spree:geflüster

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Ode an den Frühling

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Kauft euch eine Frühlingsrolle“, empfahl ich ihnen.

Eine Humorredaktion lässt sich weder durch Lesereinsendungen noch durch vermeintlich komische Bemerkungen aus der Reserve locken.

„Eine frühlingshafte Reportage“, sprachen sie unbeirrt weiter, „der Frühling …“

„Welcher Frühling?“ fragte ich höflich. „Der Prager Frühling? Der Frühling von Berlin? Frühling in Paris? Der, der mit Brause naht, oder der, dem’s vor Banden flattert?“

„Finden Sie komisch, wie?“ fragten sie gelangweilt. „Wir brauchen den Frühling, dem Geist unseres Verlages entsprechend seriös und von einer höheren Warte aus betrachtet.“

„Aha“, nickte ich ins Telefon. „Wetterwarte also.“

Sie legten auf, bevor ich das Wort „Vorschuss“ zu Ende sprechen konnte.

 

Frühling!

Ich könnte ja so viel über den Frühling, von besseren Poeten auch Lenz genannt, schreiben, wenn es nicht schon andere getan hätten. Ich könnte natürlich auch ein Gedicht erstellen. Lautengesang und Minnespiel, Tanderadei – Ich greife zum Pegasus. Lauf, Muse, lauf!

 

Zehn erfolgreiche Anfänge, kein Gedicht zu machen

Es ist schwer, im Frühling nicht zu dichten.

Die Bäume hängen voll unbeschriebener Blätter.

Die Bäckergesellen singen dem Brot vor: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein.“

Die jungen Mädchen verführen die jungen Männer, sie zu verführen.

In den Bäumen steigt der Saft, in den Städten die Mieten.

Die Natur macht sich für Farbaufnahmen zurecht.

Die Mädchen bekommen Formen, die Knaben Pickel.

Die Menschen sind so lieb zueinander.

Frühling ist wie Weihnachten im Sommer.

Für jeden wächst ein grüner Zweig, auf den er kommen kann.

 

Ein Dichter müsste man sein.

Es gibt ja auch Dichter, auf deren Reime sich keiner einen Vers machen kann. Ich kannte mal einen, der bezeichnete zerhackte Prosa als Gedicht und hatte auch sonst einen abstrakten Charakter.

„Ihr Gedicht“, sagte ich zu dem, „ist kein Gedicht, sondern gedruckter Salat. Sind das eigentlich noch Verse?“

Er sah mich so an, wie ich von ihm dachte. „Erlauben Sie mal!“ sagte er, „ich bin ein Dichter! Ich mache alles per Vers.“

Im Frühling sollen die Bäume aus- und die Mode einschlagen. Zumindest auf die Bäume kann man sich verlassen: Es sprießt in Wald und Flur, außer in unserem; wir sind eine hygienisch einwandfreie Familie ohne Kinder oder andere Haustiere.

 

Frühlingserwachen mit Hindernissen

Deswegen lass den Lenz uns grüßen, hinaus in die Natur und hinein…

Ich mache die Tür wieder zu. Draußen regnete es. Kalter Nieselregen. Regen! Jetzt! Im Frühling!

Zweiter Versuch. Ich blickte den Himmel so böse an, dass er heftiger zu weinen begann. „Das hättest du nicht tun dürfen“, sagte meine Freundin vorwurfsvoll.

Ein Pärchen umsteuerte vorsichtig die Pfützen und nieste sich liebevoll an. Die Vögel in den Ästen piepsten heiser und melancholisch vor sich hin.

Im Frühling gerät die Natur aus dem Wetterhäuschen. Drei Monate hat der Frühling, aber meist ist es April. Im Frühling geben die Meteorologen die Ankunft eines kräftigen Hochs oder eines ausgedehnten Tiefs bekannt. Beide sind meist nass.

Der Nachbar von nebenan klingelte und fragte, ob bei uns auch so schlechtes Wetter wäre und was man dagegen tun könne. Ich brach lautlos zusammen.

Böse Leute behaupten, die Luft in unserer Straße sei so gut, weil unser Nachbar meist die Fenster geschlossen halte.

