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Schreiben wir eine Pornogeschichte!

Januar 29, 2010 von Peter Dessin Abgelegt in Geschrieben.

Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken getragen, eine Pornogeschichte hinzulegen? Nichts schwieriger als das. Voraussetzung ist, dass Sie über ein höchstens durchschnittliches Schreibtalent verfügen, nicht zu  viel Phantasie haben und sich strikt an gewisse  Grundgesetze halten. Das Folgende ist als erste Grundanleitung gedacht.

„Ich habe alles erlebt, was ein Weib im Bett, auf Tischen, Stühlen, Bänken, an kahle Mauerecken gelehnt, im Grase liegend, im Winkel dunkler Haustore, in Chambres séparées, im Eisenbahnzug, in  der Kaserne, im Bordell und im Gefängnis nur erleben kann.“

Dem Bekenntnis der Josephine Mutzenbacher entnehmen Sie, dass dem Pornoroman keine Örtlichkeit zu unpassend ist, um ins Geschehen einbezogen zu werden; bespritzen Sie die Welt mit klebrigem Nass aus ihrer Pornofeder! Allerdings muss die Umgebung durchaus zweitrangig bleiben; wie alle Details, die die nicht zur Hauptaktion gehören, soll sie bloß Realität vortäuschen. Das gestalterische Problem besteht für Sie darin, dass Sie wollüstige Szenen nicht aneinander reihen können, sondern dass Sie sie vorbereiten, die Lücken zwischen ihnen mit Bruchstücken aus der Realität aufschütten müssen. Frisst Ihnen dieser Teil zuviel Raum, droht Ihre Geschichte entpornoisiert zu werden und in eine andere Gattung der Trivialliteratur überzugehen.

Misslungen, aus der Ästhetik des Porno betrachtet, ist etwa die Geschichte jenes anonymen Kollegen, der volle acht Seiten braucht, bis er das Fräulein Else in der gewünschten finanziellen Abhängigkeit des Lüstlings hat und sie diesem als Hörige vorführen kann, während er den Leser mit nur knappen zwei Seiten Sado-Maso um die Erwartung betrügt; das Füllmaterial drängt den zarten Hintern des Fräulein Else an den Rand des Geschehens.

Die Kommerzienrätin flüsterte: “Komm, küsse mich!” Die Beiden umarmten sich innig, die sonderbare Liebe machte aus Herrin und Dienerin zwei gleichgestellte Geschöpfe.

Unsere wichtigste Devise: “ran-an-den-Speck” ist für das Figurenarsenal von entscheidender Bedeutung. Beschränken Sie sich auf die zwei Hauptpersonen und führen Sie weitere Mitspieler nur ein, wenn sie notwendig sind, um die beiden zu kuppeln. Wenn jedoch ein Freund oder eine Dienerin die Szene betreten muss, lassen Sie die Gelegenheit nicht vorübergehen, um mit ihnen rasch ein, zwei Nummern durchzuprobieren; das erhöht den Reiz der Abwechslung und ergibt einen tieferen Sinn. Da die Mitspieler allein durch das Wesentliche, die Sinnlichkeit, miteinander verbunden sind, ohne dass sie durch emotionale, berufliche, klassenspezifische Eingrenzungen behindert würden, finden sie den Weg rasch zueinander und nehmen Paarungen leicht auch zu dritt oder zu viert vor.

Hüten Sie sich davor, Persönlichkeiten darzustellen, das lenkt ab auf Nebensächliches und nimmt Ihnen die Möglichkeit, den Menschen zu seiner Ungebundenheit, zu seiner Freiheit zu gestalten. Zudem würden Sie sich fixieren, blieben Sie an ihren Figuren hängen.

Nichts Langweiligeres für den Leser als dies! Insbesondere für den Romanschriftsteller gilt die Regel: Wechsle die Personen für alle Passionen! Die verschiedenen Stellungen sind rasch erschöpft, zu ihrer Wiederholung braucht es neue Leute, eine neue Umgebung.

