spree:geflüster

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Ein Mann wartet

April 19, 2015 von Peter Dessin Abgelegt in Gelebtes., Geschrieben., Getwittertes.

Wie immer kam ich etwas später nach Hause. Der Morgen dräute nicht nur, er gleißte. Doch während ich mich des hellen Sonnenscheins mittels Hut erwehren konnte, konnte er es nicht. Der alte Mann.

Der alte Mann stand unbeweglich da. Sein Haupt war kaum mehr bedeckt von schütterem Flaum und gut behütet war es auch nicht. Ein alter Mann ohne Hut, was soll das?, dachte ich noch und sinnierte über den Sittenverfall im Alter. Doch dann passierte…

Nichts.

Ein-, zweimal umkreiste ich den greisen Gesellen, doch er bewegte sich nicht. (In Wahrheit traute ich mich nicht, mich ihm näher als einen Münzwurf weit zu nähern, ließ aber das Münzgewerfe weg, da ein pantomimisches Seniorenstandbild mir als etwas zu abwegig erschien, selbst an einem Sonntagmorgen in Friedrichshain.)

Naheliegender Weise setzte ich mich auf eine nahestehende Bank und schaute dem alten Mann beim Stehen zu. Und so stand er da. Ruhig, sehr gelassen, wenn auch unbehütet. Und stand. Und stand. Und ich guckte ihm zu und wusste nicht, warum.

Irgendwann fasste ich mir mein Hasenherz und sprach ihn an. Möchten Sie etwas essen?, fragte ich ihn, brauchen Sie etwas zu trinken? Wollen Sie sich setzen?

Der alte Mann schaute mich kaum an. Nein, antwortet er müde, ich warte nur.

(An dieser Stelle ist jeder Sensenmann-Witz oder Warum-hat-er-nicht-den-Priester-gerufen-Gedanke überflüssig, denn die hatte ich in dem Moment bereits.)

Worauf warten Sie denn?, fragte ich folgerichtig.

Auf mein Taxi. Ich warte auf mein Taxi, sprach der alte Mann und stand da und wartete. Auf sein Taxi.

Ah, Sie haben ein Taxi, Sie Glücklicher, scherzkekste ich, dann brauchen Sie sich ja nie nicht eines zu rufen.

Himmelgesäßundnähgarn! (Jetzt wurde der alte stehende Mann laut) Jetz steh ich schon ne jeschlagne halbe Stunde hier und vafluche dit kapitalistische Sistem un dabei ha’ick völli vajessen, det ick selba beim Taxiruf anrufen muss. Ick dachte doch, Mutta machtet…

(Der Rest war leicht. Taxi rufen und drei Minuten später den nun nicht mehr wartenden, aber immer noch alten Mann ins selbige verfrachten.)

Und das Ende vom Lied:

Je länger die Geschichte, um so kürzer der Tweet.

(Der Tweet zur Geschichte: https://twitter.com/wikipeter/status/589692373925507073)

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Stinkefinger

März 21, 2015 von Peter Dessin Abgelegt in Geschrieben., Gesehen.

Manchmal braucht es seine Zeit, um auf aktuelle Phänomene zu reagieren. Schließlich will man sich ja eine eigene Meinung bilden, und die fahrenden Züge, auf die man so schnell aufspringen kann, könnten ja auch das verkehrte Ziel haben.

Manchmal braucht es auch eine Zeit, um zu begreifen, dass das Ursprungsthema, um das sich ein neues Phänomen kringelt, einfach zu lächerlich ist und man es daher vorher nicht ernst nehmen wollte.

Aber Anderes sollte man ernst nehmen. Man sollte die Auswirkungen, die sich mit der massiven Beschäftigung mit lächerlichen Kleinigkeiten (die lange zurück liegen und darüber hinaus noch aus dem Kontext gerissen werden) ernst nehmen. Man sollte sogar diejenigen, die sich Journalisten nennen und die sich schon des Öfteren durch massive Unkenntnis diskreditiert haben sollten, ernst nehmen, weil sie allein schon durch die mediale Reichweite direkt nach dem „Tatort“ von sehr, sehr vielen Menschen ernst genommen werden. Aber diese „Journalisten“ sollte man auch nicht zu ernst nehmen. Denn dann könnte Folgendes geschehen:

Man könnte einen Beitrag satirisch begleiten. Das ist gut, das sollte man sogar. Wenn man dabei einige Grundsätze beachtet:

Der satirische Beitrag sollte beitragen, dem Leser/Zuschauer ein erkennendes Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Er sollte helfen, durch Übertreibung, Umkehrung und viel Humor die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dann, und erst dann, gilt Tuchos Satz:

„Was darf die Satire? Alles.“

Nehmen wir nun einmal an, ein junger, selbstverliebter Möchtegernsatiriker verwechselt Witz mit Humor und darf das auf einem öffentlich-rechtlichen Spartensender und lobenswerter Weise auch im Internet ausleben. Was passiert dann?