„Machen Sie doch auch einmal eine Knoblauchkur“, empfahl er mir, als ich aus der Narkose erwachte. „Das macht munter. Blutreinigung, Entschlackung, das bringt den Kreislauf in Schwung.“

Ich war einer zweiten Ohnmacht nahe, aber der Nachbar öffnete eine Flasche selbstverdünntem Apfelwein den Hals.

„Die Liebe!“ Er nahm den Gesichtsausdruck an, den manche Leute für geistvoll halten. „Die Liebe ist die eigentliche Frühjahrskrankheit. Und dagegen gibt es keine Kur.“

Wir beschlossen, die Liebe zu suchen. An der Tür blieben wir stehen. Es regnete immer noch.

 

Der Frühling verläuft im Wasser

„Es regnet immer noch“, sagte meine Freundin und hielt mir anklagend die nasse Hand unter die Nase.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was Liebespärchen im Regen machen. Wahrscheinlich werden sie nass.

Ich kann mich noch dunkel an einen Frühling erinnern, der so war, wie er hieß. Vielleicht habe ich’s aber auch nur irgendwo gelesen. Da kamen die Mai- und andere nette Käfer vor. Da wurden die Schneeglöckchen auch ohne Schnee groß.

Da übten sich die Liebespärchen in einer Sprache, in der sie später mit ihren zweijährigen Kindern sprechen werden.

Telefon. „Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Gewiss“, knurrte ich. „Ich schreibe  gerade eine ulkige Geschichte, wie ein schüchterner junger Mann bei strömendem Regen …“

„Den Wetterbericht können wir in der Zeitung lesen“, meinten sie. „Optimismus! Lebensfreude! Frohe Zukunft! Lerchengesang“ Liebe! Waldesduft! Das sanfte Säuseln der …“

Ich legte traurig den Hörer auf..

„Was kann trauriger sein als dieses Frühlingswetter“, weinte ich. Eines weiß ich bestimmt: Wenn ich einmal eine Geschichte über den Herbst brauche, nehme ich die vom Frühling.

Meine Freundin stieß einen schrillen Freudenschrei aus.

„Das glaubst du nicht! Es hat aufgehört zu regnen!“

Ich sprang auf, kämmte mir die Haare und band mir eine Ausgehkrawatte um.

„Großartig! Tatsächlich? Im Ernst?“

„Bestimmt“, sagte sie. „es regnet nicht mehr. Es schneit.“

Der Schneefluch

Februar 25, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

„Eine Reportage?“ fragte ich nochmals.

„Ja!“

„Über den Winter?“

„Ja!“

„Jetzt? Bei der Kälte?“

„Ja!“

„Nun denn“, seufzte ich mutig. „Des Reporters Los ist hart. Nur, ich kann – also um es mal sozusagen so zu sagen: Ich habe mir mal sechs Zehen erfroren, und nun…“

„Na und?“ fragte der Redakteur unbeeindruckt. „Schreiben Sie mit den Füßen?“

Die Meteorologen bezeichneten es vornehm als das tiefste Tief, dass es jemals an einem 10. Dezember gegeben habe. Sie sagten es so stolz, als hätten sie es selbst gemacht.

Ganz uralte Leute erzählen gern noch, wie schön kalt die Winter früher waren, damals, vorm Krieg. Sie klappern heute noch mit den Zähnen, wenn sie daran denken, wenn es auch nicht mehr die gleichen Zähne sind.

Ich kenne eine Menge Leute, die schwärmen für einen richtigen Winter. Kohlen- und Stromhändler, Gastwirte und Schlittschuhschleifer.

Der Winter kann ja so schön sein.

Schnee! Nasser, überstiefelrandhoher Schnee. Und Frost, so ein knackender Nachtfrost, Bodenfrost, Feinfrost oder Schüttelfrost!

Und dann nicht ‘raus müssen, sondern am Ofen sitzen und Grog trinken.

Mit den Heizungskosten geht es aufwärts und mit den Skiläufern abwärts. Die Menschen verhüllen ihre Reize und sehen trotzdem gut aus, viele sogar besser.

