spree:geflüster

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Kleines L’Amour fou (Text.Experiment.)

September 28, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Gelebtes., Geschrieben., Gesehen., GLitterarisches.

Sich wie Paulhan vom Undurchschaubaren alles erhoffen und alptraumträumend mit Rentiergeweih, sicher 16ender oder so, durch den Fußgängerschacht Wilmersdorfer Straße auf der Flucht vor KaufrauschWahnsinnigen irren, in einen Gulli SCHRECK DER TIEFE fallen. Aber das Geweih passiert nicht, da kreischen sie und zündeln, doch solch ein Geweih kokelt ja nur.

Menschen in der Großstadt. Typen rasen hetzen pennen, gerade Schritte in klaren unsichtbaren Linien, denn das Chaos des Gewirrs in Wirklichkeit bedarf der Ordnung im Kunstraum, die Organisation von Hektik im Szenen-Text-Zusammenprall, und die war wirr überschaubar. Zunehmend die Plastikkoffertaschen der Einkaufsüberlasteten, die Frau der müdlosen Rast wird von Lauf zu Lauf in die Tiefe gezogen, ihr hängt das Gewicht in den Knien, die Hetze, die sie gedanklich nicht spürt, zerrast die Lebenszeit: Pünktlichkeit. Es knappt das Geld, und dann, nachdem längst Licht ward, funkeln Blicke im Tanz um die Unmöglichkeit einer Wohnung zwischen zweien und vier Zimmern, die Enthüllung höchst ergreifender Episoden einsamer Menschen betäubt in Momenten des Charmes.

Warum, ja warum sah man sich nie am Flaschencontainer Gotzkowski- Ecke Turm?

Aber schon der Blick durchs Traumnetzgitter enthüllt den Nerv des Zufälligen, die Familie, die die Hölle ist. Perverse Schärfe des Opas, in Sätzen in Griffen der Enkelin gegenüber zu harmlos, vielleicht verloren durch das Skurrile des Kissenfetischismus’ von Muttern, der sie in den Tod treibt, umschlägt. Ein Leben lang Plackerei; wir müssen sie uns glücklich vorstellen. Aber verstellt ist der Blick durchs Traumnetz der Erinnerung, der Schmerz des Andersenschen Streichholzmärchenmädchens deutet sanft nach.

Ich saß auf einer Bank, vergaß sie in den Schätzen des Verwandlungsreichtums der Vorbeihuschenden ebenso wie die Leerstellen gemeiner Partyszenen, KicherGeschwätzKlischee; verdeckt versteckt von musikalischer Untermalung im Täuschungsmanöver nachhallender Klänge, mit denen ich hernach noch durch die Straßen taumelte, die weiterhin kurweilig Unschätzbares verkünden.

Ich. Nicht.

September 14, 2009 von Eddie abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Zu Anfang war ich einfach nur still. Das war relativ unkompliziert, ich musste einfach den Mund halten. Große Resonanz gab es jedoch nicht. Nun habe ich gestern angefangen zu humpeln, plötzlich, also ich hab unbewusst mein linkes Bein nachgezogen, fing an, gedrungen zu laufen. Ich wurde langsamer als all die andren und interpretierte die Blicke als Aufmerksamkeit, die ich zu verdienen glaubte. Naja, es gab bessere Humpler als mich, jemand neben mir hatte einen gebrochenen Arm, das kam besser an. Das machte mich irgendwie traurig, ich dachte angemessen auf diese Wandlung reagieren zu müssen und stürzte mich bäuchlings in ein Käseregal. Diese Aktion brachte immerhin 5 Gaffer und einen überfürsorglichen Supermarktangestellten mit sich. Zudem hatten mich einige scharfkantige Käseverpackungen quasi stigmatisiert und ich stand, wieder aufgerichtet, die Arme links und rechts von meinem Körper abgespreizt, aus beiden Händen blutend, etwas benommen in der Gegend rum.

Irgendwann wurde man meines Anblickes überdrüssig, und zu Feierabend schickte man mich nach Hause. Ich wurde frustrierter, lethargischer, einsamer. Die brillianteste Idee, so dachte ich, kam mir am darauf folgenden Sonntag.

