spree:geflüster

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Nur ein Traum.

September 16, 2009 von Peter Dessin Abgelegt in Geschrieben., GLitterarisches.

Wie gesagt: Ein Traum.

Auf der Straße einer Stadt die Begegnung mit einem Menschen. Wäre nicht sein ganzes Verhalten, das ihn von allen anderen deutlich unterschied, bestimmt gewesen von der peinlichen Situation, in der er sich befand, er wäre gewiss nicht aufgefallen. Sein Äußeres war verschwommen. In ständiger Bewegung hinterließ es keine eindeutige Erinnerung. Doch die Verzweiflung war deutlich abzulesen von dem ansonsten unkenntlichen Gesicht.

Ich sah ihn schon von Weitem. Wie er gehetzt um sich blickte, den Kopf drehte und wandt, als wolle er die ganze Straße – vorn und hinten, links und rechts – zugleich im Auge behalten. Wie er Hauseingänge untersuchte und Papier von der Straße hob, um darunter zu sehen. Er sprach Passanten an, redete auf sie ein und gestikulierte wild mit den Händen. Ich sah ihn schon von Weitem, und ich wich ihm nicht aus.

Er fasste mich am Arm. „Sie müssen mir helfen!“

Auch jetzt, mir gerade gegenüber, so nahe, kam sein Gesicht nicht zur Ruhe, in dem es zuckte, zitterte. Kleine Wellen liefen ihm unaufhörlich über die Haut, seine glänzenden, geröteten Augen hielten mit Mühe Tränen zurück.

„Sie müssen mir helfen! … Ich habe … ein Wort verloren!“ Jetzt schrie er fast: „Was soll ich tun? Ich kann es nicht wieder finden!“Dabei machte er eine unbestimmte Bewegung in die Richtung, aus der er gekommen war, als wenn er sagen wollte: Überall habe ich nachgesehen – es ist verloren.

Ich legte eine Hand dort hin, wo ich seine Schulter vermutete, und bemühte mich, gelassen zu wirken.

„Ich werde Ihnen helfen. Beschreiben Sie mir Ihr Wort, wir werden gemeinsam danach suchen.“

Er schien sich ein wenig zu beruhigen. „Es ist halt ein Wort wie…, wie…“ Doch dann machte er sich energisch frei und wandte sich ab: „Nein! Nein! Ich muss es finden!“

Ich hielt ihn zurück. „Wir!“ sagte ich. „Ich werde Ihnen helfen. Aber Sie müssen mir Ihr Wort schon beschreiben, sonst sehe ich es vielleicht und erkenne es nicht.“

„Sie haben Recht.“ Er nickte, atmete einige Male tief durch, um nicht am unterdrückten Weinen zu ersticken. „Es ist nicht sehr lang, sechs Buchstaben, ein deutsches Wort… mit zwei Silben“, und, als könnte er meine Gedanken lesen, „ja. Ein Substantiv.“

Ich fasste zusammen: „Wir suchen also ein zweisilbiges deutsches Substantiv mit sechs Buchstaben. – Das wird nicht genügen. Hat es nicht irgend eine Besonderheit, eine Auffälligkeit, an der man es sofort erkennt?“

„Hm-ja: Es ist … ein Wort … zuviel!“

Erst jetzt trat mir die Gefährlichkeit der Situation klar vor Augen, und ich begriff die Verzweiflung in der er schwebte. Und ich jetzt mit ihm.

„Kommen Sie“, rief ich, „kommen Sie schnell! Wir müssen es finden, bevor es in die falschen Hände gerät!“

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Ich wache auf. Über mein Gesicht rollen Tränen, laufen unruhig konvulsiche Zuckungen. Unruhig suchend taste ich im Zimmer umher.

Ich suche ein Wort. Ein unnützes, ein gefährliches Wort. Ein Wort zuviel.

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