spree:geflüster

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Totale Transparenz

August 16, 2009 von Peter Dessin Abgelegt in Geschrieben., GLitterarisches.

Ein mediales Schauermärchen

Nun ist es also soweit: Kabelwürste durchziehen unser Land, teilen es ein in eine wohlgeordnete Welt von Linien, Quadraten, Zeilen, Punkten. Bei gelegentlichen einsamen Spaziergängen auf menschenleeren Wegen rammt man sich den Schädel an überdimensionierten Sende- und Empfangstürmen, die man nicht sehen konnte – der Himmel ist verdunkelt dank einer Unzahl neuer Satelliten.

DIE ZUKUNFT IST DA SOVIEL ZUKUNFT WAR NIE –  HIHI

Modernste Telekommunikationssysteme machen es möglich, Nachrichten in die entferntesten Erdwinkel zu senden. Selbst Görlitz wurde schon vor Jahren vom ausschließlichen RTL-Plus-Empfang befreit und bekam noch Sat.1 hinzu. Auf …zig Kanälen wird allen alles gleichzeitig mitgeteilt. Und vergessen.

Katastrophen, Terrorismus, Kriege, Vergewaltigungsskandale, Revolutionen, 14-Tage-Diäten … alles kommt auf einen Tisch, alles auf die Titelseite.

EXPLODIERT! ZERFETZT! UMGEFALLEN! TOTGEMACHT!

Schlagzeile auf Schlagzeile. Afghanistan und Irak, L.A. und Kreuzberg, Merkel und Obama, alle lechzen sie nach Aufmerksamkeit, Rekordernten und Sensationen.

Ein neuzeitliches Paradoxon entsteht. Die Kenntnis der Vorgänge nimmt kontinuierlich ab, je mehr Informationen in der Öffentlichkeit kursieren. Die Masse ist nicht unwissend trotz der Enthüllungen in den Medien, sondern weil sie totinformiert wird.

Eiskalte Schauer jagen über liberale Rücken, man begreift, dass Information desinformiert.

Aber unsere Leser und Hörer und Zuschauer, erneuert zum alten deutschen Menschen von der berühmten Christlich-Abendländischen Kultur GmbH, haben Besseres zu tun, als in all den Informationen nach einem Sinn zu suchen. Mit kotelettenem Herzen und wurstbunter Phantasie weben sie begeistert an der Sage von der eigenen Größe, während eine unüberschaubare Menge rasender Reporter ihnen ständig exotische Hinrichtungen, Massenhysterien, Seuchen, Erdebeben, Reaktorunfälle, Staatsstreiche, Korruptionsskandale in die Hälse schieben. Doch erheitert, bewegt, erleuchtet fühlt sich keiner.

Die Zukunft?

Es wird erwogen, die gesamte Nachrichtenindustrie abzuschaffen. Wenn es keine Zeitungen mehr gäbe, wären zunächst einmal nur die Zeitungsleute betroffen. Die Öffentlichkeit wird eine Zeitlang aufgebracht sein, sich aber auch daran gewöhnen. So ist es, die Leute brauchen keine Zeitungen, sie brauchen kein Fernsehen; und sollte über Nacht die Geschichte aufhören zu existieren, wird sie auch das einen Dreck interessieren.

Die Allgemeinheit beginnt, sich der Medienumklammerung zu entziehen, wobei sich unter ihren Füßen ein Abgrund der Verwirrung auftut. Der wird alsbald mit weiteren wahnwitzigen Informationen wieder gefüllt werden: Mister Media ist ein Stehaufmännchen.

Was aber, wenn dieser Mr. Media sich über die Masse geirrt hat? Was ist, wenn die Medien ihrem eigenen Schatten nachgejagt sind wie eine Katze hinter dem eigenen Schwanz? Was, wenn die unhörbare Stimme der Öffentlichkeit nichts weiter ist als das Echo der Medien, das die eigene wachsende Angst über ein erzwungenes Selbstgespräch zurückwirft? Und was ist, wenn die augenblickliche Sorge der Masse nichts anderes ist als die Sorge der Medien, weit weg vom Brennpunkt des Geschehens zu sein?