Auf der stark befahrenen und durch Laufkundschaft belebten Straße vor meinem Haus nahm ich einem Abbieger die Vorfahrt. Ich war nicht sonderlich zu schnell, die üblichen 50 km/h werden es gewesen sein. Er rammte mich nicht ganz frontal, sein Stoß in meine Fahrerseite drängte mich jedoch derart von der Spur, dass ich über einen mit Betonkübeln abgegrenzten Vorgarten in die dazugehörende Dönerbude krachte, den Tresen und 3 Gäste mitnahm und vor der Fußballleinwand zum Stehen kam. Ich stöhnte laut, schrie teilweise unter den Versuchen der Feuerwehr, meinen eingeklemmten Unterkörper aus dem Auto zu befreien. Dass die in Plastiksäcken aus dem Etablissement getragenen Gäste DAS HIGHLIGHT dieses Sonntages für ca. 20 gaffende, abgesperrte Passanten, sowie dutzende Vorbeifahrende und später auch Nachrichten- und Boulevardinteressierte war, versteht sich von selbst. Ich hatte jetzt einen Rollstuhl. Nicht nur zum Spaß, ich brauchte ihn gewissermaßen auch zur Fortbewegung. Rollstuhlfahrer werden ja bisweilen so mitleidig angeschaut oder im besten Fall ignoriert, dass dies wohl der Höhepunkt meines Projektes zu sein schien: ach schnöde Oberflächlichkeit! Ich gedachte meiner Umwelt entgegenzukommen und erblindete, aus Gründen, die ich  nicht näher erläutern möchte, von einem Tag, also von einer Minute auf die andere, in meinem Bad, aus dem Rollstuhl stürzend. Ich genoss die Dunkelheit, sie gab mir viel, ich bestand darauf, nicht an U-Bahnhöfen abgestellt zu werden, einfach nur in einem Zimmer vor einem hingemogelten Fenster zu stehen.

In den ersten Wochen kam ab und an Besuch, ich vernahm nur die Stimmen, kramte in meinem Kopf nach den Gesichtern zu diesen sogenannten Freunden, bastelte in  meiner Fantasie Fältchen, Schweinsnasen oder anderes Skurriles an diese schemenhaften Masken und amüsierte mich. Dadurch kam mein geheucheltes Interesse auch gleich viel authentischer rüber. Ich freute mich mit ihnen, lachte oder glaubte ein mitfühlendes Gesicht zu machen, wenn man sein Leid bei mir abzuladen suchte. Irgendwann langweilten sie mich jedoch, wie üblich. Ich konnte nicht mehr malen, nicht schreiben, nicht fotografieren und den Schmogs, die zu mir kamen, fehlte es nicht am funktionierenden Körper für ihr Leben, es mangelte ihnen am funktionierenden Kopf.

Taub wird man, wenn man zu tief taucht, durch einen überlauten Ton, durch eine Nadel im Trommelfell, durch gute Kopfhörer. Dann war ich wieder still.

Azrael

August 31, 2009 von Gastautor abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

(Ein Beitrag zu “Teuflische 666 Wörter ohne Anglizismen”)

von Klaus Schrage

Kein Zweifel, mit seinem Leben war Azrael nicht mal unzufrieden. Gut, als Abgesandter des Teufels war er auch für unschöne Dinge zuständig. Aber auf Planeten mit Lebewesen gibt es eben immer einen Verdrängungswettbewerb. Und der muss stattfinden, so unerfreulich das manchmal ist.

Das Böse brauchte also einen Vertreter auf Erden. Weil er aber die Menschen mehr mochte, als ihm das von Satan zugestanden war, bemühte sich Azrael darum, die Folgen seines Handelns in Grenzen zu halten. Im Grunde seines Herzens war er ein Witzbold, der nur spielen wollte. Sicher, ein kleines Erdbeben musste er gelegentlich veranstalten. Schon, um den Herrn der Unterwelt zu besänftigen. Aber sonst war Azrael mit sich selbst im Reinen. Er hatte es, da war er sich sicher, nie zu schlimm getrieben. (weiterlesen…)

Die Welt ist ein Ungeheuer

August 31, 2009 von Gastautor abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

(Ein Beitrag zu “Teuflische 666 Wörter ohne Anglizismen”)

von Miss Geschick

Kann man das so schreiben? Eigentlich müsste man ein Eigentlich einfügen, denn das wäre eine Einschränkung, aber will ich meine Worte einschränken? Nein, es muss so hart und ungerecht ausgesprochen werden, denn sonst merkt ja niemand mehr was heutzutage, wer nicht mit Gewalt kommt, wird nicht gehört! Auch ein Merkmal des Ungeheuers.

