Liebe ist die eigentliche Frühjahrskrankheit. Und dagegen gibt es keine Kur.“

Wir beschlossen, die Liebe zu suchen. An der Tür blieben wir stehen. Es regnete immer noch.

 

Der Frühling verläuft im Wasser

„Es regnet immer noch“, sagte meine Freundin und hielt mir anklagend die nasse Hand unter die Nase.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was Liebespärchen im Regen machen. Wahrscheinlich werden sie nass.

Ich kann mich noch dunkel an einen Frühling erinnern, der so war, wie er hieß. Vielleicht habe ich’s aber auch nur irgendwo gelesen. Da kamen die Mai- und andere nette Käfer vor. Da wurden die Schneeglöckchen auch ohne Schnee groß.

Da übten sich die Liebespärchen in einer Sprache, in der sie später mit ihren zweijährigen Kindern sprechen werden.

Telefon. „Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Gewiss“, knurrte ich. „Ich schreibe  gerade eine ulkige Geschichte, wie ein schüchterner junger Mann bei strömendem Regen …“

„Den Wetterbericht können wir in der Zeitung lesen“, meinten sie. „Optimismus! Lebensfreude! Frohe Zukunft! Lerchengesang“ Liebe! Waldesduft! Das sanfte Säuseln der …“

Ich legte traurig den Hörer auf..

„Was kann trauriger sein als dieses Frühlingswetter“, weinte ich. Eines weiß ich bestimmt: Wenn ich einmal eine Geschichte über den Herbst brauche, nehme ich die vom Frühling.

Meine Freundin stieß einen schrillen Freudenschrei aus.

„Das glaubst du nicht! Es hat aufgehört zu regnen!“

Ich sprang auf, kämmte mir die Haare und band mir eine Ausgehkrawatte um.

„Großartig! Tatsächlich? Im Ernst?“

„Bestimmt“, sagte sie. „es regnet nicht mehr. Es schneit.“