Füllen Sie also die frei werdenden Plätze mit Material auf, das noch erotischer, noch pikanter, noch ausgefallener im Geschmack ist. Die Grenzen des Möglichen sind schnell erreicht, zugegeben. Ihr einziger Ausweg ist also der rasche Wechsel. Er verhindert, dass der Leser sich einmischt; lassen Sie einen  Film abrollen, Ihre Leser sind anonyme Voyeurs, die sich in keiner Weise exponieren wollen, weder durch Identifikation mit einem Helden noch durch Reflexion des Geschehens. Halten Sie deshalb Ihre Figuren aus ernsthaften Problemen oder gar gegenseitigen Konflikten heraus, stellen Sie echt Zwischenmenschliches dar, lassen Sie die Partner sich stets vollkommen ergänzen wie in einer Musterehe. Erinnern Sie sich der Puppe, mit der Sie in Ihrer Kindheit spielten und die Ihr treuester Freund war? Nehmen Sie die als Vorbild.

Erst riss ich sie nochmals in meine Arme, nahm sie dann und trug sie auf ein mit vielen Kissen belegtes Bett. Ich ließ sie aufrecht sitzen und kniete mich zu ihren Füßen. Bedächtig löste ich die Strümpfe, zog ihr dann  das Höschen aus und stellte Helena auf den Teppich. Nun verhielt ich einen Augenblick, um ihren nackten Busen, der so voll aus diesem zarten Mädchenkörper heraus quoll, zu betrachten. Da sah ich auch schon die ersten tiefschwarzen Haare. Nun lag Helena nackt vor mir.

Aber, werden Sie einwenden, ganz ohne Schatten ist das Leben nun einmal nicht! Einverstanden, malen wir die Schatten – nur nicht zu dick auftragen. Wir sind schließlich keine Pessimisten (weil: Optimisten sind zufriedene Leute). Josephine Mutzenbacher bringt es fertig, ihn ihren  Bekenntnissen zwischen zwei Ficks in einem einzigen Satz den Tod ihrer Mutter einzublenden:

So standen die Dinge, als meine Mutter plötzlich starb.

Wäre der Verfasser – nach einer Behauptung von Karl Krauss – nicht Felix Salton, der als “Bambi”-Autor von einer gewissen Sentimentalität nicht losgekommen ist, er hätte geschrieben: “So standen die Dinger, als meine Mutter plötzlich starb”, womit er selbst diese artfremde Aussage noch den Pornogesetzlichkeiten untergeordnet hätte; es wäre wahrlich der größte Satz in der Geschichte der Pornoliteratur geworden.

Es gibt keine Situation in der Literatur, wo die Erwähnung des Geschlechtsaktes nicht angebracht wäre. Dieser gehört zum  Leben wie Niesen und Verdauen und genau deswegen können  Sie ihn mit allerhand Tätigkeiten kombinieren, eine Methode, welche das rein Mechanische daran plastisch zum Ausdruck bringt. Während die lüsterne Gouvernante im gleichnamigen Roman eines Anonymos sich mit dem Kitzler der Dienerin  abgibt, bekennt diese – nein! nicht ihre Liebe, nicht so abgeschmackt! – ihre Beobachtung an einem Mord. Hier kommt der flache Beischlaf prächtig heraus, Gedanken und Gefühle beider Beteiligten sind anderswo, dem Leser präsentiert sich ein sterilisierter Akt: gereinigt von allem, was an Zufällig-Menschlichem noch mitschwingen könnte.

Für Ann war die Liebe so selbstverständlich wie Essen, Trinken oder Atmen. Wenn ihr ein Mann gefiel, zierte sie sich nicht lange. Und es machte ihr Spaß. Viel Spaß sogar. Für sie war das Lieben eine Kunst, und sie hatte sich stets bemüht, es zur höchsten Meisterschaft zu bringen. Sie hasste alles Mittelmäßige. Sie hatte ihr Examen mit Erfolg bestanden, und sie wollte es auch im Leben – und in der Liebe – zu etwas bringen.

Der Schluss? Es bieten sich zwei Lösungen an, der repetierende und der endgültige Schluss. Die Kurzgeschichte und das einzelne Romankapitel lassen Sie mit Vorteil nach dem Höhepunkt rasch verenden, dies animiert den Leser zum Weiterlesen. Beim Finish des Romans wirkt dies dagegen unbefriedigend. Hier rasch ein ideales Paar konstruieren und Liebe hinein pumpen. Liebe! Zärtlichkeit! Glück! Ehe! in Aussicht stellen.

Und dann rasch weg – zum nächsten (Groschen-)Roman.

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Und in der nächsten Lektion: “Wie werde ich ein Pornostar”.

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