Ein Eisbärjunges verwünscht zitternd seine Eltern.

Im Winter haben Schnapstrinker eine glänzende Ausrede, und auch eine rote Nase fällt nicht mehr auf.

Menschen ohne Zentralheizung waschen sich morgens nicht mehr gern.

Die Hunde frieren an den Bäumen fest.

„Man müsste mal dahin fahren, wo der Winter am winterlichsten ist“, sagte meine Freundin.

„Alaska oder Sibirien?“ fragte ich ängstlich.

Wir einigten uns auf den Fichtelberg. Deswegen, weil da immer Schnee liegen soll, und aus sentimentalen Gründen, weil der Fichtelberg das Höchste war, was man in der DDR erreichen konnte.

Schicksal auf der Landstraße. Erst auf Glatteis, dann mit Grundeis. An der Ostsee, wo kein Mensch Auto fährt, lassen sie den Sand dünenweise herumliegen, aber hier…

Als wir uns vom letzten Baum erholt hatten, trat ich auf die Bremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich zerrte an der Handbremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich gab Gas. Die Räder wühlten sich ein bequemes Bett in den Schnee. Der Wagen stand.

„Jetzt müssen wir schieben“, weissagte meine Freundin. „Versuchen wir’s mal. Ein bisschen frische Luft wird dir gut tun.“

Die frische Luft bewegte sich mit hundert Stundenkilometern die Straße entlang und schoss mit kleinen Eisnadeln. Ich schob, sie dirigierte.

Wind, Schnee, Schnee, Schnee. Der Winter steckte mitten in den Wehen. Mein Ischiasnerv erwachte aus dem Sommerschlaf.

Ich knirschte mit den Zähnen, der Schnee mit meinen Schuhen. Der Wagen sprang an.

An der Seilbahn hing ein Schild: „Auf- und Abspringen während der Fahrt verboten!“

„Hat das schon mal einer versucht?“ wollte meine Freundin wissen.

„Immer nur einmal“, sagte der Schaffner traurig. „Aber sehen Sie da drüben die zersplitterte Fichte?“ Er nahm die Mütze ab und legte sein Gesicht in kondolierende Falten.

Unter solch fröhlichen Erzählungen schwebte die Bahn in die Höhe. Bei jedem Windstoß schwankte sie aufregend.

Wir waren eintausendzweihundert Meter über dem Meeresspiegel. Im Tal wehte ein leichtes Lüftchen. Hier oben tobte der Wind in freier Wildbahn. Irgendwo habe ich mal Bilder gesehen, da liefen die Menschen in Badebekleidung oder mit noch weniger Ski. Am Fichtelberg müssten sie wenigstens Socken anziehen.

Ein dickes Ehepaar rutschte auf den Hintern den Berg hinunter. Vielleicht sah man auch bloß den Schlitten nicht.

Ich setzte mich auf einen verschneiten Baumstumpf. Er kippte um. Die Skiläufer waren später im Tal als ich.

Ein einsamer Grippebazillus trampelt in meiner Nase herum.

Eine Baude versöhnt einen mit dem härtesten Winter. Die Leute waren mir alle gleich sympathischer, wenn sie keinen Wintersport mehr trieben.

„Zwanzig Grad Kälte sind draußen“, sagte ein Herr am Nebentisch und trank pro Grad einen Doppelten.

Dann unterhielten sie sich über die Möglichkeiten, den absoluten Nullpunkt zu erreichen. Entweder waren es Politiker oder Ökonomen.

Der Wind heult um die meteorologische Station. Hier fühlt er sich, hier wird er gemessen, registriert und als Vorhersage nach Berlin geschickt.

Meine Freundin ist im Nebel von der Sprungschanze gefallen.

Mein einsamer Bazillus hat neue Freunde gefunden. Jetzt habe ich Husten, ein paar erfrorene Zehen und eine angehende Mittelohrentzündung.

Ich mache mir eben nichts aus dem Winter.

Das Ferngespräch aus Berlin habe ich ignoriert. Soll der doch mal von seinem Schreibtisch aufstehen und seine Reportagen allein schreiben. Bei zwanzig Grad!

Vorhin kam eine Karte.  Von ihm.

