spree:geflüster

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Eigentlich!

Januar 13, 2010 von Bunki Abgelegt in Geschrieben., GLitterarisches.

„Eigentlich will ich es auch nicht.“

Der leise, sanfte Wiener Klang ihrer Stimme, die ihn sanft umsäuselte und ihm sonst schon mal die Sinne vernebelte, machte die Sache nicht viel besser. Nicht im geringsten. Hatte er nicht gerade gesagt, was er auf keinen Fall wollte? Und ziemlich deutlich sogar.

Und dann das.

Eigentlich!!

Ihr konnte das doch auch nicht in ihre Lebensplanung passen. Man kannte sich doch gar nicht, oder? Jedenfalls nicht wirklich.

Man war  kurz aufeinandergetroffen wie zwei Planeten, die auf ihren einsamen Bahnen durchs All sehenden Auges unkontrollierbar miteinander kollidieren. Gab dann zwar jedes Mal ein paar heftige Turbulenzen. Aber nach dem Aufprall sollte doch jeder wieder seine eigenen Bahnen ziehen.

Eigentlich! Das war alles, was er denken konnte. Eigentlich!

Ein Wort, dass sich wie Donnerhall in sein Gedächtnis grub. Panik stieg in ihm auf. Die Gedanken spielten in seinem Kopf Tennis. Nur dass  er keinen einzigen Ball erwischte. Keinen einzigen verdammten, verfluchten Ball. Strike!

Eigentlich!

Wie war er bloß hier reingeraten? Er fühlte, wie eine Schweißperle seinen Rücken runterlief. Mitten das Rückgrat entlang. Er spürte sie nicht nur, er sah sie förmlich vor seinem geistigen Auge. War das hier eigentlich schon immer so heiß gewesen, oder ist es ihm nur nicht aufgefallen? Ein zweiter Tropfen folgte dem ersten gleich hinter, spielte munter Ringelreihen mit seinem Vorgänger und versuchte dann am Hosenbund vorbei in eine behagliche Zwischenwelt zu tauchen.

Nicht noch eins! Wie soll das gehen? Er hatte für das Erste schon genug zu zahlen. Und was viel schlimmer wäre, er könnte sich doch nicht zerreißen. Wo sollte er denn bloß die ganze verdammte Zeit hernehmen? Er sah doch eh schon zu wenig von seiner Kleinen.

Eigentlich. Verflucht. Selber schuld. Er musste  sie ja unbedingt anquatschen. Verflixte Hormone. Alles nur Primaten. Ewig gesteuert durch die eigenen Triebe. Dabei hätte die Bierflasche, die ihm im Club aus der Hand rutschte, eine Warnung sein sollen. Genug für heute, wisperte der Engel. Nimm sie Dir, tönte der Gegenpart und obsiegte.

Sie hatte irgendetwas mit Reihenhäusern zu tun! Verkaufen, Entwicklung, Projektplanung. So was halt. Ihm fiel nichts besseres ein, als zu sagen, das er von ihr sogar unbesehen eine Doppelhaushälfte erstehen würde. Gefiel ihr. Ganz entgegen seinem Kumpel, der sich in dem Moment aus dem Staub gemacht hatte, als ihm die Flasche aus der Hand fiel. Das Desaster wollte er nicht mit ansehen, so seine spätere Erklärung. Eigentlich.

„Du bist doch selber schuld. Wie wäre es mal mit vorher fragen?“, rechthabte der Engel von der linken Schulter auf der er – wegen der Schweißperlen – einige Mühe hatte, sich zu halten.

War ja klar! Sie, Ende Zwanzig, Anfang dreißig. Biologische Uhr und so. Kennt man ja. Liest, hört und erlebt man überall mit. Dieser kollektiv Zwang. Wenn jetzt nicht mehr, wann bitte dann? Kaum hat die eine Freundin begonnen, folgten all die anderen nach. Wie die Lemminge. Widerlich!

Und eigentlich hatte er kein Recht, ihr das auszureden. Mein Bauch gehört mir, erschien ein unablässig neongelb-blinkender Schriftzug vor seinem geistigen Auge und wollte sich partout nicht verscheuchen lassen. „Dies ist ihr Preis gewesen.“ Super! Da hatte ich in der Lotterie des Lebens mal wieder einen absoluten Volltreffer  gelandet. Was mache ich denn jetzt nur?

„Warum sagst du denn nichts?“, schreckte sie ihn aus seinen Grübeleien.  Ihre Augen sahen ihn in der wohl endlos gewordenen Stille erwartungsvoll an. Er kuckte nur verständnislos zurück. Es war doch schon alles gesagt worden.

Eigentlich …

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