Er wird ernst genommen. Das ist aber problematisch, denn ein Satiriker will nicht ernst genommen werden, er will vor Allem verstanden werden. Wenn aber hinter dem vermeintlich satirischen Beitrag nichts ist, was verstanden werden soll, dann ist es nur ein billiger Witz. Und, das kennen wir alle, nicht über jeden Witz wird gelacht.

Was geschieht noch? Der Witz wird weiter erzählt. Er wird kommentiert, dementiert, in veränderter Form wiederholt und danach wird diese Wiederholung dementiert. Irgendwann weiß niemand mehr, was der Ursprung des Witzes war.

„Und halb Deutschland sitzt auf dem Sofa und nimmt übel.“

Was aber passierte noch? Was geschah, um mich aus der Sofaecke zu locken und hier einen Rant loszulassen?

Es ist ganz einfach: Nichts.

Spiegel, die SZ, Twitter- und Facebook-User überschlagen sich mit Meinungen zu dem vermeintlichen Satiregate und überstrahlen damit alle relevanten Meldungen. Das Anliegen, das der Stinkefingermensch in seiner eigenen überheblichen Art zu vermitteln versucht, gelangt ins Hintertreffen, genau wie die Versuche unserer Regierung in der ihr eigenen überheblichen Art, möglichst billig möglichst viel zu erreichen. Nichts davon erreicht den, der sich tagelang über einen Fingerfake Gedanken macht.

Was bleibt, ist die Frage nach der Echtheit eines Stinkefingers.

Glaubt mir, der, den ich allen Medien zeige, ist echt.

Bring(t) mich zum Rasen

August 02, 2014 von Bunki Abgelegt in Gelesen., Geschrieben.

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Ich mag keine kleinen Kinder. Nicht mal mit Speck und Zwiebelchen. Und Bücher über Fußball schon gar nicht. Sicher, ich hab ein paar davon. Aber alles mehr oder weniger Zufallsprodukte. Fußball findet auf dem grünen Rasen statt. Meinethalben auch auf den Rängen oder in den Gazetten. ersatzweise im TV, wenn der Weg zum Stadion zu weit ist und man daher nur die Bidlschirme anbrüllen kann.  Und ja doch, ich schreib selber darüber. Dennoch mag ich Fußballbücher nicht.

 

Und nun sitze ich vor etwas, was diese beiden Themen vereint. Sie zu einer untrennbaren Einheit verwebt. Verwobt würde die Autorin wohl in ihrem als Stilmittel recht gern gepflegten Ostbrandenburgisch sagen. Stefanie Fiebrig aka @rudelbildung, für mich aber immer noch „La Lamm“ (so steht sie weiter in meinem Mobilfunkverzeichnis), hat es geschafft, mein Interesse zu wecken mit zwei Themen, die mich so gar nicht reizen – Kinder und Fußball. Ausnahmsweise nicht wordgepresst, sondern zwischen ein paar Pappdeckeln in schönstem Stadiongrün. Und mit einem treffenden Titel: Bring mich zum Rasen.

 

Der allein hat es ja schon in sich. Ist da das substantivierte Verb gemeint? Oder soll mich jemand zum Ort des Spielgeschehens geleiten? Auch hier steht zwei für eins. Steffi parliert munter vor sich hin. Nimmt uns mit auf eine beschauliche Reise, die wir gar nicht beenden wollen. Sie beschreibt ihre Liebe zum runden Leder, einst erwacht aus Liebe zu Menschen. Aus Momenten, in denen sie Authentizität einfangen wollte durch das Objektiv ihrer Kamera.