„Habe Sie leider nicht erreicht. Musste daher Reportage in Kairo selbst übernehmen. Angenehme zwanzig Grad hier.

Frost Neujahr!“

Kaum zu glauben

Januar 19, 2011 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Wir saßen so fröhlich beisammen und tranken.

Gewiss, man kann Grippebazillen auch mit Tee bekämpfen. Aber stellt euch doch mal ein knappes Dutzend Männer vor, erwachsene, kräftige Männer, die richtige Männergespräche führen, sich lachend auf die Schenkel schlagen und dazu Fliedertee trinken! Das ist einfach ein Stilbruch.

Wir tranken einen schönen Grog, und glaubt mir, Freunde, das ist eine gute Sache! Schädlich daran ist nur das viele Wasser, das die meisten Leute hinein schütten.

Ich war der Außenseiter in diesem Kreise, die anderen – Innenseiter, gibt’s so was? – waren alles Sportler. Ja, ich weiß, Sportler trinken keinen Alkohol, es war ja auch nur wegen der Bazillen.

Seit Jahren warte ich auf die Gelegenheit, ein Erlebnis zu erzählen, das etwas unwahrscheinlich klingt, eine einmalige, bisher noch von keinem Menschen vernommene Angelegenheit. (Oder kennt ihr die Geschichte schon?) Hier war der richtige Ort dafür, die richtige Zeit, die fachkundige Zuhörerschaft…

„Im vorigen Winter“, begann ich, „ging ich eines Nachmittags…“

„Darf ich mal unterbrechen?“ unterbrach mich Fred. „Aber wenn ich Winter höre, fällt mir so eine Sache, hahaha, die muss ich unbedingt…“

Weil er unbedingt musste, verzieh ich ihm. Er hustete kurz und fragte uns, was wir vom Eisbaden hielten.

„Sehr erfrischend“, sagte ich. „Vor allem im Sommer.“

Sie fanden den Witz nicht gut, es wäre ein lauer Witz der Kategorie K, also ein K-Lauer. Fred räusperte sich wieder präludierend. „Ein Freund von mir ist ein leidenschaftlicher Bader.“

„Friseur“, übersetzte ich in die moderne Umgangssprache.

„Eisbader“, verbesserte Fred freundlich-verärgert. „Wir haben manches Loch gehackt, unerschrocken tauchten wir in das eisige Wasser, mutig…“

– „und kaltblütig“, ergänzte ich.

„Ihr wisst, ich schrecke vor nichts zurück“, sagte Fred bescheiden, „aber an dem Tag … an dem Tag …“, er seufzte und trank, „an dem Tag war es so kalt – achtunddreißig Grad! Hättet ihr da…?“

Wir tranken erschrocken und sagten, wir hätten auch nicht. Fred schien etwas getrösteter. „Aber mein Freund wollte unbedingt ins Eiswasser. Wir brauchten zwei Stunden und vierundzwanzig Minuten, um das Loch ins Eis zu hacken, vier Mann arbeiteten daran. Mein Freund stieg hinunter, wir liefen umher, gingen nach zehn Minuten zu dem Eisloch zurück, und stellte euch vor…“, (Spannung, Spannung!) „es war weg!“

Ich tat einen schnellen Zug aus meinem Glas, einen Eilzug. „Weg?“

„Ja. Zugefroren. Nichts mehr zu sehen, die glatte Eisfläche.“

Wir schauten schweigend in unsere Gläser. Traurig, denn sie waren leer. „Und wie“, fragte einer vorsichtig, „habt ihr – ich meine, hat man später … im Sommer…?“

„Wir fanden ihn zehn Minuten später“, sagte Fred ruhig. „Lebend. Wir suchten einfach die Stelle, an der er gerade unter dem Eis herum schwamm.“

„Aha“, nickten wir zweifelnd.

„Mit einem Geigerzähler“, ergänzte Fred.

So, Geigerzähler. Na, dann war ja alles klar. So ein Eisbadener nimmt seine Violine mit und man selbst hat selbstverständlich immer einen Geigerzähler dabei.