Teuflisch, diabolisch und extrem gefährlich. (weiterlesen…)

Die sieben Söhne der Frau Woche (VII)

August 23, 2009 von Peter Dessin abgelegt in: Geschrieben., GLitterarisches.

Der Sonntag

Sonntags schlafen meine Eltern immer etwas länger. Ich machte mir daher selber eine Kleinigkeit zu essen, um gestärkt den Weg in den Stadtpark antreten zu können.

Dort angekommen, bin ich überrascht. Meine Freunde sind da, ja, aber mit ihnen auch eine große Gruppe, die ich nicht kenne.

Das sollte sich alsbald ändern. Aus dem Pulk mir unbekannter Erwachsener schälte sich der Sonntag heraus – er war jetzt größer, als ich erwartet hatte. Er kam auf mich zu und begrüßte mich freundschaftlich. „Leopold“, rief er mir zu, „es ist schön, dich heute noch einmal zu sehen.“

Ich erwiderte seinen Gruß, aber er ließ mich fast nicht ausreden.

„Leo, wie du siehst, sind wir heute nicht alleine hier.“ Ich nickte, gespannt, was er jetzt zu erzählen hatte.

„Vorgestern waren wir bei einem Familienfest und schon heute treffen wir uns schon wieder. Alle waren gespannt, dich kennen zu lernen.“

Ich war verwirrt. Wer? Alle diese Unbekannten dort? Aber bevor ich fragen konnte, fuhr der Sonntag fort: „Alle diese Leute, die du hier siehst, sind mit uns verwandt. Wir Wochentage sind die Jüngsten. Unsere Mutter steht dahinten, das ist Frau Woche. Sie redet gerade mit ihren Onkeln, den Monaten.”

„Von den Monaten habe ich schon gehört“, warf ich ein. „Ich kenne auch schon die meisten.“

Ich zählte die Monate auf, die ich kannte, aber ich vergaß den einen oder anderen. Der Sonntag beruhigte mich. „Für die meisten Menschen ist Zeit etwas Absolutes. Die Monate folgen einander genau so wie wir Wochentage einander. Aber während wir Tage ständig im Bewusstsein der Menschen sind, sind die Monate nicht so wichtig. Gut, sie werden benutzt, um wichtige Tage besser festhalten zu können. Oder, um unsere größeren Verwandten, die Jahreszeiten, besser einordnen zu können.“

„Die Jahreszeiten sind eure Großonkel, die mir das Gedicht geschrieben haben?“ fragte ich.

„Ja, das hast du gut erkannt“, erwiderte der Sonntag, „und heute sind wir alle hier: Deine Freunde, die Wochentage, die Monate, die sich genau wie wir immer abwechseln, die Jahreszeiten, die sich immer streiten…“

„Und wer ist diese alte Frau dort hinten, die immer lächelnd mal mit diesem, mal mit jenem redet?“ fragte ich, die gesamte Runde genau beobachtend.

„Das, mein lieber Leo“, (ich mochte es, wenn meine erwachsenen Freunde mich bei meinem Spitznamen nannten) „ist unsere Urmutter, die Zeit. Sie läuft davon, wenn du sie am meisten brauchst, und sie ist da, wenn du meinst, ohnehin genug von ihr zu haben. Sie lässt sich messen, wenn du eine Uhr hast, hast du aber keine, wird sie dir viele tolle Streiche spielen.“

Gerade wollte ich dem Sonntag darauf hin etwas entgegnen, merkte ich, dass meine guten Freunde, die Wochentage, verschwunden waren. Der Winter, einer der Gr0ßonkel des heutigen Sonntags, strich mir noch einmal über’s Haar, wortlos verschwand er, zusammen mit den anderen.

Zurück blieb ich, allein gelassen mit einer alten, sehr gutmütigen Frau. Der Zeit. Und diese zwinkerte mir zu und gab mir zu verstehen: „Wenn du meinst, nichts mehr zu haben auf dieser Welt – Eines hast du immer: Zeit.“

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„Leopold!“ Ein scharfer Ruf reist mich aus meinen Träumen. „Leo, du wolltest doch eine Gute-Nacht-Geschichte schreiben.“

„Ja“, erwidere ich müde. „Ich fange gleich am Montag damit an.“ Sofort schlafe ich wieder ein. Und das solltest du jetzt auch tun. Wer weiß, vielleicht träumst du ja auch von den sieben Söhnen der Frau Woche?