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One Klick, one Penny

Oktober 22, 2012 von Bunki Abgelegt in Gelebtes., Geschrieben.

Die Klagen der Medienbranche sind allgegenwärtig. Ob berechtigt oder nicht, lassen wir mal dahingestellt. Die Zeiten, wo ein Zeitungshaus eine Lizenz zum Gelddrucken besaß, sind vorbei. Die Strategie des immer weiter Ausdünnens von Redaktionen als ultima ratio ist kontraproduktiv. Heraus kommt oft ein beliebiges Produkt.  Austauschbar. Verwechselbar. Ohne eigenen Charakter. Ohne Experten, keine Expertisen, ohne Kaufwürdiges keine Käufer.

Händeringend wird allerorten nach neuen Einahmequellen gesucht und an vorderster Front eigentlich der Feind im eigenen Bett gefüttert, den man so gar nicht um sich haben mag: Das Internet! Alle Inhalte konstenfrei und weltweit zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt abrufbar. Und trotzdem überbieten sich die Gazetten damit, alle ihre Storys möglichst schnell Online abrufbar zu machen. Die Jagd nach der Reichweite. Nach dem Zitiert werden … Was aber alles keinen Umsatz generiert. Nicht eine müde Mark. Im Gegenteil, man vergrault die eigenen Käufer. Warum etwas erwerben, dasss ich vermeintlich schon kenne?

Dabei wächst die Bereitschaft, für Inhalte im Netz zu zahlen. So sie denn nur echten Content enthält! Weil man sich darüber im Klaren ist, dass da jede Menge Expertenwissen vorhanden ist, akribische Detailarbeit sich da tummelt. Und, wenn man sich dieses Wissen zu Eigen machen möchte, dass es eigentlich einen Preis hat. Flattr ist da so ein Beispiel. Da hier allerdings ein geschlossener Geldkreislauf mehr oder weniger zwischen den weniger Nutzern  hin und herfließt, ist das natürlich kein Modell für Verlage, newsbroker oder andere Medien-Firmen. Es zeigt aber exemplarisch , dass der User bereit ist, Geld aus den Händen zu geben und nicht mehr alles für lau zu konsumieren.

Und die Verlage haben noch immer fähige Mitarbeiter, Redakteure und Schreiberlinge, die in ihren Fachgebieten genug Kompetenz besitzen, dass man ihre Urteile, Meinungen und Geschichten  lesen und annehmen würde.

Auch die Verlage wagen Experimente. So sind in Deutschland das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost hinter einer  Pay Wall mehr oder weniger verschwunden.   Und ich will jetzt hier nicht näher darauf eingehen, das man sie dank Google trotzdem umgehen kann. Es  ist letztlich der Versuch, dauerhaft Abonnenten im Netz zu generieren. Doch es ist ein Versuch, der zwangsläufig scheitern muss.  Und sei es nur, weil nicht alle Verlage das Spiel mitspielen.

Und überhaupt, wer kauft schon die ganze Katze im Sack, wenn man eigentlich nur einzelne Teile nur haben will? Fußballfans wollen beispielsweise alles, aber auch alles, über ihren geliebten Klub lesen und wissen. Sie saugen die News förmlich in sich auf. Gossip, harte Faken, Gerüchte, alles! Egal, wo es steht. Aber der Rest des Sportteils interessiert sie meist nicht die Bohne. Kennt man schon. Warum also ganze Zeitungen – ob in Print oder Online – erwerben, wenn man sich nur für Bruchteile davon wirklich interessiert?

Auch einzele Artikel für vergleichsweise Unsummen käuflich zu erwerben, ist kein Modell, dass wirklich große Kohle garantiert.

Doch es müsste einen Weg geben, dass man im Netz zusätzlich Geld einnimmt. Und das Zauberwort heißt in meinen Augen Micropayment! Nicht mehr ganze Zeitungen kaufen. Nicht mehr Abos für Blätter in toto  abschließen, sondern nur für das, was einem gefällt. Und das so einfach wie möglich und ohne großen Mehraufwand. Für jeden Klick einen Pfennig. Klingt nicht viel. Ist für den User oder Konsumenten nicht teuer. Und er zahlt nur für das, was er auch wirklich lesen will. Und nicht mal viel.

Logischerweise  baut man so eine Verführbarkeit auf, dass sich alle User immer und immer wieder weiter durchklicken. Ach, der eine Cent ist ja nicht so schlimm. Das klick ich auch noch an. Und das. Und das… Hören Sie, wie die Kasse klingelt? Die Masse machts!

Als Gegenleistung müsten dann Verlage auch dazu übergeben, ihre unsäglichen, nutzerfeindlichen Mammut-Klickstrecken aufzugeben.

Die Abrechnung müsste ähnlich wie bei Telefonvorwahlen (Call by Call) von einer zentralen Stelle erfolgen, bei der man sich einmalig registriert hat und die dann die Geldströme einsammelt und weiter kanalisiert. Mehr als eine einmalige Registrierung darf auch nicht nötig sein. Solcherlei Komplikationen schrecken den Leser/Nutzer ab. Wie oft wollte man irgendwelche Zeitungsartikel kommentieren und hat dann doch davon abgelassen, weil man sich erst anmelden muss.