„Mein Freund“, erklärte Fred geduldig, „hatte vorher eine Tablette gegessen, die Isotope enthielt, und ihr wisst ja, die Strahlungen…“

Natürlich, damit war die Sache geklärt. Damit mussten sie ihn ja finden. Wir tranken beruhigt weiter, und ich begann: „An jenem Nachmittag also, im Winter…“

Karl stieß mich freundlich an. „Wenn ich Nachmittag höre, muss ich immer an einen Nachmittag denken – darf ich das rasch mal erzählen?“

Bevor ich sagen konnte, dass er eigentlich nicht durfte, fing er schon an: „Wenn ich sagte, an einem Nachmittag im Winter, so stimmt das nicht ganz, es war eigentlich ein Vormittag im Sommer und wir trainierten auf dem Tennisplatz und der Oskar – ihr kennt doch Oskar?“

Wir nickten alle, wie man es bei einer solchen Frage immer macht, wenn man von dem Betroffenen noch nie gehört hat.

„Der Oskar…“, Karl stockte, überlegte, „sagt mal, wisst ihr eigentlich, wo der Habicht herkommt, der in unserem Klubhaus hängt?“

Wir tranken und sagten, wir hätten nicht die geringste Ahnung.

„Dachte ich mir“, sagte Karl zufrieden. „Der kommt daher, weil Oskar an dem Tag, an dem Vormittag…“

„…im Sommer“, vervollständigte ich.

„…weil Oskar da einen Rückhandschlag schmetterte… Ihr wisst, ich erwische jeden Ball, doch diesen, nein, der kam wie ein Überschallturbopropraketendüsenjäger angeschossen, prallte auf die Grundlinie, sauste senkrecht hoch und …“

Kunstpause. Wir hingen an seinen Lippen.

„…und herunter kam der Habicht“, berichtete Karl ruhig. „Tot.“

„Sehr gut“, grinste ich. „Da mache ich eine Geschichte draus.“

Ich hätte nie geglaubt, dass sich erwachsene Männer so aufregen können. Ob ich auch nur im Geringsten daran zweifelte, dass alles stimme, was hier erzählt werde, bis auf’s Komma…“

Sie waren zehn, ich war einer. Ich glaubte.

„An jenem Nachmittag“, erzählte ich, um sie zu beruhigen, „im  Winter, ging ich…“

Bei dem „ging ich“ erinnerte sich Emil an eine ganz tolle Geschichte, die er unbedingt loswerden musste.

Das war bei einem Langstreckenlauf, über ich weiß nicht mehr wie viele Kilometer, ich glaube zweimal um den Äquator, und da fiel es Emil plötzlich auf, dass seine Schuhe so drückten, er spürte jeden Stein durch die Schuhsohlen hindurch, aber er hatte natürlich keine Zeit, die Schuhe auszuziehen. Die Verfolger waren ihm auf der Achillesferse, und erst am Ziel…

„Stellt euch das mal vor, da hatte ich mir doch die Schuhsohlen total durchgelaufen und den ganzen Weg barfuß zurückgelegt.“

Ich schluckte das herunter und spülte mit Grog nach.

„Es war, wie gesagt, im Winter“, startete ich einen erneuten Versuch, „an einem Nachmittag, der Schnee lag…“

„Schnee“ war das Stichwort für Dieter, den Alpinisten. Der war beim Skispringen in einen Aufwind geraten…

„…ich breitete die Arme aus und stieg immer höher, wie ein Vogel, und bestimmt wäre ich abgestürzt, zerschmettert…“

Wir tranken erschrocken.

„…wenn mich nicht ein des Weges kommendes Flugzeug aufgenommen hätte.“

Ich hörte mir noch sieben gleichwertige Sporterlebnisse an.

Dann kam ich endlich an die Reihe.

„An jenem Nachmittag also, im vorigen Winter, wollte ich mal an die frische Luft gehen. Vor meiner Tür lag eine Schneewehe von zwei Metern Höhe…“

Die Blicke. Verachtung. Kopfschütteln. Enttäuschung.

„Dass diese Anfänger“, sagte einer, „doch immer so maßlos übertreiben müssen.“

Drama in Sekt. Eine Sommergeschichte.