 

Locker flockig erzählt sie von ihrer Zuneigung zu Trikots und Farben. Und amüsiert sich selber über ihre eigene Unzulänglichkeit, das Trikot eines abgewanderten Fußballgottes adäquat ausfüllen zu können. Allein diese Passagen weckten ein ambivalentes Gefühl in mir. War es doch meine Wenigkeit, die ihr einst das Leibchens unseres ewigen Torwartes unserer Herzen verschafft hatte. Jan Glinker bleibt unsere Nummer 1, ungeachtet der Tatsache, dass er derzeit nicht mal bei einem Viertligisten seiner liebsten Berufsbeschäftigung nachgehen darf. Mit sehr viel Wehmut nahm ich daher einst zu Kenntnis, dass sie Avatar bei Twitter geändert hatte. Nicht mehr die die Rückenansicht besagten Leibchens zierte es, sondern ein wohlfeil gezeichnetes Selbstportrait. Ein Gelungenes muss ich sogar sagen. Denn wunderbar malen kann sie neben „schreiben“ auch, auch wenn sie in „Bring mich zum Rasen“ behauptet, dass sie so vieles nicht könne.

 

Dieses Buch liefert keine Ergebnisse, keine tiefschürfenden Analysen oder Hintergrundberichte. Es erhebt auch nicht den Anspruch, von Fußball Ahnung zu haben.  Es lebt von seinen Gefühlen und von seiner  Leidenschaft. Von den Geschichten über Menschen und den Geschichten, die die Autorin über sich preisgibt. Beispielsweise  von dem Testspiel, bei dem sie sich ihren Göttergatten geangelt hat und von dem sie heute nicht einmal mehr das Ergebnis weiß. Was wir hiermit ihr nachreichen: 2:1 ging’s aus im schönen Schöneiche an einem kalten End-Januar-Nachmittag des Jahres 2009. 2:1. Aber nicht für die Guten! Auch wenn da bei denen zahlreiche der ehemals Guten sich tummelten.

 

Diese Anekdoten mach „Bring mich zum Rasen“ lesenswert. Diese ungewohnte Perspektive, eine völlig andere Art des Draufschauens. Es ist ein Muss für Freunde des runden Leders. Egal welche Farben sie tragen. Weil es die Liebe zum seinem Klub nicht verbirgt oder mit großem Sendungsbewusstsein brutal vor sich herträgt. Es ist zeitlos quasi stellvertretend für alle Fans und ihre Fanwerdung. Und es hält überraschende Momente bereit.

 

Denn mal ehrlich, wer käme schon auf den Gedanke ein zweites Mal zu besingen? Nur Erbsensuppe wird aufgewärmt besser. Doch Steffi schon. Sie tut das .mit eiern Nonchalance, als würde sie mal eben in den Garten flip-floppen, um Gartenkräuter für das Abendbrot einzusammeln. So „schrub“ sie über das zweite Derby im Olympiastadion, nicht über jeden Abend im Februar 2010, an dem John-Jairo Mosquera, Torsten Mattuschka und  Torsteher Maikel Aerts – letzterer eigentlich auf der anderen Seite, aber dank seiner Mithilfe doch für einen Moment auf der Seite der Guten – unsterblich wurden.

Es ist nicht alles nur lustig. Manche Kapitel stimmen einen sehr nachdenklich. Und Melancholie tritt auf. Aber auch das ist großes Kino. Weil Steffi wieder wunderbar mit unserer Gefühlswelt spielt.

Und jetzt sitze ich hier und schreibe über etwas, was ich noch nicht mal zur Gänze kenne. Denn nach den ersten 30 Seiten hatte es mich schon so gepackt, dass ich eine Elegie darauf verfassen musste. Und die Gefahr, auf den folgenden Seiten enttäuscht zu werden, erachte ich als gering. Ich kenne Rudelbildungs Stil aus dem Stadtteilmagazin Maulbeerblatt oder ihrem Blog Textilvergehen, in dem sie sich leider in letzter Zeit viel zu wenig produziert. Und wenn nur durch Bilder  oder als Randgelächter bei den stets überlang daherkommenden Podcasts. Wenn es mir nicht weiter gefallen sollte, bin ich selber schuld. Das wäre so, als ob ich nach einem perfekten Date am Abend der jungen Dame leider sagen muss, es liegt an mir, nicht an ihr.

 

Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss aufhören. Da warten noch rund 190 weitere Seiten auf mich.

