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Die sieben Söhne der Frau Woche (II)

August 18, 2009 von Peter Dessin Abgelegt in Geschrieben., GLitterarisches.

Der Dienstag

Am nächsten Tag stand ich früh auf, bereit, sofort in den nahegelegenen Park zu laufen und dort die Brüder zu treffen.

„Was für ein Tag ist heute?“ fragte ich meine Mutter. „Heute ist Dienstag“, antwortete sie mir. Ich freute mich, denn heute würde mir bestimmt der Dienstag eine Geschichte erzählen.

Es vergingen endlose Stunden, bis es endlich Nachmittag war und ich zu meinen neuen Freunden laufen konnte. Im Park angekommen, wurde ich bereits erwartet. Mit Erstaunen bemerkte ich, dass der Montag, der ja gestern der Älteste war, heute der jüngste zu sein schien. Die Brüder bestätigten meine Be­obachtung. Sie versuchten, es mir zu erklären:

„So geht es jeden Tag weiter, jeder Tag folgt dem anderen und rückt an die Stelle des Voraus­eilenden. “ Nachdem ich ja gestern schon das ei­genartige Wettlaufen gesehen hatte, leuchtete mir die Erklärung ein. Ich setzte mich zu ihnen ins Gras, den Dienstag auffordernd: „Bitte, Dienstag, erzähl’ mir eine Geschichte!“

Der ließ sich nicht lange bitten und fing sofort an: „Als ich noch ein kleiner Junge war, so wie du“ – ich versuchte zu protestieren, aber er winkte nur ab – „sah ich zwei Zwerge, die ständig aneinander herum zerrten. Wollte der Eine da entlang, war’s dem Anderen nicht recht, wollte der Andere vorwärts, zog der Eine ihn zurück.“

„Warum geht dann nicht einfach jeder seinen eigenen Weg?“ fragte ich. „Das fragte ich die beiden auch, und ich will es dir erzählen“, entgegnete der Dienstag. Und er fuhr fort:

„Vor langer Zeit gab es zwei Brüder, ungefähr in deinem Alter, die ständig miteinander rangel­ten. Von früh bis spät stritten sie sich – mal um ein Bonbon, mal um die Malkreide oder darum, wer zuerst den Ball hatte. Ihre Mutter konnte es ihnen nie recht machen, wollte der eine in den Zoo, schrie der andere, dass er in den Zirkus will. Irgendwann ergab es sich, dass der berühmte Richter Herr Bert Rosendorfer in die Stadt kam, und die Mutter packte die beiden Streithähne und ging zu ihm. Der ehrenwerte Herr Rosendorfer hörte sich geduldig die Klagen der ratlosen Mutter an. Er fragte die Kinder, was sie zu ihrer Verteidigung vorbringen könnten, aber jeder schob nur die Schuld auf den anderen. Endlich riss auch dem Richter der Gedulds­faden: ‚Da ihr Brüder seid und miteinander aus­kommen solltet, will ich euch eine Lehre erteilen’, sprach er zu den Buben. ‚Fortan sollt ihr als me­chanische Zwillinge eure Tage verbringen, bis ihr Einsicht gezeigt habt und euch vertragt.’“

Der Dienstag machte eine lange Pause und sah mich vielsagend an. „Was sind mechanische Zwillinge?“ wollte ich wissen.

Er erklärte es mir: „Mechanische Zwillinge sind wie Uhren – sie müssen immer wieder aufs Neue aufgezogen werden. Aber anders als bei Uh­ren weiß bei den Zwillingen niemand, wie das geht, außer der jeweils andere. Jeder mechani­sche Zwilling funktioniert genau zwölf Stunden lang und muss dann von dem anderen aufgezo­gen werden, immer im Wechsel. So können sie nie voneinander weg, denn wenn einer versäumt, den anderen aufzuziehen, sind sie beide zum alsbaldigen Stehen bleiben verurteilt.“

„Oh je“, seufzte ich, „das ist ganz schön blöd. Warum vertragen sich die beiden nicht endlich?“ „Das ist eine gute Frage“, antwortete mir der Dienstag, „aber anscheinend bist du schon klü­ger als die beiden in ihrer Pein.“

Ich war sehr froh darüber und wollte noch eine Geschichte hören. Der Dienstag aber sah auf seine Uhr und meinte nur, dass es schon zu spät sei, ich aber am nächsten Tag hören könne, was der Mittwoch für eine Geschichte zu erzäh­len hat.

Ich versprach also, wieder zu kommen, und lief eiligst nach Hause.

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