Juli 12, 2010 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben.

„Meine Zunge“, sagte mein Freund Anton, „ist so trocken, dass es staubt, wenn ich schnell spreche.“

So heiß war es. Die Meteorologen behaupteten, seit gestern wäre heute der heißeste Tag. Speiseeis gab es nur noch in flüssiger Form. Die Kühe lieferten saure Milch. Die Fußgänger tanzten im Black-Bottom-Schritt die Straße entlang, so heiß war es. Die Sonne knallte auf die Gehirne. Die Menschen träumten perverse Träume von alkoholfreien Getränken in ausreichender Menge und so.

So heiß war es.

Und wir mittendrin. Bei 38 Grad nördlicher Breite… nicht doch! Bei 38 Grad Celsius brütender Hitze, also bei 38 Grad Brutus im Schatten in der Sonne. Wir.

Anton peilte sorgenvoll die Wetter- und sonstige Lage. „Ich sehe eine lange Dürre kommen.“

„Die geht vorüber“, beruhigte ich ihn, „die wohnt hier gleich um die Ecke.“

Wir wollten Bekannte besuchen, aus denen wir uns nicht viel machten, aber jetzt hatten sie sich einen Tiefkühlschrank mit Eiswürfelbereiter gekauft.

Anton trug die Flasche. Ich die Rosen. Schöne Rosen. Weiß. Für die Dame des Hauses. Langstielig waren sie, die Rosen. Fünf Stück. Anton trug die Flasche Sekt. Sekt, das Getränk der Freude und Verführung.

Wir schweißten zum Bahnhof.

Mannomann, war die Bahn warm. Den Fahrgästen dampfte das Wasser aus den Ohren. Eine Frau bemerkte, auf der Glatze ihres Mannes könne man Weißbrot rösten.

Anton hielt die Flasche im Arm. Er hielt sie sicher, er hielt sie warm. Der Wagen war eine fahrende Sauna, ein Schweißapparat. Die Menschen wurden gedünstet. Ich glaube, einige waren schon gar. Uns gegenüber saß eine Zeitung mit jemand dahinter. Er überschlief gerade den Leitartikel. Ich las die Rückseite.

„Explodierende Seltersflasche als Folge der Hitze. Ein Haus stürzte zusammen.“

Selterswasser. Donnerwetter. Ich dachte mir erst gar nichts dabei. Die Hitze…

Selterswasser… Selterswasser… Kohlensäure…

„Anton!“ Ich zeigte auf die Überschrift. „Ob eine Flasche Sekt auch… ich meine, wegen der Kohlensäure?“

Anton besah mit kohlensaurer Miene seine Flasche. Bahnschaukeln. Hitze. Der Sekt gluckerte boshaft.

„Wenn Seltersflaschen – stell dir vor, du machst eine Wasserflasche auf und plötzlich fällt das Haus ein!“ Anton entrollte misstrauisch das Einwickelpapier. Er polkte die Stanniolkappe ab.

„Die Flasche ist dicht“, stellte er erleichtert fest.

Die Mitreisenden sahen mit durstigen Augen und sehnsüchtigen Kehlen zu.

„Aber der Draht!“ überlegte ich. „Der Draht kann beschädigt sein.“ Ich prüfte ihn. Ich zog nach links und drehte nach rechts. Der Draht riss. Anton wurde blass, als hätte er Bleichsoda gefrühstückt. Er drückte seine Hand auf den Korken.

Es zischte. Der Alkohol war stärker, wie meistens. Der Korken kroch tückisch in die Höhe.

Ich klemmte die Rosen unter den Arm. „Ich verknote die Drahtenden wieder.“ Anton stemmte sich gegen das Schicksal in Form eines aufsteigenden Korkens.

„Die Fahrkarten bitte“, sagte der Kontrolleur.

„Moment. Sofort.“ Ich knotete weiter.

„Sie haben wohl kein Ticket?“ Seine Stimme wurde dienstlich. Anton hielt die Flasche. Ich suchte mit meiner Linken unsere Taschen ab.