 

Vergiss mein nicht …

April 03, 2014 von Bunki Abgelegt in Gebrieftes., Gefunden., Geschrieben., Getwittertes.

Schreib mal wieder, möchte man seinen geneigten Lesern zurufen. Und weiß schon im Voraus, dass die Antworten geballt und geharnischt daherkommen werden. Was glaubst du, was wir machen? Wir bloggen, wir facebooken (obwohl das manch einer nicht ganz zu Unrecht nicht als schreibende Tätigkeit ansieht), wir simmsen, whatsappen (hysterisch zunehmend weniger) und wir twittern. Langt das nicht an Geschreibsel? Wir schaffen doch sonst kaum etwas anderes noch.

Ja, doch, werte Mitliteraten. Darum geht es mir nicht. Es geht einfach und ausnahmsweise nicht um das Füllen von beliebig (fast überall) bis bis begrenztem 140-Zeichen-Platz, sondern um eine schlicht manuelle Tätigkeit. Das simple Ausfüllen – und Versenden – einer Postkarte.

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Es geht um Entschleunigung, das Greifen zum Füllfederhalter und das Denken an andere Menschen. Es geht darum, anderen Personen eine kleine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen jenseits der von der Industrie hochgeschätzten Zeit wie Valentins- oder dem deine Muddatag.

Und da haben wir einen kleinen Tipp für sie. Schon oft habe ich bei manchen Twittersprüchen gedacht, dass sie ein größeres Publikum verdienen. Eins, dass nicht nur im Netz vorhanden ist. Dass manche Sprüche so schön sind, dass sie gar handgreiflich werden sollten. Der @turbozopf sah das offenbar ähnlich und hat jetzt einen illustren Kreis von Twitteratis um sich versammelt, um deren geistigen Ergüsse auf ein kleines, handliches, ca 10,5 x 14,8 cm großes Format zu bannen. Twitter goes offline. Mit Postkarten. Von mir im Berliner Kurier (leider nicht online erhältlich) auch schon mal als Twostcards tituliert.

Analogbotschaft nannte er das Ganze. Zu finden ist es hier. Und für schlappe 1,10 Euro können da diverse Kleinode bestellt werden, die  hiner den immer sinnfreieren Sprüchen der Edgarcards nicht hintenanstehen müssen und geradezu hochgradig danach schreien, einer postalischen Verwertung zugeführt zu werden. (Wer sie sammeln möchte, nur zu. Wird auch keiner der Autoren was dagegen haben.)

Ich finde die Idee äußerst charmant. Nicht nur, dass die ganzen Kreativlinge zur Abwechslung mal einen kleinen Obolus für ihre Schöpfungen erhalten. Zudem werden auch noch caritative Projekte mit unterstützt. Man kann sich also doppeltplusgut fühlen beim Kauf einer Twitter-Postkarte.

Und bevor hier einer rummeckert, dieser Text sei schamlose Werbung. Ja, ist er. Weil ich es kann. Und es gut finde. Dabei habe ich keinerlei finazielles Interesse an diesem Projekt. Der Verfasser dieser Zeilen – obgleich mit einem der Autoren befreundet – gehört nämlich nicht zu dem Kreis der Erlauchten und wird auch nicht hintenrum irgendwie bedacht.

 

Zwei Seelen

November 26, 2013 von Gastautor Abgelegt in Geschrieben., GLitterarisches.

Unser heutiger Gastautor Sven Brunner musste sich etwas von der Seele schreiben. Von zwei Seelen, um genauer zu sein:

 

Zwei Seelen, zu verschieden, um sich zu treffen,
ziehen ihre Bahnen,
auf der Suche nach Geborgenheit,
auf der Suche nach dem Sinn

Zwei Seelen, zu verschieden, um sich zu treffen,
die eine schwarz, die andere weiß,
unterbrechen manchmal ihre Bahnen,
fühlen sich manchmal gleich,
um sich zu entfernen in die Ewigkeit

Zwei Seelen, zu verschieden, um sich zu treffen,
kommen auch zurück,
kreuzen ihre Bahnen,
was nicht immer Gutes heißt,
da die Nähe Wunden reißt

Zwei Seelen, auf dem Weg, um sich zu treffen
Zwei Seelen, auf dem Weg, um sich zu fressen.
auf der Suche nach dem Grau,
auf der Suche nach sich selbst