spree:geflüster

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Weltstadt.

November 05, 2009 von Manuela Brunner Abgelegt in Gesehen.

Klar, hell und kalt sind die ersten Bilder dieses Films. In seiner Anfangssequenz suggeriert Regisseur Christian Klandt zunächst eine Einheit des Raumes, die er schon nach wenigen Schnitten als Täuschung enttarnt. „Wir werden uns eine Zeit lang nicht sehen“, sagt der eine Gesprächspartner zum anderen. Ab jetzt kämpft jeder für sich allein.

06_Steffi (Karoline Schuch) kaempft verzweifelt gegen die Flammen

„Weltstadt“ – der Titel ist gleichzeitig ironisch gemeint und ganz ernst. Die brandenburgische Kleinstadt, in der er spielt, ist so weit davon entfernt, „Weltstadt“ zu sein, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Geschichte aber könnte so oder so ähnlich überall spielen. Davon zeugen die vielen Preise, die der Film auf internationalen Festivals bereits gewonnen hat.

Till schmeißt seine Malerlehre, als er von seinem Chef erfährt, dass er ihn nach der Ausbildung nicht übernehmen wird. Sein Freund Karsten verbringt seine Tage mit Biertrinken und Kiffen. Probleme löst er gerne mal mit geballten Fäusten, weshalb er Sozialstunden in einem Obdachlosenheim ableisten muss. Tills Freundin Steffi jobbt im Sonnenstudio, würde aber lieber in einem Kosmetiksalon arbeiten. „Berlin“ ist für Till und Steffi – wie auch schon für die Protagonisten in Vanessa Jopps „Vergiss Amerika“ – das Zauberwort, das Versprechen einer besseren Zukunft. Doch sie schaffen den Absprung nicht. Ihnen steckt die Angst in den Knochen, zu enden wie ihre von Sorgen gezeichneten Eltern. Oder wie Heinrich, der schon zum zweiten Mal pleite macht, diesmal mit einer Imbissbude. Oder gar wie der Obdachlose im Park, der schließlich zum Opfer der aufgestauten Frustration von Till und Karsten wird.

04_Hendrik Arnst als Kioskbesitzer Heinrich

Florian Bartholomäi und Gerdy Zint sind in den Hauptrollen exzellent besetzt und immer glaubwürdig. Am anrührendsten und beklemmendsten ist jedoch Hendrik Arnst, der den glücklosen Heinrich spielt. An seinem letzten Abend lädt er seine Stammkunden auf ein Bier ein. Es wird getrunken und über die Verhältnisse geschimpft. Der letzte Staatschef der DDR wird da schon mal zum „guten, alten Erich“. Die Gäste verabschieden sich und Heinrich bleibt zurück, Tränen in den Augen. Allein vor seiner bankrotten Imbissbude, an einem Tisch voller leerer Flaschen.

05_Karsten (Gerdy Zint) und Till (Florian Bartholomaei) vertreiben sich die Zeit mit Alkohol und Videospielen

Es hat Tradition, dass die Absolventen der Filmhochschulen mit ihren Abschluss- oder Debütfilmen gern dorthin gehen, wo sie sich auskennen. Christian Klandt nennt „Weltstadt“, der im Rahmen eines Langfilmseminars an der HFF Konrad Wolf entstand, einen Heimatfilm. Und wir spüren, dass er und sein Kameramann René Gorski die Stadt und die Menschen dort in- und auswendig kennen. Beide sind in Beeskow, wo der Film gedreht wurde, aufgewachsen. Sie sehen mit dem klaren und unbestechlichen, aber dennoch liebevollen Blick dessen, der weg ging, und der mit geschultem Auge nach Hause zurückkehrt. Gorskis Kamera bleibt gern nah an ihren Protagonisten, beweglich, ein lebendiger, atmender Teilnehmer am Geschehen. Das ist nicht das kühle, distanzierte Kino, das man gern als „Berliner Schule“ verschlagwortet, auch wenn ein gewisser Einfluss vielleicht spürbar ist: das wache Interesse an der Wirklichkeit und der Wille zum durchkomponierten Bild, besonders in den Totalen. Manchmal erinnert der Stil des Films auch an einen, der ebenfalls an der HFF in Potsdam studiert hat – Andreas Dresen. Die Szenen mit dem Imbissbudenklientel rufen Erinnerungen wach an „Halbe Treppe“. Die Alten im Obdachlosenheim wecken eine leicht unangenehme Mischung aus Mitleid und Belustigung, fast wie der pflegebedürftige, pensionierte Lehrer aus „Sommer vorm Balkon“.

02_ Steffi (Karoline Schuch) diskutiert mit Nadine (Henrike von Kuick) ueber ihre Zukunft

Wie Karsten versucht, im Heim eine Küche zusammenzubauen und sich dabei die hämischen Kommentare der beiden alten Männer anhören muss – das ist einer der wenigen heiteren Momente in einem ansonsten sehr ernsten Film, der sich mit großer Sensibilität seines schwierigen Themas annimmt, ohne dabei in die Falle zu tappen, belehrend oder melodramatisch zu werden. Manchmal schafft es der junge Autor und Regisseur zwar noch nicht, seine kleine Welt so engmaschig zu stricken, wie er gern würde (Tills Vater, der Polizist, bleibt eine seltsam unverbundene Figur, deren Rolle erst zum Ende hin wirklich klar wird). Aber es wird spannend sein zu sehen, wie er sich schlägt, wenn er mit seinem nächsten Stoff in die Welt hinaus zieht, die er mit seinem Erstling so erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht hat.

WELTSTADT

D 2008. Regie & Buch: Christian Klandt. Kamera: René Gorski. Schnitt: Jörg Schreyer. Musik: David Christiansen. Produktion: HFF Konrad Wolf & ARTE. Darsteller: Florian Bartholomäi, Gerdy Zint, Karoline Schuch u.a.

Starttermin: 5. November 2009

(Fotos: X-Verleih, Berlin, 2009)

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