Armer Mister Media. Ein Schreihals auf dem Jahrmarkt der Sensationen, zurückgelassen auf einer leeren Bühne. Ein king of comedy, der wie ein gescheiterter Bauchredner eine tote Puppe in der toten Stille hält.

Wie traurig. Wie unglaublich. Wie unerträglich.

Kann denn jemand unserem tapferen Mr. Media aus dieser heillosen Lage helfen? Ab auf die Couch: Wo liegen denn Ihre Fähigkeiten, Sir?

Ihre Nachrichten könnten den Gang der Geschichte ändern. Ihre Schlagzeilen könnten eine Million Kinder, deren Bäuche vor Hunger zu roten Luftballons wurden, vor dem Tode bewahren. Sie könnten die Politik vor Misskredit schützen, gerade jetzt, wo die alten Ideologien im Verschwinden begriffen sind, wo die Geschichte im Urlaub ist, wo das Gedächtnis auf der Bahre liegt. Sie könnten den Planeten davor bewahren, in die Luft gejagt zu werden. Und falls Sie den Fall-out lange genug überlebten, um die neuesten Schlagzeilen zu drucken…

In der schönen neuen Zukunft tauchen hässliche neue Fragen auf. Wem nützen denn die Nachrichten? Heute blasen sie einen Haufen heiße Luft in den kalten Abendhimmel, aber wenn der nächste miese Morgen kommt, lauern sie schon hinter der Hecke, als wäre nichts passiert, um der Öffentlichkeit wirklich herrliche Lügen ins Gesicht zu schleudern.

Es ist ja kein Wunder, dass die Masse nicht mehr aufmerksam ist. Denn die überfliegt an jedem Morgen ihres aktiven Lebens wie in Trance die Schlagzeilen, vorbei an den verstopften Windungen ihres Gehirns, in sich hinein horchend auf der Suche nach einer Realität. Die aber erreicht das öffentliche Auge nicht mehr. Irgendwann bemerkt die Masse, dass die Nachrichten keine Neuigkeiten mehr sind, nur ausgelutschte Histörchen, die sich ständig wiederholen auf Kosten einer längst verloren gegangenen Wirklichkeit, die lediglich die Verlierer dieser Welt noch finden können, blutend in ihren leeren Eingeweiden.

Mr. Media, ein krankes altes Männchen, ist ratlos. Das macht ihn verwandt mit den Regierungen dieser Welt. Die Menschen lassen sich nicht  mehr von den Nachrichten lenken. Sie gehen ihren eigenen Weg, größtenteils unbeaufsichtigt. Es gibt zwar am Rande des politischen Spektrums noch einige smarte Schlauberger, die ständig nach Ärger suchen, die murren, dass die Bevölkerung durch die Medien entfremdet wird – aber diese ist krank und müde von diesen sinnlosen Worten Entfremdung, Moral, Anteilnahme, Freiheit. Sie hat nie etwas umsonst bekommen, sie kennt den Haken an jeder Anteilnahme, an jeder Moral. Prediger, Politiker, Psychologen, sie alle wollen doch nur an den Geldbeutel. Die Masse nimmt sich in acht vor Leuten, die versprechen, Gutes zu tun. Die Masse kennt den Preis, den sie für jedes bisschen Hilfe, für den kleinsten Schluck einer dünnen Suppe bezahlen muss.

Die Masse kennt auch unseren Mister Media. Sie weiß, dass nicht die Nachrichten an die Öffentlichkeit, sondern die Öffentlichkeit an die Nachrichten verkauft werden soll. Sie durchschaut die Versuche. Zwar werden weiterhin bedeutsame Informationsfetzen und hochgeistige und hochgeschraubte Worte in die Masse geworfen, so, wie man einem Hund einen Knochen zuwirft. Aber die Masse schnappt nur nach dem Knochen und verschwindet wieder in ihrem elektronischen, vollautomatischen Käfig. Sie sucht weiter nach dem rohen Fleisch, sie lechzt nach den Eingeweiden, solange niemand kommt und diesen Bedeutung beimisst und ihr damit Kopfschmerzen bereitet…

Bist du verwundet, lieber Leser? Du bist tot. Wunderst du dich ? Du gähnst.

Es ist ja nur ein Märchen…

Schlafe weiter, schlafe schön!

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