Ein Unternehmen wie Paypal müsste ein logisches Interesse daran haben, diese Summen über ihre Konten leiten zu lassen. Auch für die Telekom könnte das nicht uninteressant sein.

Natürlich gibt es datenschutzrechtliche Bedenken. Logisch. Es müsste eine Organsisation oder Behörde geben, die dafür einsteht, dass sämtliche Daten nur für den Zeitraum des Bezahlens bzw. bis zur Klärung bei eventuellen Streitgkeiten abgespeichert werden.

Und für die Einführbarkeit eines solchen „One-Penny-per-Klick“-Systems würde es ja genügen, dass sich mehrere Zeitungshäuser und Verlage miteinander kurzschließen. Wenn Beispielsweise die Süddeutsche, der Madsack-Konzern, DuMont und womöglich die Südwestpresse zusammenschließen bei diesem Bezahlmodell, würde es imho sehr schnell auch in anderen Verlagshäusern Bestrebungen geben, sich dieses System zu Eigen zu machen.

4 Kommentare zu “One Klick, one Penny”


  1. Hotmailgrobi says:

    So einfach sollte man sich diese Sache nicht machen. Dass ’schwaechere‘ Themen durch die staerkeren getragen werden, war bisher nur moeglich aufgrund der geschlossenen Struktur des Mediums Zeitung. Wieviele Artikel haette ich in meinem Leben nicht gelesen, wenn ich eben nur den Sportteil oder gar den einen Unionabsatz haette kaufen koennen. Das war das Geniale an diesem Format – dadurch fanden Inhalte ihren Weg zu Lesern und erzeugten ein Bewusstsein fuer gewisse Themenkomplexe, die sonst so nie Aufmerksamkeit bekommen haetten. Selbst wenn es der Duktus tendenzioesen bzw. sensationshaschenden Charakter hatte … Mit dem Auflosesen dieser Struktur, ist dieser Effekt dahin und die Chefetage wird sich auf kurz oder lang fragen muessen, ob man seine Schreiber im Bereich Kunst etc. wirklich mit durchbringen moechte, wenn die Klickzahl nicht mehr stimmt … Mit diesem Strukturwandel des Mediums muesste der Beruf des Journalisten komplett neu ueberdacht werden … Denn auf einen idealistischen Chef, der sich seinen Kulturbereich trotz roter Zahlen erhaelt, sollte man nicht bauen. Wie wuerde den dann die Firmenstruktur aussehen? Wie wuerdest du bezahlt werden? Nach Leistung? Pay for Performance waere dann aber ein sehr gefaehrlicher Weg, da dies in zwei Richtungen ausschlagen kann – und eine davon wuerde die Qualitaet des Geschriebenen stark beeinflussen.

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  2. Hotmailgrobi says:

    Ich bin mit meinem Kommentar sehr spaet dran, zugegebenermassen. Bin schon lange nicht mehr auf deiner Seite gewesen, habe jetzt aber mal wieder Zeit dazu gefunden.

    Deine Pfennig-Idee gefaellt mir um Grunde wirklich gut. Sehe ich aber ein Problem, dass ueber Datenschutzfragen hinausgeht. In dem Moment, wo du die Inhalte einzeln auf dem Markt anbietest, oeffnest du die Unabhaengige Presse den Gesetzen des Marktes noch mehr als es ohnehin schon der Fall ist. Will sagen: die User werden durch ihren Kauf spezifischer Inhalte noch mehr zum Bestimmer, was denn an Inhalten produziert wird. Das koennte fuer dich in der Tat guenstig sein, da du einen Themenkomplex bedienst, der in Deutschland wohl zu den gefragtesten ueberhaupt gehoert. Aber die Aufgabe der Presse ist breitflaechiger zu sehen als nur die Fussballberichterstattung. Eine weitere Folge koennte dann sein, dass Zeitungen dann immer staerker in Richtung Sensationsjournalismus tendieren, um fuer den Markt unattraktive Themen irgendwie an den Mann zu bringen … von der Moeglichkeit, dass man sie ganz fallen laesst, will ich gar nicht erst sprechen …

    Dennoch ein interessanter Vorschlag, der weitere Gedanken verdient hat …

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    • Besser spät, als nie. Es ist doch heute schon so, dass zeitaufwendige oder komplexe Themen nicht oder kaum noch verfolgt werden bzw verfolgt werden können. Und es wird immer schlimmer werden, wenn die dem Markt unterworfenen Medienhäuser nicht neue Wege der Finanzierung findet bzw seine Inhalte kostenlos rauschleudert.

      Die von dir gesehene Gefahr des reinen nach Begehrprinzipien geschriebenen Journalismusses seh ich nicht. Bestseller muss es geben, damit man auch andere Sachen produzieren kann.

      P.S.: Leider aber scheint sich kein Verlag bislang für meine Geschäftsidee erwärmen zu können.

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  3. Prinzipiell eine gute Idee. Die formalen, kostenmäßigen und datenschutzrechtlichen Hürden sind allerdings nicht ohne. Und Verlage geben nicht gerne Nutzerzahlen und Abrechnungshoheiten nach draußen.

    Es lohnt sich vor allem für überregionale Medien. Bei regionalen kommen möglicherweise nicht genügend Klickzahlen zusammen, um den Einzelklickpreis auf Pfennigniveau zu halten.

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