Stimmen aus dem Publikum: „Das sind die Richtigen. Sekt saufen, aber kein Geld für die Fahrkarten! Sicher Künstler.“

„Mit Nachlösegebühr 14 Euro pro Person“, forderte der Kontrolleur mit müder Stimme.

„Wir müssen die Hände wechseln“, flüsterte ich Anton zu. „Wie soll ich denn mit meiner linken Hand in meine rechte Gesäßtasche kommen!“

Wir wechselten die Hände, der Kontrolleur die Farbe. Der Korken schoss an seiner Nase vorbei und riss ihm die Dienstmütze vom Kopf.

„Den Korken können Sie behalten“, sagte Anton großzügig, „Sektkorken bringen Glück.“

Im Gang stand ein Mädchen mit einer schulterfreien Bluse. Architektonisches Wunderwerk der frei tragenden Bauweise. Der entfesselte Sekt hüllte die schönsten Teile Teile der Bluse in ein Schaumbad.

Das Mädchen kreischte einmal kräftig und schielte auf seinen schäumenden Busen. Anton steckte erschrocken den Finger in den Hals. In den Flaschenhals.

Nicht nur Menschen sind leicht zu durchschauen, wenn man sie unter Alkohol setzt. Auch Blusen. Sie wurde durchsichtig. Es ist kaum zu glauben, wie wenig ein Mädchen anziehen kann.

Der Mann mit der Zeitung wachte interessiert auf.

Einige Frauen unterhielten sich laut über sektspritzende Lüstlinge in der Regionalbahn.

„Die Fahrkarten bitte!“ drohte der Kontrolleur, aber da er keine Mütze mehr trug, imponierte er uns kaum noch.

Anton stellte die Flasche neben sich auf den Sitz und ersetzte den Korken durch seinen Mittelfinger. Er hielt dicht, bis der Herr im grauen Anzug einstieg. Ohne hinzusehen, setzte der sich auf den Platz neben Anton, der gerade noch seine Hand wegziehen konnte. Die Flasche beharrte hartnäckig auf ihren Platz.

So hätte der Graue ja nun auch nicht zu zetern brauchen. Andere wären froh über eine Abkühlung gewesen.

„Wer kann sich schon ein Sektsitzbad leisten!“ Anton sah ihn vorwurfsvoll an. Wir gaben dem Mann die Reinigungskosten für die Hose. Auch das Mädchen verlangte, wir sollten die Bluse reinigen lassen.

„Na klar“, stimmte ich zu, „ziehen Sie sie gleich aus, sonst holen sie sich noch einen Blusenkatarrh.“

Der Kontrolleur verlangte Geld für eine neue Mütze. Und die Fahrkarten.

Inzwischen soff ein Dackel den auf den Boden vergossenen Sekt. Nach dem fünften Schluckt bellte er frivole Lieder und biss einer unverheirateten Dame ins Bein. Die gab ein empörtes „Huch!“ von sich.

„Nun hamse sich mal nich so“, sagte der Mann mit der Zeitung, „sein Se doch froh, dasset nich der Storch war.“ Vielleicht war er ja Barth-Double – er lachte laut über seinen Witz, den er gut fand. Dann lehnte er sich zurück und blätterte seine Zeitung auseinander.

Anton starrte auf die Rückseite, holte tief Luft und – „Mensch“, stöhnte er, „du blöder Heini!“

„Nimm sofort den Heini zurück“, verlangte ich. „Und überhaupt – warum eigentlich?“

Anton zeigte wortlos auf die Zeitung. Dabei warf er mir einen Blick zu, dass der besoffene Dackel jammerte.

In der Zeitung standen, nach voller Entfaltung, zwei Überschriften:

„Explodierende Seltersflaschen als Folge der Hitze kommen äußerst selten vor“ und „Haus stürzte zusammen. Schwere Folgen eines Erdrutsches“.

Ich nahm die Flasche und goss den Rest über die schwitzenden Rosen.

Ich. Nicht.

September 14, 2009 von Eddie abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Zu Anfang war ich einfach nur still. Das war relativ unkompliziert, ich musste einfach den Mund halten. Große Resonanz gab es jedoch nicht. Nun habe ich gestern angefangen zu humpeln, plötzlich, also ich hab unbewusst mein linkes Bein nachgezogen, fing an, gedrungen zu laufen. Ich wurde langsamer als all die andren und interpretierte die Blicke als Aufmerksamkeit, die ich zu verdienen glaubte. Naja, es gab bessere Humpler als mich, jemand neben mir hatte einen gebrochenen Arm, das kam besser an. Das machte mich irgendwie traurig, ich dachte angemessen auf diese Wandlung reagieren zu müssen und stürzte mich bäuchlings in ein Käseregal. Diese Aktion brachte immerhin 5 Gaffer und einen überfürsorglichen Supermarktangestellten mit sich. Zudem hatten mich einige scharfkantige Käseverpackungen quasi stigmatisiert und ich stand, wieder aufgerichtet, die Arme links und rechts von meinem Körper abgespreizt, aus beiden Händen blutend, etwas benommen in der Gegend rum.

Irgendwann wurde man meines Anblickes überdrüssig, und zu Feierabend schickte man mich nach Hause. Ich wurde frustrierter, lethargischer, einsamer. Die brillianteste Idee, so dachte ich, kam mir am darauf folgenden Sonntag.

Auf der stark befahrenen und durch Laufkundschaft belebten Straße vor meinem Haus nahm ich einem Abbieger die Vorfahrt. Ich war nicht sonderlich zu schnell, die üblichen 50 km/h werden es gewesen sein. Er rammte mich nicht ganz frontal, sein Stoß in meine Fahrerseite drängte mich jedoch derart von der Spur, dass ich über einen mit Betonkübeln abgegrenzten Vorgarten in die dazugehörende Dönerbude krachte, den Tresen und 3 Gäste mitnahm und vor der Fußballleinwand zum Stehen kam. Ich stöhnte laut, schrie teilweise unter den Versuchen der Feuerwehr, meinen eingeklemmten Unterkörper aus dem Auto zu befreien. Dass die in Plastiksäcken aus dem Etablissement getragenen Gäste DAS HIGHLIGHT dieses Sonntages für ca. 20 gaffende, abgesperrte Passanten, sowie dutzende Vorbeifahrende und später auch Nachrichten- und Boulevardinteressierte war, versteht sich von selbst. Ich hatte jetzt einen Rollstuhl. Nicht nur zum Spaß, ich brauchte ihn gewissermaßen auch zur Fortbewegung. Rollstuhlfahrer werden ja bisweilen so mitleidig angeschaut oder im besten Fall ignoriert, dass dies wohl der Höhepunkt meines Projektes zu sein schien: ach schnöde Oberflächlichkeit! Ich gedachte meiner Umwelt entgegenzukommen und erblindete, aus Gründen, die ich  nicht näher erläutern möchte, von einem Tag, also von einer Minute auf die andere, in meinem Bad, aus dem Rollstuhl stürzend. Ich genoss die Dunkelheit, sie gab mir viel, ich bestand darauf, nicht an U-Bahnhöfen abgestellt zu werden, einfach nur in einem Zimmer vor einem hingemogelten Fenster zu stehen.

In den ersten Wochen kam ab und an Besuch, ich vernahm nur die Stimmen, kramte in meinem Kopf nach den Gesichtern zu diesen sogenannten Freunden, bastelte in  meiner Fantasie Fältchen, Schweinsnasen oder anderes Skurriles an diese schemenhaften Masken und amüsierte mich. Dadurch kam mein geheucheltes Interesse auch gleich viel authentischer rüber. Ich freute mich mit ihnen, lachte oder glaubte ein mitfühlendes Gesicht zu machen, wenn man sein Leid bei mir abzuladen suchte. Irgendwann langweilten sie mich jedoch, wie üblich. Ich konnte nicht mehr malen, nicht schreiben, nicht fotografieren und den Schmogs, die zu mir kamen, fehlte es nicht am funktionierenden Körper für ihr Leben, es mangelte ihnen am funktionierenden Kopf.

Taub wird man, wenn man zu tief taucht, durch einen überlauten Ton, durch eine Nadel im Trommelfell, durch gute Kopfhörer. Dann war ich wieder still.